Ein Meer von Verbindungen

6. November 2016

Schiffe waren lange Zeit die schnellsten Verkehrsmittel und sie konnten Menschen und Güter in großer Zahl transportieren. So wurden Meere zu einem Kontakt- und Handelsraum für unterschiedliche Nationen. Hafenstädte dienen noch heute als Knotenpunkte und bilden Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Am Beispiel des Indischen Ozeans erforschen Burkhard Schnepel und sein Team am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, wie sich über das Wasser hinweg vielfältige Netzwerke entwickelt haben.

Text: Tina Heidborn 

In Mauritius sammelt sich das Wissen
verschiedener Kulturen etwa über die Wirkung
von Kräutern.

Wasser auf rund 70 Millionen Quadratkilometern, annähernd 15 Prozent der Erdoberfläche: Der Indische Ozean verbindet im Süden das afrikanische Kap der Guten Hoffnung und Perth an der australischen Westküste mit dem pakistanischen Karatschi und Kalkutta, Indien, im Norden. Dazwischen Inseln und Inselgruppen in der Weite des drittgrößten Ozeans der Welt. Es ist nicht gerade ein kleines Untersuchungsgebiet, das sich Burkhard Schnepel vorgenommen hat. Schnepel ist Professor für Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Fellow am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, wo er die Arbeitsgruppe „Connectivity in Motion: Port Cities of the Indian Ocean“ leitet.

Burkhard Schnepel interessiert am Indischen Ozean vor allem das, was das Wasser möglich macht: „Seit 3.000 Jahren befahren Menschen diesen Raum“, sagt er. „Er hat nicht nur eine riesige Fläche, sondern auch eine lange Geschichte.“ Der Indische Ozean ist für den Ethnologen und seine Projektmitarbeiter ein Begegnungsraum.

Aufgrund der regelmäßigen Monsunwinde – nach dem Muster Südwest-Monsun im Sommer, Nordost-Monsun im Winter – war der Indische Ozean schon im Zeitalter der Segelschifffahrt gut navigierbar. Man kann ihn, historisch und ethnologisch betrachtet, als einen in der Geschichte geschaffenen Kontakt- und Handelsraum auffassen, als „maritime Seidenstraße“. Als die Europäer ab dem 16. Jahrhundert verstärkt dort aufkreuzten, waren genau diese Handelsmöglichkeiten ein Hauptfaktor: Ein Meer voller Routen, die sich zwischen Afrika und Asien erstrecken. Burkhard Schnepel hat schon über beide Kontinente gearbeitet. So hat er seine Doktorarbeit an der Universität Oxford über das Volk der Schilluk im Südsudan geschrieben, bevor er sich in seinen nächsten Feldforschungen und Projekten Ostindien zuwandte. Und nun also der übergreifende Ansatz der „Indian Ocean Studies“. Der Ozean gibt den Untersuchungsrahmen vor, doch um den Bewegungen auf ihm nachzugehen, müssen die Wissenschaftler sich auf einzelne Punkte konzentrieren und in die Details gehen: Kleine Inseln und Hafenstädte sind ein Schwerpunkt in dem Projekt.

Burkhard Schnepel beschäftigt sich mit einer Insel, die im Westen hauptsächlich als Urlaubsziel wahrgenommen wird: Mauritius. Für seine Feldforschungen besucht er den Inselstaat seit Jahren regelmäßig, genauer gesagt: Die Hauptinsel Mauritius und deren Haupt- und Hafenstadt Port Louis. Entscheidend ist dabei für ihn der Aspekt des wichtigen Knotenpunkts – „Hub“ ist die dafür übliche, aus dem Englischen entlehnte Bezeichnung.

Was macht eine Insel zu einem „Hub“? Ein Faktor ist die Lage: Angefangen hat Mauritius als eine unbewohnte, aber für Seefahrer nützliche Insel im Nichts des Indischen Ozeans, auf der Strecke zwischen Ostafrika im Westen und Indien im Osten. Auch wenn die Insel auf Karten arabischer Seefahrer schon ab dem 10. Jahrhundert verzeichnet gewesen sein soll, waren die ersten Europäer, die Mauritius „entdeckten“, Anfang des 16. Jahrhunderts die Portugiesen. Hier konnten sie frische Nahrung an Bord ihrer Schiffe nehmen und Wasser auffüllen, der Besatzung ein wenig Erholung gönnen und die Ausrüstung wieder auf Vordermann bringen.

