Gesten befördern blitzschnelle Antworten

Handbewegungen und Mimik sind ein extrem wichtiger Bestandteil der Kommunikation

15. September 2017

Judith Holler arbeitet am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik und der Radboud Universität, beides im niederländischen Nijmegen. Sie erforscht die Verwendung von Gesten und ihre Bedeutung für die Kommunikation. In einer neuen Studie hat sie deren Rolle bei der Beantwortung von Fragen untersucht.

original
Hilfreiche Handbewegungen: Gesten unterstreichen nicht nur das Gesagte, sondern scheinen auch den Zuhörern das Verständnis zu erleichtern. Wie eine neue Studie zeigt, kommt auf Fragen, die gestikulierend gestellt werden, die Antwort schneller als auf Fragen ohne Gesten.

Frau Holler, ich habe Sie um ein Video-Interview gebeten, weil ich meinen Gesprächspartner gern sehe anstatt ihn nur zu hören. Warum ist das so?

Das liegt ganz einfach daran, dass sich unsere Sprache in der direkten Kommunikation entwickelt hat, von Angesicht zu Angesicht. Telefone oder ähnliches gab es früher nicht. Deswegen nutzen wir auch heute noch zur Kommunikation unser Gesicht, unsere Augen, unsere Hände, unseren ganzen Körper. Gestik und Mimik sind unglaublich wichtig.

Wie viel Information stecken denn in den Gesten?

Das ist noch nicht ganz klar. Wir wissen bereits, dass besonders Handgesten, die wir während des Sprechens produzieren, einen großen Teil der Nachricht übermitteln. Es ist schwierig zu messen, wie viel Information das genau ist. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass häufig bis zu 50 Prozent einer Aussage oder sogar mehr durch Handgesten übertragen werden. Das hängt aber auch sehr vom Gesprächsthema ab. Wenn wir über räumliche Dinge sprechen, ist der Beitrag von Gesten besonders hoch.

Viele Menschen setzen auch beim Telefonieren auf Körpersprache. Sie wissen, dass ihr Gesprächspartner sie nicht sehen kann und trotzdem fuchteln sie mit den Armen, nicken mit dem Kopf oder rollen die Augen. Was bringt das?

Zum einen scheinen Gesten evolutionär einfach ein fester Bestandteil unserer Kommunikation zu sein. Zum anderen helfen Handgesten auch dem Sprecher selbst bei der Sprachproduktion. Versuchen Sie mal ganz bewusst, während des Sprechens alle Gesten und Körperbewegungen zu unterdrücken. Das ist ganz schön schwierig. Eine Studie hat sogar gezeigt, dass wir weniger flüssig sprechen, wenn wir daran gehindert werden zu gestikulieren und dass unsere Sprache dann weniger bildhaft wird.

Ist es dann auch schwieriger, Sprache ohne Gesten zu verstehen?

Das ist nicht ganz klar. Wir wissen, dass unser Gehirn beim Zuhören die Information von Sprache und Gestik integriert. Das ist ein sehr schneller Prozess, zumindest in einem experimentellen Kontext, wo wir uns auf das Verstehen von einzelnen Worten oder sehr kurzen Sätzen beschränken müssen. Und in der natürlichen Konversation ist alles noch viel komplexer. Es könnte sein, dass es viel Anstrengung von unserem Gehirn erfordert, die verschiedenen visuellen und akustischen Signale in kurzer Zeit zu integrieren und zu analysieren.

In ihrer aktuellen Studie haben Sie genau diese Frage untersucht: Was leisten Gesten im Gespräch?

Zumindest einen Teil davon. Wir haben Gespräche unter Freunden analysiert. Ganz konkret interessierten uns die Stellen, wo eine Person etwas fragt und eine andere Person darauf antwortet. Die Zeitspanne zwischen Frage und Antwort ist mit gerade einmal 200 Millisekunden extrem kurz. Zum Vergleich: Wenn man Ihnen ein Bild von einem Hund vorlegt und Sie fragt, was darauf zu sehen ist, dauert es etwa 600 Millisekunden, bis sie das Wort „Hund“ aussprechen. Das haben andere Wissenschaftler in Studien gezeigt.

Im Gespräch sind wir also schneller?

