Viermal erfolgreich

Jeweils zwei Max-Planck-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten am 19. März 2018 den Leibniz-Preis in Berlin

Alessandra Buonanno und Erika L. Pearce, Jens Beckert und Bernhard Schölkopf erhalten die höchste wissenschaftliche Auszeichnung Deutschlands. Der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verliehen und ist mit jeweils bis zu 2,5 Millionen Euro dotiert.

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Die erfolgreichen Leibniz-Preisträger 2018 (von links oben nach rechts unten): Bernhard Schölkopf, Erika L. Pearce, Alessandra Buonanno und Jens Beckert

Gravitationswellen exakt berechnet

Alessandra Buonanno (49) wird mit dem Leibniz-Preis 2018 für ihre Leistungen im Bereich der Gravitationsphysik ausgezeichnet, insbesondere für ihre Arbeiten zur Physik der Gravitationswellen. Mit dem direkten Nachweis von Gravitationswellen, die bei der Kollision zweier schwarzer Löcher entstanden waren, gelang 2015 ein spektakulärer Nachweis der Gültigkeit der Allgemeinen Relativitätstheorie. Ein wesentlicher Baustein für diesen Erfolg waren die von Buonanno entwickelten theoretischen Modelle, die es erlauben, die Signale der Gravitationswellen zu identifizieren und zu interpretieren. Bereits als Postdoktorandin entwickelte sie zusammen mit Thibault Damour den sogenannten EOB-(Effective One-Body-)Formalismus, eine extrem effiziente Methode, um die Bewegung binärer Systeme und ihre Emission von Gravitationswellen zu beschreiben. Buonanno entwickelte diesen Ansatz weiter, um auch Verschmelzungen von Neutronensternen erfassen zu können. Diese hoch verdichteten, massereichen Sterne werden vor der Verschmelzung deformiert, was Rückschlüsse auf ihre innere Struktur ermöglicht.

Alessandra Buonanno studierte Physik in Pisa und wurde dort 1996 promoviert. Sie forschte sodann am CERN, an mehreren ausgewiesenen Institutionen in Paris sowie am California Institute of Technology. 2005 wurde sie als Associate Professor an die University of Maryland berufen, wo sie seit 2010 einen Lehrstuhl innehat. Seit 2014 ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam-Golm, seit 2017 Honorarprofessorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Potsdam. Buonanno erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2016 den Niedersächsischen Staatspreis, gemeinsam mit Bruce Allen und Karsten Danzmann.

T-Zellen und ihre Rolle im Immunsystem

Für ihre herausragenden Arbeiten auf dem Gebiet der Stoffwechsel- und Entzündungsforschung wird Erika L. Pearce (45) der Leibniz-Preis zuerkannt. Im Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses stehen die Regulation des Immunsystems und der T-Zellen, einer Gruppe von weißen Blutzellen, und insbesondere der Einfluss des Stoffwechsels auf die Steuerung der Immunreaktion. Pearce konnte zeigen, dass ein verändertes Angebot von Glucose und die damit verbundenen Veränderungen im Stoffwechsel die T-Zellantwort beeinflusst. Darüber hinaus hat sie auch die Signalmechanismen entschlüsselt, die die immunmetabolische, also stoffwechselbedingte Programmierung in T-Zellen bestimmen. Pearce ist es somit gelungen, Grundlagenmechanismen der Zellbiologie aufzuklären und diese mit entscheidenden medizinischen Anwendungen zu verknüpfen: Ihre gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Bedeutung für unser heutiges Verständnis der Abwehr von Tumoren und Erregern sowie für die Entwicklung von Immuntherapien.

Erika Pearce ist seit 2015 Direktorin am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg/Breisgau und leitet dort die Abteilung des Instituts für Immunmetabolismus. Pearce studierte Biologie an der Cornell University und wurde 2005 in Zell- und Molekularbiologie an der Universität von Pennsylvania promoviert. Ab 2011 war sie zunächst Assistant Professor, später Associate Professor an der Washington University School of Medicine in St. Louis, von wo aus sie auf ihre jetzige Position wechselte.

