Mit den Sklaven kamen Seuchen

Durch die gewaltsame Verschleppung von Afrikanern in die Neue Welt haben die Europäer offenbar auch Infektionskrankheiten nach Amerika gebracht

Drei Skelette aus einem Massengrab in Mexiko-Stadt aus dem 16. Jahrhundert verdeutlichen die Rolle des transatlantischen Sklavenhandels bei der Einführung und Verbreitung von Krankheitserreger auf den amerikanischen Kontinent. Forschende aus Deutschland und Mexiko kombinierten Skelettbefunde mit Daten aus Genomuntersuchungen und Isotopenanalysen, um die Lebensgeschichte dreier afrikanischer Sklaven zu erforschen und die Auswirkungen der massiven Zwangsmigration zu untersuchen.

Schädel und Zahnmodifikationen dreier afrikanischstämmiger Männer aus einem Massengrab auf dem Gelände des Hospital Real de San José de los Naturales in Mexiko-Stadt. Die drei wurden im 16. Jahrhundert als Sklaven nach Amerika verschleppt. Krankheitserreger, die Forschende in ihren Skeletten fanden, deuten darauf hin, dass die Sklaverei zur Einschleppung von Seuchen führte.

Fünf Jahrhunderte, nachdem Karl I. von Spanien den Transport der ersten afrikanischen Sklaven in das Vizekönigreich Neuspanien genehmigte, ist die Abstammung der zu Hunderttausenden entführten und versklavten Afrikaner ein integraler Bestandteil des genetischen Erbes und auch der Kultur in Amerika. Die Herkunft und Lebensgeschichten dieser Menschen sind jedoch weitgehend unbekannt.

Eine aktuelle Studie untersucht mit einem interdisziplinären Ansatz die Hintergründe und Lebensbedingungen dreier aus Afrika stammender Männer in Mexiko-Stadt. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aller drei Abteilungen und einer unabhängigen Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte sowie von zwei Laboren der Escuela Nacional de Antropología e Historia (ENAH) in Mexiko-Stadt haben ihr Fachwissen zusammengeführt, um die Geschichte dieser Menschen zu erzählen.

Die Skelette der drei Männer wurden in einem Massengrab auf dem Gelände eines Krankenhauses aus der frühen Kolonialzeit gefunden, das eigentlich der Behandlung der indigenen Bevölkerung diente. Die drei Männer gehören zu den ersten Afrikanern, die im 16. Jahrhundert, also in den frühen Jahren des europäischen Kolonialismus gewaltsam nach Amerika umgesiedelt wurden.

Herkunft aus Gebieten südlich der Sahara

Die Skelette fielen dem Forschungsteam zunächst durch auffällige Veränderungen an ihren Schneidezähnen auf. Solche kulturellen Praktiken sind aus Berichten über afrikanische Sklaven bekannt und werden heute noch bei einigen Bevölkerungsgruppen in Westafrika beobachtet. Die genetische Analyse zeigte, dass alle drei eine Afrikanische Y-Chromosom-Linie aufweisen, die heute in Afrika weit verbreitet ist, und auch häufig in der afroamerikanischen Bevölkerung vorkommt. Die Isotopenanalyse ergab, dass die Männer außerhalb Mexikos geboren wurden und aus den Skeletten konnten die Forschenden ablesen, dass die drei bis zu ihrem vorzeitigen Tod jahrelangen körperlichen Misshandlungen ausgesetzt waren. In der Kombination legen diese Ergebnisse nahe, dass die untersuchten Menschen in Afrika geboren wurden, aus ihren Heimatländern südlich der Sahara entführt und nach Amerika verschleppt wurden.

Das Forschungsteam untersuchte nicht nur die Abstammung und Herkunft der drei Afrikaner, sondern auch ihren Gesundheitszustand. Dem Team ist es dabei auch gelungen, zwei vollständige Genome von Krankheitserregern aus den Zähnen der Individuen zu rekonstruieren. Einer der Männer war mit einem Stamm des Hepatitis-B-Virus infiziert, der heute typischerweise in Westafrika vorkommt. "Obwohl wir keinen Hinweis darauf haben, dass sich diese Viren-Linie in Mexiko etabliert hat, ist dies der erste direkte Nachweis für die Einführung von Hepatitis B als Folge des transatlantischen Sklavenhandels", sagt Denise Kühnert, Leiterin der Forschungsgruppe tide am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Das ermöglicht neue Einblicke in die Geschichte des Erregers.“

In einem anderen Skelett fand das Forschungsteam ein Bakterium, das Frambösie hervorruft, eine schmerzhafte, syphilisähnliche Infektionskrankheit, die Gelenke und Haut befällt. Derselbe Erregerstamm war zuvor bei einem Kolonisten europäischer Abstammung in Mexiko aus dem 17. Jahrhundert identifiziert worden. Das deutet darauf hin, dass sich diese Krankheitslinie afrikanischen Ursprungs in der frühen Kolonialbevölkerung verbreitet hat.

Methodenmix erhöht Erkenntnisgewinn

„Moderne Labortechniken erlauben es uns, unglaubliche Datenmengen aus nur wenig biologischem Material zu gewinnen,“ ergänzt Erstautor Rodrigo Barquera. „Die Vielfalt und Fülle an Informationen, die wir heute durch die Analyse eines einzigen Zahnes von einem Individuum für Archäologie, Anthropologie und Gesellschaft gewinnen können, ist etwas, wovon wir vor zehn Jahren nur träumen konnten.“

„Indem wir Molekularbiologie, Isotopenanalyse und Methoden der Bioinformatik mit klassischen historischen, anthropologischen und archäologischen Belegen kombinierten, ist es uns gelungen, Einblicke in die Lebensgeschichte einiger der ersten afrikanischen Sklaven in Amerika zu gewinnen", sagt Johannes Krause, Direktor der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

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