Erst die Niederländer ließen sich 130 Jahre später als Kolonialherren nieder, später siedelten sich die Franzosen dort an und noch später eroberten die Briten die Insel. Mit der Zeit wuchs die Bedeutung von Mauritius als Umschlagplatz: Es war Zwischenstation für Textilien und Gewürze aus Indien und für Porzellan aus China ebenso wie für Sklaven und Elfenbein aus Afrika, wichtig für die jeweiligen Ostindien-Kompanien der europäischen Kolonisatoren. Die Schiffe transportierten jedoch nicht nur Menschen und Waren über den Indischen Ozean. „Sie brachten Ideen mit, Sprachen, kulturelle und religiöse Einflüsse und bestimmte Vorstellungen“, sagt Burkhard Schnepel.

Zuckerrohr wurde einst auf die Insel geschmuggelt

Und das ist ein weiterer Grund, warum sich Mauritius zu einem Hub entwickelte: In den letzten knapp 300 Jahren kamen Menschen aus den verschiedensten Kulturen auf die Insel. Sie begründeten eine ungewöhnlich große Vielfalt auf engem Raum, Ethnologen wie Politiker bezeichnen dies gern als „unity in diversity“: Bis heute existieren verschiedene Religionen und Kulturen mehr oder weniger eigenständig nebeneinander. Sprachen und Dialekte aus Nord- und Südindien oder China sind auf der Insel zu hören, ebenso wie bei offiziellen Anlässen Französisch und Englisch. Die Hauptverständigungssprache der Mauritier untereinander aber ist Morisyen, eine ganz eigene Kreolsprache, die sich auf Basis des Französischen und der anderen hier miteinander in Kontakt getretenen Sprachen entwickelt hat. Bis heute ist die Vielsprachigkeit eine Art Standortvorteil des Eilands.

Nach Burkhard Schnepels Überzeugung zeichnen sich „Hubs“ außerdem durch eine hohe Energie aus, sie verändern die Dinge, die sie weiterleiten, transformieren sie und werten sie auf. Der Ethnologe Schnepel kann dafür historische und aktuelle Beispiele geben: Bis Ende der 1960er Jahre war das Hauptexportgut der Insel Zucker. Doch Zuckerrohrpflanzen kamen ursprünglich auf Mauritius gar nicht vor, sie waren von Südasien auf die Insel geschmuggelt worden. Nur deswegen konnte Mauritius überhaupt anfangen, Zucker ausführen. Hinzu kommt: Hier wurden die ertragreichsten Sorten kultiviert - und damit transformiert, bevor sie die Insel wieder verließen. Seit ihrer Unabhängigkeit im März 1968 hat die Insel einen beachtlichen wirtschaftlichen Wandel durchlaufen. Die traditionelle Auffassung, die Gesellschaft auf Mauritius sei durch die seit Jahrhunderten betriebenen Zuckerrohr-Plantagenwirtschaft definiert, teilt der Hallenser Ethnologe nicht. „Mittlerweile versteht sich Mauritius selbst als Hub und vermarktet sich auch so. Nicht mehr nur im maritimen Bereich, sondern davon ausgehend auch in anderen Bereichen“, sagt er.

Ein wichtiger Faktor des insularen Wirtschaftslebens ist inzwischen die Textilverarbeitung: Stoffe aus Indien und Bangladesch werden hierher importiert. Förderlich ist dabei, dass zwei Drittel der Mauritier indisch-stämmig sind. Hilfreich ist auch, dass die Regierung gezielt gute Rahmenbedingungen für die Weiterverarbeitung geschaffen hat – eine steuerlich extrem begünstigte „Export processing zone“. Das Geld für den Aufbau der Textilfabriken stammt überwiegend von reich gewordenen französischen bzw. französischstämmigen Zuckerbaronen – Franko-Mauritier stellen rund zwei Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen Investitionen von außerhalb, wieder einmal übers Meer. In den 1970er-Jahren suchten Hongkong-Chinesen einen sicheren Hafen für ihr Geld abseits der Kronkolonie, da für 1997 deren Unabhängigkeit bevorstand. Auf Mauritius halfen ihnen die traditionellen Verbindungen zu Sino-Mauritiern – also Einwohnern mit chinesischen Wurzeln, die etwa drei Prozent der Bevölkerung stellen.

In der Ebène Cybercity in Mauritius, südlich der Hauptstadt Port Louis, laufen schnelle Glasfaserkabel zusammen.