Neue interdisziplinäre Perspektive in den Sozialwissenschaften

Jens Beckert (50) erhält den Leibniz-Preis 2018 für seine Arbeiten zur Erneuerung einer interdisziplinären Perspektive in den Sozialwissenschaften, vor allem im Schnittfeld von Soziologie und Wirtschaftswissenschaft – zwei Disziplinen, die sich seit Langem überwiegend isoliert voneinander entwickelt haben. Bereits in seiner Dissertation zu „Grenzen des Marktes“ (1996) legte Beckert die Grundlagen der soziologischen Einbettung wirtschaftlicher Fragestellungen. Mit seiner Habilitation „Unverdientes Vermögen“ (2003) entwickelte er eine vergleichende Soziologie des Erbrechts, in der er aufzeigte, wie sich unterschiedliche Vorstellungen von familiärem Zusammenhalt, Verdienst und Anerkennung in rechtlichen Regeln niederschlagen. Dies brachte ihm auch in den Rechts- und Geschichtswissenschaften hohe Anerkennung ein. In seinem jüngsten Buch „Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamics“ (2016) diskutiert Beckert unterschiedliche wirtschaftliche Praktiken und zeigt, wie verschiedene Vorstellungen über die Zukunft sozial koordiniert werden und es ermöglichen, mit der Ungewissheit in der Gegenwart umzugehen. So ist es Beckert gelungen, neue empirische Fragestellungen mit begrifflicher Reflektion zu verbinden und dabei aktuelle Problemstellungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu thematisieren.

Jens Beckert ist seit 2005 Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Er studierte Soziologie und Betriebswirtschaft in New York und Berlin, 1996 wurde er in Berlin promoviert. Nach einem Gastaufenthalt an der Harvard University und einer einjährigen Tätigkeit als Associated Professor in Bremen habilitierte Beckert sich 2003 in Berlin. Von 2003 bis 2005 war er Professor für Gesellschaftstheorie an der Universität Göttingen.

Wie Roboter lernen

Mit Bernhard Schölkopf (49) erhält ein Informatiker den Leibniz-Preis, der entscheidende Beiträge zur Theorie und zum Erfolg des „Maschinellen Lernens“ geleistet hat. Bereits zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn befasste Schölkopf sich mit sogenannten Support Vector Machines (SVM), die es ermöglichen, Eingabedaten zu klassifizieren. SVM sind dabei keine Maschinen im engeren Sinne – es handelt sich um ein rein mathematisches Verfahren der Mustererkennung. Schölkopf entwickelte einen Algorithmus, der sich eines Kerns oder Kernels bedient, um seine Berechnungen implizit in einem höherdimensionalen Raum auszuführen. Mit dieser eleganten Vereinfachung legte er den Grundstein für den großen Erfolg der SVM. Das Forschungsgebiet dieser „Kern-Maschinen“ gehört heute zu den wichtigsten Paradigmen des maschinellen Lernens. Dabei erkennt das Verfahren Muster in Lerndaten und kann in der Folge auch in zuvor unbekannten Daten diese Muster wiedererkennen. Zuletzt hat Schölkopf sich mit dem wenig erforschten Gebiet der kausalen Inferenz, der Nutzung von Kausalität in statistischen Lernverfahren, befasst. Diese Verfahren könnten in Zukunft eine Basis für zuverlässige intelligente Systeme, wie Roboter oder autonome Fahrzeuge, liefern.

Bernhard Schölkopf studierte Physik in Tübingen und arbeitete danach in den Bell Laboratories, New Jersey, mit Vladimir Vapnik, dem Pionier der Support Vector Machines. Nach seiner Promotion im Jahr 1997 an der TU Berlin arbeitete er bei der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung und bei Microsoft Research in Cambridge. 2001 ging er als Direktor an das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen, 2011 wechselte er mit seiner Forschungsgruppe als Gründungsdirektor an das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. Schölkopf ist Honorarprofessor an der TU Berlin und an der Universität Tübingen.

Die Leibniz-Preise 2018

Der Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erkannte heute in Bonn vier Wissenschaftlerinnen und sieben Wissenschaftlern den Leibniz-Preis 2018 zu. Sie waren zuvor vom zuständigen Auswahlausschuss aus 136 Vorschlägen ausgewählt worden. Von den elf Preisträgerinnen und Preisträgern kommen jeweils drei aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Lebenswissenschaften und den Naturwissenschaften sowie zwei aus den Ingenieurwissenschaften. Neun der Ausgezeichneten erhalten je ein Preisgeld von 2,5 Millionen Euro, zwei Wissenschaftler teilen sich einen Preis zur Hälfte mit je 1,25 Millionen Euro. Diese Gelder können die Preisträgerinnen und Preisträger bis zu sieben Jahre lang nach ihren eigenen Vorstellungen und ohne bürokratischen Aufwand für ihre Forschungsarbeit verwenden. Verliehen werden die Leibniz-Preise 2018 am 19. März in Berlin.

Die Meldung wurde am 19. März 2018 aktualisiert.

DFG/BA

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