Max-Planck-Forschungspreis für zwei Vordenker in Sachen Religion und Moderne

Die Alexander von Humboldt-Stiftung und die Max-Planck-Gesellschaft zeichnen Hans Joas und Bryan S. Turner aus

16. Juli 2015

Welche Bedeutung hat Religion in unserer Zeit? Wie lässt sich die universelle Gültigkeit der Menschenrechte begründen? Was sichert den Zusammenhalt in multikulturellen Gesellschaften? Für ihre Erklärungs- und Lösungsansätze zu Fragen wie diesen werden Hans Joas von der Humboldt-Universität zu Berlin und Bryan S. Turner von der City University of New York mit dem Max-Planck-Forschungspreis 2015 ausgezeichnet. Die Preisträger erhalten je 750.000 Euro. Damit werden sie in ihren weiteren Forschungsarbeiten und besonders in der internationalen Zusammenarbeit unterstützt.

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Die Preisträger: Bryan S. Turner und Hans Joas (von links nach rechts)
Die Preisträger: Bryan S. Turner und Hans Joas (von links nach rechts)

Lange Zeit sind die Sozialwissenschaften davon ausgegangen, dass mit zunehmender Modernisierung die Religionen aus dem öffentlichen Leben verschwinden und damit religiöse Konflikte früher oder später keine Rolle mehr spielen werden. Doch mit den Anschlägen vom 11. September 2001 rückte religiös motivierte Gewalt schlagartig wieder ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Ratlosigkeit beobachtet der Westen seither Aktivitäten von Gruppierungen wie den Taliban oder dem Islamischen Staat, die sich teilweise gegen die westliche Gesellschaftsordnung richten, noch öfter aber gegen andere Glaubensrichtungen innerhalb des Islam. Auch in anderen Religionen scheinen Fundamentalisten zunehmend gewalttätig zu agieren, etwa radikale Buddhisten in Myanmar, die die muslimische Minderheit der Rohingya verfolgen, oder evangelikale Christen in mehreren afrikanischen Ländern, die Homosexuelle unterdrücken und attackieren.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Max-Planck-Forschungspreises „Religion und Moderne: Säkularisation, gesellschaftliche und religiöse Pluralität“ ist daher nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern auch politisch und gesellschaftlich hochaktuell. Der Max-Planck-Forschungspreis ist einer der höchst dotierten Wissenschaftspreise in Deutschland. Er wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und jährlich von der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Max-Planck-Gesellschaft an einen in Deutschland und einen im Ausland tätigen Wissenschaftler verliehen. Die Ausschreibung des Themas wechselt jährlich zwischen Teilgebieten der Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Lebenswissenschaften und der Geisteswissenschaften.

Mit dem diesjährigen Schwerpunkt „Religion und Moderne“ befassen sich die Preisträger Hans Joas und Bryan S. Turner schon lange. Während Joas wichtige Impulse für ein neues Verständnis von Glauben in unserer Zeit gegeben hat, geht es bei Turner um die sich verändernden Zusammenhänge von Religion, Moderne und Säkularisierung und die daraus resultierenden sozialen Konsequenzen. Beide Wissenschaftler gelten als Koryphäen in ihrem Feld. Sowohl der Sozialphilosoph Hans Joas als auch der Religionssoziologe Bryan S. Turner sind der Überzeugung, dass die viel behauptete Säkularisierung moderner Gesellschaften nur eine sehr vereinfachte Sichtweise darstellt.

Zentrale Rolle der Menschenrechte

Für Joas spielt die Erfahrung der Selbsttranszendenz eine besondere Rolle, das heißt die Erfahrung eines Lebenssinns, eines höheren Ziels oder auch einer geliebten Person, für die ein Mensch da sein möchte. Turner hingegen rückt mit dem Recht die zentrale und entscheidende Institution moderner Gesellschaften in den Mittelpunkt. Nur das Recht sei in der Lage, angesichts sozialer, kultureller und religiöser Pluralisierung als struktureller Anker für den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu wirken. Den Rahmen, in dem sich eine pluralistische Gesellschaft entfalten kann, bilden aus seiner Sicht die universellen Bürger- und Menschrechte. Diese begründet er aus der Verletzlichkeit jedes Menschen, während Joas, für den die Menschenrechte ebenfalls von fundamentaler Bedeutung sind, diese aus einer historischen Entwicklung herleitet, in der die Würde des Menschen für unser Menschenbild immer prägender geworden ist.

Mit ihren Arbeiten sind die beiden Max-Planck-Forschungspreisträger noch lange nicht an ein Ende gelangt. Hans Joas wie Bryan S. Turner forschen weiterhin an brisanten Fragen und sind dabei auch international sehr präsent. Joas unterhält enge Kontakte mit Kollegen in den USA, Turner ist dabei, eine Kooperation mit der Universität Potsdam aufzubauen. Das Preisgeld wird ihnen unter anderem die Möglichkeit geben, junge Wissenschaftler in ihre Forschung einzubeziehen, sie zu fördern und dabei auch selbst neue Impulse zu bekommen.

Hans Joas (66) ist seit seiner Emeritierung Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor an der Berliner Humboldt-Universität sowie Professor und Mitglied des Committee on Social Thought an der University of Chicago. Als junger Wissenschaftler arbeitete er nach seiner Promotion zunächst am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Nach Stationen an den Universitäten in Erlangen und Berlin (neben zahlreichen Gastprofessuren) forschte und lehrte er als Max-Weber-Professor und Direktor des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt und später am Freiburg Institute for Advanced Studies.

Der gebürtige Brite Bryan S. Turner (70) hat an der City University of New York (CUNY) die Stellung des Presidential Professor of Sociology and Director for the Study of Religion inne und er ist Direktor des Instituts für Religion, Politik und Gesellschaft an der Australian Catholic University. Sein Weg führte ihn über die University of Essex und die University of Cambridge in Großbritannien, die Universität Utrecht in den Niederlanden und die Deakin University in Melbourne, Australien, an die National University Singapur und in die USA, hier zunächst ans renommierte Wellesley College und schließlich an die CUNY. In Deutschland forschte er in den 1980er Jahren als Stipendiat der Humboldt-Stiftung an der Universität Bielefeld.

Die Preisverleihung findet am 8. Dezember in Berlin statt.

MEZ

 

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