Ja, um einiges schneller, obwohl unser Gehirn währenddessen viel mehr zu tun hat! Es muss zuhören, verstehen und eine Antwort planen. Das heißt, dass viel davon parallel abzulaufen scheint, und erste Studien in unserem Institut deuten darauf hin, dass das in der Tat so ist – während ich zuhöre, versuche ich schon einen Teil meiner Antwort zu planen.

Spielt Gestik dabei auch eine Rolle?

Das war uns ein Rätsel und deshalb haben wir uns die Gespräche so genau angeschaut. Wir haben die Konversationen mit sechs Videokameras von verschiedenen Perspektiven gefilmt, so dass wir die Gesten gut analysieren konnten. Wir wollten herausfinden, ob und wie sich die zeitliche Koordination zwischen Fragen und Antworten beeinflusst. Bestimmte Strukturen in der gesprochenen Sprache können meinem Gegenüber vermitteln, dass ich jetzt bald zum Ende komme, die Satzmelodie zum Beispiel. Das ist schon lange bekannt. Aber die Gestik scheint auch eine Rolle zu spielen. Die Antworten auf Fragen, die eine Kopf- oder Handgeste enthielten, waren deutlich schneller. Oft gab es gar keine Pause mehr zwischen Frage und Antwort.

Gibt es Gesten, bei denen der Effekt besonders ausgeprägt war?

Ja, wir konnten das für Handgesten mit Rückführphasen zeigen. Das sind Gesten, bei denen ich mit der Hand eine Bewegung ausführe und die Hand dann wieder zurück in die Ruheposition bringe. Wenn ich zum Beispiel beim Reden gestikuliere und dann damit aufhöre, obwohl ich noch weiterspreche, kann das darauf hindeuten, dass ich bald zum Schluss meines Satzes komme. Das kann meinem Gesprächspartner helfen, sich auf seinen Einsatz vorzubereiten, während ich noch spreche.

Sind andere Gesten auch effektiv?

Auch weitere Kopf- und Handgesten scheinen uns zu helfen, schneller zu antworten. Welcher Mechanismus dem zu Grunde liegt, ist momentan noch schwer zu sagen. Vielleicht vermitteln sie uns zusätzliche Information, die es uns erleichtern, die Frage zu verstehen. Wir haben aber bisher nur diese Beobachtungsstudie gemacht. Was wir jetzt anstreben ist die experimentelle Überprüfung dieser Ergebnisse.

Wie könnte das gehen?

Wir haben Videoaufnahmen von den Gesprächen angefertigt. Daraus wollen wir einzelne Fragen ausschneiden und Probanden vorspielen, um dabei die kognitive Verarbeitung der verschiedenen Fragen zu messen.

Ihre Versuchsteilnehmer waren alles englische Muttersprachler. Nun sind die nicht gerade für ihren regen Einsatz von Gesten bekannt. Da fallen einem – ganz klischeehaft – zuerst die Italiener ein. Lassen sich Ihre Ergebnisse auf andere Sprachen und Kulturkreise übertragen?

Natürlich haben andere Kulturen oft ein ganz eigenes Repertoire an Gesten. Inwieweit sich Kulturen da aber unterscheiden, vor allem in Bezug auf Gestik und die zeitliche Koordination in der Konversation, wissen wir noch nicht. An so einem Kulturvergleich sind wir sehr interessiert, das wollen wir uns in Zukunft genauer anschauen. Zum Beispiel fangen wir gerade an, mit Aufnahmen holländischer und italienischer Gespräche zu arbeiten. Aber das ist alles sehr zeitaufwändig und wir sind gerade erst am Anfang.

Müssen Kinder beim Spracherwerb auch Gesten erlernen?

Kinder fangen sehr früh mit dem Gestikulieren an. Oft zeigen sie Gesten, bevor sie überhaupt anfangen zu sprechen. Wir wissen allerdings noch relativ wenig darüber, wie und wann Kinder Gesten verstehen. Kann ein siebenjähriges Kind bereits die Bedeutung von Handgesten und Sprache zusammenführen? Auch das ist ein Thema, das wir an unserem Institut gerade untersuchen, und wir sind gespannt auf die Resultate.

Interview: Claudia Doyle

Weitere interessante Beiträge

Zur Redakteursansicht