Amerikanische und europäische Hersteller finden auf der Insel also gute Bedingungen und das notwendige Knowhow vor, um hier auf hohem Niveau Textilien weiterverarbeiten zu lassen. So wird aus den importierten Stoffen Luxuskleidung namhafter internationaler Marken – gefertigt ausschließlich für den Export in den Westen. Die einheimischen Arbeitskräfte können sich die Textilien und Accessoires, die sie produzieren und veredeln, jedenfalls nicht leisten. Es sind oft indo-mauritische Frauen und Kreolinnen – also Nachfahrinnen eingeschleppter afrikanischer Sklaven – aus den ärmsten Schichten.

Auf seine traditionellen Stärken – gute Verflechtung und Kommunikation in viele verschiedene Richtungen – setzt Mauritius auch im sich schnell wandelnden Zeitalter der Digitalisierung. „Dort, wo jetzt die neue so genannte ‚Cyber City‘ steht, waren im Jahr 2000 noch Zuckerrohrplantagen“, erzählt Schnepel. Mittlerweile führen einige der schnellsten Glasfaserkabel zu der kleinen Insel im Indischen Ozean. Der Bereich „International Communication Technology“ hat rund 12.000 Arbeitsplätze in den letzten Jahren geschaffen, die Profilierung als „International Financial Service Hub“ seit Anfang der 1990er Jahre sogar rund 15.000 neue Jobs. Vor allem Inder nutzen den wichtigen Bankensektor des Landes für ihre Transaktionen und Geschäfte mit Afrika. Aber auch für europäische und amerikanische Firmen ist die Insel ein guter Ausgangspunkt für Geschäfte in beide Hauptrichtungen übers Meer. „Sicherlich gibt es Missstände, aber Mauritius ist seit der Unabhängigkeit eine Demokratie mit freier Presse und politischen Kontrollmechanismen“, erläutert der Ethnologe Burkhard Schnepel. So hat sich Mauritius auch im 21. Jahrhundert als temporärer Ankerplatz und Umschlaghafen für globale Geschäfte behauptet.

Hafenstädte entstanden aus der Vernetzung

Von Mauritius 5.500 Kilometer weiter Richtung Nordosten über die riesige Wasserfläche nach Südostasien: Immer noch derselbe Ozean, doch eine andere Region, in die sich seit Herbst 2014 Mareike Pampus vertieft. Sie promoviert bei Burkhard Schnepel im Rahmen des Projekts „Connectivity in Motion“. Aber kann man den riesigen Raum des Indischen Ozeans wirklich als eine Einheit betrachten und unter dieser Prämisse erforschen?

„Man kann sich natürlich fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, die einzelnen maritimen Regionen gesondert zu betrachten, denn rund um den Ozean kommen sehr viele unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Staaten vor“, räumt der Ethnologe Burkhard Schnepel ein. Es gebe sogar Wissenschaftler, die deshalb davon abrieten, von dem einen Indischen Ozean zu sprechen. Doch wer seinen Blick auf die Verknüpfungen und Verbindungen richtet, wen das Meer als eine von Menschen geschaffene Kontaktzone interessiert, der muss vom Meer aufs Land blicken. Vom Ozean aus auf unterschiedliche Küsten- und Kulturräume, an denen man anlanden kann. Es geht Burkhard Schnepel in seinem Forschungsansatz auch darum, in dieser „maritimen“ Dimension einen neuen Blickwinkel auf die angrenzenden Landflächen zu eröffnen.

Mareike Pampus hat ihren persönlichen Anknüpfungspunkt gefunden: Sie arbeitet über die Hafenstadt George Town auf der Insel Penang, heute ein Teil des Staates Malaysia. „In unserem Projekt sind Hafenstädte deshalb wichtig, weil sie oft durch Austausch und Vernetzungen entstanden sind“, sagt sie. „Das Neue an unserem Ansatz ist, dass wir sie nicht so stark als Ausgangspunkt für Verbindungen sehen – das schon auch – aber vor allem als Ergebnis von Vernetzungen.“

Fünf Muskatnüsse waren ein ganzes Haus wert

Die Briten verstanden den Indischen Ozean als „mare librum“, als freies Meer, das allen Zugang bietet und gerade nicht aufgeteilt sein sollte in abgesteckte Zugehörigkeiten der Anrainer. Um sich in diesem auf Offenheit beruhenden wirtschaftlichen Wettkampf gut zu positionieren, sicherten sie sich im Osten des Indischen Ozeans strategisch wichtige Handelsplätze: Zum Beispiel siedelte sich Ende des 18. Jahrhunderts an der nordöstlichen Spitze der Insel Penang die britische Ostindien- Kompanie an: in Person des Kaufmanns und Seefahrers Francis Light. Er gründete dort mit George Town zunächst weniger eine Stadt als vielmehr einen Freihafen mit angeschlossener kleiner Siedlung, um hier am äußerst lukrativen Gewürzhandel teilzuhaben. „Für fünf Muskatnüsse konnte man sich ein Haus in London kaufen“, erzählt Mareike Pampus.

