Ein Erfolgsrezept für Klimakonferenzen?

Die Aussicht auf mittelfristige Schäden durch den Klimawandel könnten arme und reiche Länder dazu bringen, die Emissionen an Kohlendioxid wirksam zu reduzieren

16. November 2011

Eine weltweite Vereinbarung über wirksamen Klimaschutz könnte jetzt wahrscheinlicher werden – wenn in die Verhandlungen Erkenntnisse von Max-Planck-Forschern einfließen. Demnach würden Klimakonferenzen eher zum Erfolg führen, wenn sie stärker in den Blick nähmen, welche ökonomischen Schäden der Klimawandel mittelfristig, also etwa in 20 Jahren, verursachen dürfte und mit welchen Maßnahmen sich diese abwenden ließen. Das könnte reiche Industrienationen dazu bewegen, ihre Treibhausgas-Emissionen so weit zu senken, dass sie mangelnde Beiträge von Entwicklungs- und Schwellenländern kompensieren. Das haben Wissenschaftler der Max-Planck-Institute für Evolutionsbiologie und Meteorologie in einer spieltheoretischen Studie festgestellt. Mit dieser Untersuchung reagieren sie darauf, dass reiche und arme Länder sich auf den jüngsten Klimakonferenzen wie etwa in Kopenhagen im Jahr 2009 vor allem nicht über ihre jeweiligen Beiträge einigen konnten.

Sturmschäden wie hier in den USA könnten aufgrund des Klimawandels häufiger auftreten und größere Ausmaße annehmen, und zwar schon in 10 bis 20 Jahren. Wenn sich diese mittelfristige Bedrohung wissenschaftlich gut belegen ließe, könnten vor allem die reichen Industrienationen bereit sein, mehr in den Klimaschutz zu investieren.

Verzicht zahlt sich aus, aber erst in der Zukunft. Wenn Energieversorgung, Mobilität und Konsumverhalten an die Maßgaben des Klimaschutzes angepasst werden, kostet das erst einmal. Doch nur wenn der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen bis zur Mitte des Jahrhunderts um rund 50 Prozent Maß reduziert wird, lassen sich die möglicherweise gefährlichen Schäden eines irreversiblen Klimawandels abwenden, die dann zu erwarten sind. Die drohenden langfristigen Verluste bewegen die Staaten aber offenbar nicht, sich schon jetzt auf verbindliche Beiträge zu einigen, den Ausstoß von Treibhausgasen um das nötige Maß zu reduzieren.

„Den größten Konflikt gibt es derzeit darüber, wie die Lasten zwischen den reichen Industrienationen und den ärmeren Entwicklungs- und Schwellenländern zu verteilen sind“, sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Gemeinsam mit Kollegen des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön weist er nun einen Ausweg aus der verfahrenen Situation.

Die Industrienationen wären nämlich möglicherweise bereit, schon jetzt mehr in den Klimaschutz zu investieren, wenn klarer wäre, wie sie wirtschaftlichen Verluste verhindern könnten, die ihnen der Klimawandel schon in 10 oder 20 Jahren bringen könnte. Die Aussicht auf mittelfristige Schäden könnte sie sogar anspornen, unzureichende Beiträge der ärmeren Länder zu kompensieren. Das schließen die Max-Planck-Forscher aus den Ergebnissen, die sie mit einem abgewandelten Public Goods Game, zu deutsch öffentliche Güter Spiel, gewonnen haben.

Klimaschutz lohnt nur, wenn sich die meisten Staaten engagieren

„Mit diesem Spiel simulieren wir das soziale Dilemma, in dem die Staaten bei den Klimaverhandlungen stecken“, erklärt Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und einer der Autoren der Studie. Bei ihrem Engagement für den Klimaschutz wägen die Staaten nämlich ab: Sich für den Klimaschutz einzuschränken lohnt nur, wenn die Weltgemeinschaft insgesamt das Reduktionsziel von rund 50 Prozent bis etwa 2050 erreicht. „Schafft sie es, ist das gut für alle Länder, auch für jene, die nichts beigetragen haben“, sagt Manfred Milinski. Verfehlt die Staatengemeinschaft das Reduktionsziel drastisch, zahlen die Volkswirtschaften, die frühzeitig in Klimaschutz investiert haben, doppelt: für den Klimaschutz und die gefährlichen Folgen seines Scheiterns.

Tatsächlich steigen die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen weiter stark an. Offenbar setzen die meisten Staaten darauf, dass andere Länder den Beitrag zum Klimaschutz mittragen, den sie selbst nicht leisten. Oder sie hoffen immer noch, dass auch eine Erderwärmung um mehr als zwei Grad Celsius ökonomisch zu verkraften ist – auch wenn Forscher für dieses Szenario mit mehr als 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit drastische Auswirkungen vorhersagen. Zumindest treffen sie aktuelle Entscheidungen vor einem Zeithorizont, der Schäden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts offensichtlich nicht mehr umfasst, seien die auch noch so gravierend.

