Die Kartografen der toten Gedanken

Vor 100 Jahren wurde in Berlin das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung gegründet. Erster Direktor war Oskar Vogt, ein ehrgeiziger Wissenschaftler, der mit der Untersuchung von Lenins Gehirn berühmt wurde. Seine Frau Cécile und er lieferten wichtige Erkenntnisse zum Bau der Großhirnrinde – und saßen auch manchem Irrtum auf.

Text: Elke Maier

Erfolgreiches Team: Oskar und Cécile Vogt an ihrer Hirnschneidemaschine um das Jahr 1905. Mit ihrer Forschung halfen sie, das Denkorgan besser zu verstehen - und begingen dabei den Irrtum, zu einer Höherzüchtung des geistigen Menschen beitragen zu wollen.

Der Auftrag, den Oskar Vogt im Januar 1925 aus Moskau bekam, war für den passionierten Hirnforscher an sich nichts Besonderes: Er sollte das Gehirn eines Toten untersuchen. Dafür würde man es in dünne Scheibchen schneiden, um seine Feinstruktur im Mikroskop sichtbar zu machen. Dass es sich dabei um das Denkorgan von Wladimir Iljitsch Lenin handelte, machte daraus allerdings eine Sache von größter politischer Tragweite.

Der Revolutionsführer war am 21. Januar 1924 im Alter von nur 53 Jahren auf seinem Landsitz in Gorki verstorben. Bei seiner Obduktion hatte man das nach mehreren Schlaganfällen schwer in Mitleidenschaft gezogene Gehirn entnommen und in Formalin konserviert. Eine detaillierte Gehirnanalyse sollte nun ans Licht bringen, was sich hinter Lenins herausragendem Intellekt verbarg.

Für diesen bedeutenden Auftrag schien Oskar Vogt der richtige Mann: Der 54-Jährige zählte zu den führenden Hirnforschern weltweit und kannte sich in Hirnanatomie und -pathologie, Neurologie und Psychiatrie bestens aus. Unter seiner Anleitung fertigte seine technische Assistentin Margarete Woelcke von Mitte 1925 bis Mitte 1927 in Moskau eine umfangreiche Schnittserie von Lenins Hirn an, Tausende in Paraffin eingebettete Präparate.

Vogt übernahm die histologische Analyse im Moskauer Institut für Hirnforschung, dem „Pantheon der Gehirne“, das eigens für die Untersuchung von Lenins Gehirn gegründet worden war – mit Oskar Vogt als Direktor. Seine Ergebnisse fasste er wie folgt zusammen: Die dritte Rindenschicht offenbarte eine enorme Zahl von außergewöhnlich großen Pyramidenzellen. Damit habe Lenins Gehirn eine „bei weitem reichere Basis“ als das eines Normalsterblichen und mache den Genossen zu einem „Assoziationsathleten“. Die Sowjetregierung war zufrieden. Die Parteizeitung Prawda fand, der Befund sei „ein bedeutender Beitrag zur materialistischen Erklärung des Psychischen überhaupt“.

Die Theorie, dass sich die Fähigkeiten eines Menschen aus der Architektur seines Gehirns ablesen lassen, leitete Oskar Vogts gesamtes Forscherleben – so wie auch das seiner fünf Jahre jüngeren Frau Cécile. Oskar Vogt hatte Medizin und Zoologie studiert, unter anderem bei dem berühmten Ernst Haeckel in Jena. Seine zukünftige Frau lernte er 1898 während eines Studienaufenthalts in Paris kennen. Die damals 22-jährige Cécile Mugnier hatte als eine der ersten Frauen in Frankreich Medizin studiert und konnte eine profunde neurowissenschaftliche Ausbildung vorweisen. Nach ihrer Heirat ließen sich die beiden in Berlin nieder und gründeten in einem Mietshaus in der Magdeburger Straße die private „Neurologische Centralstation“.

Daneben arbeitete Oskar Vogt als Nervenarzt und machte sich nicht zuletzt durch innovative Hypnosepraktiken einen Namen. Hypnotisiert wurde etwa „nach Geschlechtern getrennt“, „mit mehreren Personen in einem Raum“, aber auch im Freien, „auf Hängematten in Wandelgängen“ oder „an geschützten Stellen im Wald“. Das „gedankenfaule, behaglich einlullende Hindämmern“ kam an bei der wohlhabenden Klientel und bescherte den Vogts ein einträgliches Auskommen. Zu den Patienten zählten auch der Industriemagnat Friedrich Alfred Krupp und dessen Frau. Zwischen dem Arzt und dem Industriellenehepaar entwickelte sich eine Freundschaft, die sich für die Karriere der Vogts als sehr zuträglich erweisen sollte.

Zunächst sorgte die Unterstützung aus dem Hause Krupp dafür, dass die „Neurologische Centralstation“ im Jahr 1902 als „Neurobiologisches Universitäts-Laboratorium“ der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin angegliedert wurde. Anfang 1914 konnte Oskar Vogt schließlich – erneut mit Rückendeckung der Familie Krupp – die Einrichtung eines Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung durchsetzen. Er selbst wurde zum Direktor berufen. Das Institut blieb zunächst in der Magdeburger Straße, bis Ende der 1920er-Jahre durch die großzügige Unterstützung der Rockefeller-Stiftung ein Institutsneubau errichtet werden konnte. Er entstand nahe der Städtischen Heil- und Pflegeanstalt (ehemals III. Irrenanstalt) in Berlin-Buch.

Am 2. Juni 1931 fand die feierliche Einweihung statt. Die internationale Presse durfte das Institut aber schon vorab besichtigen. In der Vossischen Zeitung vom 20. Dezember 1930 erschien ein ausführlicher Beitrag. Der Verfasser, Arthur Koestler, zeigt sich abgestoßen und fasziniert zugleich. Professor Vogt „hielt einen Vortrag mit Lichtbildern, an denen man das Gruseln lernen konnte“, schreibt er. Und: „ Unser Intellekt in Paraffin ist wirklich kein schöner Anblick. Er reizt die Magennerven einerseits und regt andererseits zu philosophischen Wald- und Wiesenbetrachtungen an ...“

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