Sprachliche Kontinuität trotz genetischer Umwälzung

Untersuchung alter und heutiger DNA belegt langfristigen Austausch im Südpazifik

Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte hat mithilfe genetischer und linguistischer Untersuchungen die demografische Geschichte des pazifischen Inselstaats Vanuatu rekonstruiert. Die Studie zeigt, dass die austronesischen Sprachen der ersten Siedler nach wie vor in den modernen Sprachen erhalten geblieben sind. Doch das Genom der heutigen Bewohner ist wesentlich von späteren Einwanderern geprägt, die aus anderen Regionen stammten.

Junge Männer in Kanus vor Malakula, einer von 83 Inseln des südpazifischen Inselstaats Vanuatu.

Der pazifische Inselstaat Vanuatu stellt die Wissenschaft immer wieder vor faszinierende Fragen: Erst vor 3000 Jahren besiedelten Menschen der Lapita-Kultur erstmals das Archipel. Diese Menschen waren überwiegend ostasiatischer Abstammung und sprachen austronesische Sprachen. Im Erbgut der heutigen Bevölkerung Vanuatus haben sie jedoch kaum Spuren hinterlassen, vielmehr wurden ihre Gene nahezu vollständig durch Papua-Gene ersetzt, wie sie das Erbgut der Menschen auf Neu-Guinea und den umliegenden Inseln prägen. Diese Gene gelangten vor allem durch Migranten von den Inseln des Bismarck-Archipels nach Vanuatu. Die sprachliche Abstammung blieb dagegen trotz der genetischen Umwälzung erhalten. So sprechen die Menschen, die heute auf Vanuatu leben, Nachfolgesprachen der ursprünglichen austronesischen Sprachen.

Die Karten zeigen die Migrationsbewegungen in der Region. Vor rund 3000 Jahren besiedelten Menschen der Lapita-Kultur erstmals das Archipel( (oben). Später kamen immer wieder Migranten von den Inseln des Bismarck-Archipels nach Vanuatu.

Eine in Nature Ecology & Evolution veröffentlichte neue genetische Studie beleuchtet dieses einzigartige Phänomen. Ein multidisziplinäres internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte hat hierfür alte und heutige DNA analysiert und verglichen. Die Untersuchung zeigt, dass der genetische Wandel nicht die Folge einer einzigen großen Einwanderungswelle war. Stattdessen müssen die Menschen in den nordwestlichen und den südöstlichen Gebieten Melanesiens über einen langen Zeitraum hinweg kontinuierlich in Kontakt gestanden haben. Dieser Austausch begann nach den neuen Erkenntnissen viel früher als bisher vermutet. So konnten die Forscher Papua-Gene bei einem Individuum nachweisen, das vor 2500 Jahren auf Vanuatu lebte. Die ersten Migranten von den Inseln des Bismarck-Archipels erreichten Vanuatu also bereits kurz nach den Menschen ostasiatischer Abstimmung.

Die Ergebnisse der genetischen Studie unterstützen auch ein Modell aus der historischen Linguistik. Danach überdauerte die ursprüngliche, wahrscheinlich wenig differenzierte austronesische Sprache den genetischen Wandel, weil sie den Papua-Migrantengruppen, die nach und nach Vanuatu erreichten, als Verkehrssprache diente.

PM/MEZ

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