Dem Gehirn beim Sprachenlernen zugeschaut

Wissenschaftler beobachten, wie sich eine neue Grammatik im Kopf einprägt

28. Juni 2016

Max-Planck-Forscher in den Niederlanden haben erstmals Bilder vom Gehirn aufgenommen, während Probanden gerade begannen, eine neue Sprache zu lernen. Sie verwendeten dafür eine künstliche Sprache mit realen Strukturen. So konnten sie zeigen, dass neue linguistische Informationen in denselben Hirnregionen integriert werden, die auch für die Muttersprache genutzt werden.

Sprachwissenschaftler ließen Testpersonen in der Kunstsprache Alienese einfach Sätze lernen, etwa: "Der Mann fotografiert die Frau." Bei ungewohnter Wortstellung waren die Gehirne der Teilnehmer stärker beansprucht, als wenn die Grammatik der ihrer Muttersprache glich.

Das Erlernen einer neuen Sprache ist eine schwierige Aufgabe. Man muss sich neue Wörter merken, man muss lernen, wie man die Wörter grammatikalisch richtig zusammensetzt und das neue Wissen mit bestehenden Sprachkenntnissen verknüpfen. In einer Untersuchung, die aktuell im Journal of Neuroscience publiziert wurde, beobachteten Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen und des niederländischen Donders Institute diese Fähigkeiten mittels bildgebender Untersuchungen am Gehirn.

Die Probanden, holländische Muttersprachler, lernten dafür eine künstliche Miniatursprache namens Alienese. Dabei fiel den Forschern auf, dass es offensichtlich wichtig für das Gehirn ist, ob die grammatikalischen Eigenschaften der neuen Sprache (in diesem Fall die Wortstellung) den grammatikalischen Eigenschaften der Muttersprache ähneln. Gleichen sich diese, greift das Gehirn beim Erlernen der neuen Sprache auf die gewohnte Grammatik zurück. Unterscheiden sich die Wortstellung der neuen Sprache und die der Muttersprache, muss das Gehirn ein neues grammatikalisches Repertoire erstellen. Erstmals haben Forscher gezeigt, dass es dem Gehirn hilft, wenn es Eigenschaften der Muttersprache beim Erlernen einer neuen Sprache wiederverwenden kann.

Alienese besteht aus einer Reihe von Wörtern wie josa „Frau“, komi „Mann“ und oku „fotografieren“. Diese Wörter wurden in einer bestimmten Reihenfolge kombiniert, die mit der Wortstellung im Holländischen entweder übereinstimmte oder nicht. So bedeuten beispielsweise die Sätze "Komi oku josa" ("Mann fotografiert Frau") und "Josa komi oku" ("Frau Mann fotografiert") beide „Der Mann fotografiert die Frau“. Der erste Satz entspricht der Wortstellung im Holländischen, der zweite jedoch nicht. Die Probanden lasen Sätze mit diesen vertrauten und ungewohnten Wortstellungen, wobei ihnen Bilder gezeigt wurden, die die Bedeutung darstellten.

Wurden die unbekannten Wortstellungen wiederholt ("Josa komi oku"), so erhöhte sich die Hirntätigkeit in den Regionen des Gehirns, von denen man weiß, dass sie auch für die Muttersprache genutzt werden. „Die stärkere Aktivierung könnte einen speziellen Mechanismus im Gehirn widerspiegeln“, interpretiert Kirsten Weber, die Erstautorin der Studie. „Damit wird vermutlich ein neuronales Netzwerk aufgebaut, das Regelmäßigkeiten bei neuen Wortstellungen erkennt und verarbeitet.“

Wurde dagegen die bekannte Wortstellung ("Komi oku josa") wiederholt, so verringerte sich die Hirntätigkeit in den auf Sprache spezialisierten Hirnregionen. „Die reduzierte Aktivierung bestätigt unsere These, dass sich eine bekannte Struktur in einer neuen Sprache schnell wie eine Struktur in der Muttersprache verhält“, sagt Weber. „Eine bekannte Struktur wiederholt zu verarbeiten, beansprucht das Gehirn deutlich weniger.“ Insgesamt zeige die Studie, dass Menschen offenbar für die grammatikalischen Strukturen einer neuen Sprache die gleichen Hirnregionen nutzen wie für die der Muttersprache, da Alienese dabei war von den Teilnehmern in die vorhandenen Sprach-Netzwerke im Gehirn eingebaut zu werden.

CH/MEZ

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