„Uns bewegt die Frage, wie wir das Reduktionsziel erreichen, das einen gefährlichen und irreversiblen Klimawandel zu verhindert“, sagt Jochem Marotzke. Also erdachten er und die Plöner Evolutionsbiologen, die unter anderem die Bedingungen für  kooperatives Verhaltens erforschen, ein Experiment, um die Verhandlungen der Klimakonferenzen zu simulieren.

Wird das Zwischenziel verfehlt, ist das Vermögen schon bald gefährdet

Die Forscher bildeten zahlreiche Gruppen von jeweils sechs Studenten. Diese statteten sie mit realen Euros als Spiel-Kapital und zusätzlich mit einer größeren Summe aus, die das Vermögen einer Volkswirtschaft repräsentierte und die die Studenten während des Spiels nicht antasten durften. Jedes Spiel, das die Mitglieder jeweils einer Gruppe unter sich austrugen, dauerte zehn Runden. In jeder Runde konnten die Spieler von ihrem Kapital Geld in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Was sie von ihrem Kapital nicht eingezahlt hatten, durften sie nach der zehnten Runde in jedem Fall behalten. Enthielt der Topf nach der zehnten Runde mindestens 120 Euro, durften alle Spieler zusätzlich ihr Vermögen behalten. Übertragen auf den Klimawandel, bedeutete das: Gemeinsam hat man ihn auf ein erträgliches Maß beschränkt. Verfehlte eine Gruppe das Ziel, verloren alle Spieler mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent ihr Vermögen.

Um das unterschiedliche Verhalten von reichen und armen Ländern zu berücksichtigen, differenzierten die Forscher auch in ihrem Spiel zwischen reichen und armen Spielern. Den reichen gaben sie 40 Euro als verfügbares Kapital und 60 Euro als Vermögen. Die armen Spieler erhielten 20 Euro für den Einsatz im Spiel und 30 Euro als Vermögen. In einigen Gruppen spielten nur arme Spieler, in anderen nur reiche und in wieder anderen drei arme sowie drei reiche. Die Gruppen armer Spieler verfehlten das Spielziel immer, die reichen Gruppen erreichten es immer und die gemischten Gruppen erreichten es in 60 Prozent der Fälle.

Das änderte sich, wenn schon ab der Hälfte des Spiels Verluste drohten. Diese konnten die Spieler jedoch auch abwenden, indem sie in den ersten fünf Runden insgesamt 60 Euro sammelten. Schafften sie das nicht, büßten sie jeweils mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent in jeder folgenden Runde zehn Prozent ihres verfügbaren Kapitals und ihres Vermögens ein. Das Zwischenziel schafften sechs von neun armen Gruppen und immerhin drei erreichten das Endziel. Alle reichen und gemischten Gruppen brachten bis zur fünften runde 60 Euro auf. Nach der zehnten Runde hatten alle reichen Gruppen 120 Euro gesammelt. Das schafften auch zwei Drittel der gemischten Gruppen, und die, die am Endziel scheiterten, kamen ihm immerhin sehr nahe. Den Spielern half letzteres nicht – sie gingen in neun von zehn Fällen ohne Geld heim. Beim Klimaschutz könnte knapp daneben aber immer noch reichen.

Die erste positive Anregung für Klimakonferenzen

„Uns hat vor allem überrascht, dass die Spieler mit viel Geld in den gemischten Gruppen deutlich mehr investierten als in reichen Gruppen, wenn schon ab der Mitte des Spiels Verluste drohten“, sagt Manfred Milinski. „Ich hatte angenommen, dass kaum einer die zehnprozentige Wahrscheinlichkeit eines Verlusts ernst nimmt.“ Offenbar schreckt diese Aussicht aber besonders jene, die einerseits viel zu verlieren haben und die andererseits leichter die Mittel aufbringen können, um den Verlust zu vermeiden. In den Klimaverhandlungen sind das die Industrienationen.

In ähnlichen Spielen haben Manfred Milinski, Jochem Marotzke und ihre Mitarbeiter schon mehrfach das Geschehen auf Klimakonferenzen simuliert. Dabei haben sie genau das unkooperative Verhalten beobachtet, an dem auch die Klimaverhandlungen bisher stets gescheitert sind. „Jetzt können wir zum ersten Mal eine positive Anregung für die Verhandlungen geben“, sagt Manfred Milinski. Natürlich lasse sich einwenden, dass die Situation bei den Klimakonferenzen viel komplexer ist. Doch der Max-Planck-Wissenschaftler ist überzeugt, das prinzipielle Verhalten in einem sozialen Dilemma mit kollektivem Risiko im Prinzip richtig zu erfassen: „Es könnte ein Riesenfehler sein, unsere Ergebnisse nicht zu berücksichtigen.“

Sein Kollege Jochem Marotzke arbeitet schon daran. Er leitet ein Forschungsprojekt des Bundesforschungsministeriums, das zuverlässige mittelfristige Klimaprognosen erstellen soll. „Diese Klimaveränderungen sind besonders schwer vorauszusagen, weil die statistische Unsicherheit dabei wegen natürlicher Schwankungen ziemlich hoch ist“, sagt der Hamburger Meteorologe. Er ist jedoch überzeugt, dass es sich lohnt diese Voraussagen zu verbessern: „Nur wenn die Zukunft nah genug ist, besitzt sie politische Zugkraft.“

PH

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