Die Insel Penang liegt am nördlichen Ende der Straße von Malakka, damals wie heute eine der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt. Bereits zu antiken Zeiten verband diese maritime Route China und Indien. Im 16. Jahrhundert kamen als erste Europäer die Portugiesen, wenig später Holländer, Franzosen und Briten, um sich in dieses gewachsene Austauschgeflecht hineinzubegeben und die Verbreitungs- und Transportwege für die kostbaren Güter Südostasiens weiter in den Westen auszudehnen. In das schon vorhandene Netzwerk fügten sie neue, eigene Anknüpfungspunkte ein, wie beispielsweise George Town.

Weitere folgten: „Das Vorbild George Town lässt sich bis nach Singapur und sogar bis an die Küste Australiens verfolgen“, erklärt Doktorandin Mareike Pampus. Rund 600 Kilometer von George Town entfernt legte einige Jahrzehnte später, Anfang des 19. Jahrhunderts, ebenfalls ein Angestellter der britischen Ostindien-Kompanie eine weitere wichtige Hafenstadt an: Singapur. Stadtgründer Thomas Stamford Raffles war zuvor Generalgouverneur von George Town gewesen. Eine ähnliche historische Linie lässt sich von George Town bis nach Australien ziehen: Denn der Sohn des George Town-Gründers Francis Light, William Light, der die ersten sechs Jahre seines Lebens in George Town aufwuchs, gründet mit Adelaide eine weitere Hafenstadt am Indischen Ozean. „So bewegt sich die Vorstellung von einer Stadt über das Meer“, sagt Mareike Pampus.

George Town auf der malaysischen Insel Penag ist ein Schmelztiegel der Religionen: In der als „Street of Harmony“ bekannten Straße finden sich auf wenigen hundert Metern unter anderem eine christliche Kirche, ein Hindu-Tempel und eine Moschee (von links). Zusätzlich wird gelegentlich eine Statue der von Taoisten und Buddhisten verehrten Göttin der Barmherzigkeit Kuan Yin aufgestellt, um Spenden zu sammeln (rechts).

Natürlich waren es nicht die Briten im Alleingang: In George Town siedelten sich mit den europäischen Kolonialherren vor allem Chinesen an; noch heute sind 80 Prozent der Einwohner von George Town chinesisch-stämmig. Aber sie kamen nicht direkt aus China, sondern hatten vorher zum Beispiel in dem unweit gelegenen Handelszentrum Malakka oder in Indonesien gelebt, ganz ähnlich wie die hinzuziehenden Inder. Auch George Town ist wie so viele Kontaktorte am Indischen Ozean vielfältig in Sprache, Kultur und Religion. Auch hier findet sich wieder „unity in diversity“, die sich sprachlich bis heute hält und sich sogar in speziellen Begrifflichkeiten abbildet: Zu den Einwohnern George Towns gehören „Jawi Peranakan“, mit südindisch-malaiischen Vorfahren. Das Wort für Kind („Anak“) steckt in dieser Bezeichnung. Ein über Jahrhunderte nachvollziehbares Heiratsmuster lässt sich ethnologisch so beschreiben: Einheimische Frauen bekommen Nachkommen mit Männern, die als Handelsleute aus fremden Regionen hinzuziehen.

Ein Sonderfall in George Town sind die so genannten „Baba Nyonya“, im Englischen ist die Bezeichnung „Straits Chinese“ gebräuchlich. Diese besondere Gruppe geht auf eine Umstrukturierung der britischen Kolonialverwaltung zurück: 1826 fassten die Briten ihre drei Kolonialbesitzungen an der Wasserstraße von Malakka – George Town, Malakka und Singapur – zu den „Siedlungen entlang der Wasserstraße“ zusammen, den „Straits Settlements“.

Kulturelle Vielfalt gilt als UNESCO-Welterbe

Chinesen, die in diesen Straits Settlements geboren waren und sich damit sehr stark identifizierten, hatten oft eine britische Schulbildung durchlaufen und waren britisch sozialisiert. Das prädestinierte sie dafür, als Geschäftsleute besonders erfolgreich mit den Engländern der Ostindien-Kompanie zusammenzuarbeiten. „Auch wenn sie aussahen wie Chinesen, waren sie doch sehr westlich geprägt“, sagt die Ethnologin Mareike Pampus. Noch heute sind die Baba Nyonya eine eigene Gruppe in der Bevölkerung George Towns, mit eigener kultureller Identität und Kreolsprache.

Wer bin ich? Wer waren meine Vorfahren, woher und wie sind sie hierhergekommen? Wie sehe ich mich selbst und meine kulturelle Prägung? Diesen und ähnlichen Fragen geht Mareike Pampus bei ihren Forschungsaufenthalten in George Town nach, nun zum zweiten Mal für sechs Monate. Sie versucht, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen, führt lange Interviews, manchmal mehrfach mit denselben Personen: Es geht weniger um Abfrage als vielmehr um das Erzählenlassen individueller Geschichten. Ziel ist ein genauer Blick auf die ganz spezielle Situation, auf die Menschen in einer Hafenstadt im Indischen Ozean mit ihrem kulturellen und historischen Erbe.

Die Auseinandersetzung mit den vielgestaltigen Wurzeln und Verbindungen erlebt im Raum des Indischen Ozeans gerade einen Aufschwung. George Town ist 2008 ebenso wie Malakka in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco aufgenommen worden als herausragendes Zeugnis für die über 500 Jahre alten Handels- und Kulturverflechtungen, die sich entlang der Wasserstraße von Malakka entwickelt haben. Die vielfältigen Einflüsse aus Asien und Europa hätten zu einem einzigartigen multikulturellem Erbe in diesen Städten beigetragen, so die Begründung der Unesco. Reiseführer von George Town beschreiben buddhistische Tempel neben hinduistischen Schreinen, Kirchen neben Moscheen.

Auf Mauritius ist Burkhard Schnepel gerade bei einem Forschungsaufenthalt im Frühling einem inseltypischen Musikstil und Tanz nachgegangen: dem Sega. Tourismus-Anbieter bewerben ihn gern als Ausdruck des heiteren Lebensgefühls auf Mauritius. Ursprünglich auf die Insel gebracht haben ihn afrikanische Sklaven, die im 18. Jahrhundert auf den Zuckerrohrplantagen schufteten. Wurde er früher nur heimlich und hauptsächlich von kreolischen Mauritiern gesungen und getanzt, identifizieren sich heute alle Insulaner, also auch die Franko-, Sino-, und Indo-Mauritier, übergreifend mit ihm. Mehr als zwanzig verschiedene Ausprägungen haben sich entwickelt, die Burkhard Schnepel ethnologisch erforscht: moderne ebenso wie traditionelle Varianten, die auch in der Schule unterrichtet werden, Mischformen wie Seggae (aus Sega und Reggae) oder auch jene Variante, die als landestypisch gilt: Sega tipik oder Sega typique. Dieser traditionellere Sega ist vor kurzem von der Unesco zum Teil des immateriellen Weltkulturerbes erklärt worden- eine Tradition, die der Austausch zwischen und das Zusammenleben von Menschen im Indischen Ozean hervorgebracht haben.

Auch wenn der drittgrößte Ozean der Welt überwiegend auf der Südhalbkugel liegt und von Deutschland aus gesehen weit weg ist - Burkhard Schnepel hat den Eindruck, dass die Region auch hierzulande verstärkt ins Bewusstsein rückt. Zumindest die deutsche Politik zeigt ein zunehmendes Interesse. „Für Deutschland und Europa ist es höchste Zeit, die Region des Indischen Ozeans genauer in den Blick zu nehmen“, befand der deutsche Außenminister Frank- Walter Steinmeiner im Juni 2015 auf einer von ihm organisierten Konferenz in Berlin. Das Tagungsthema lautete: „The Indian Ocean - A Maritime Region on the Rise”. Gute Zeiten also für den Ethnologen Burkhard Schnepel und sein Team am Max-Planck-Institut in Halle, um die riesige Region im Aufwind genauer in den Blick zu nehmen und ihr Forschungsgebiet, die „Indian Ocean Studies“, in der deutschen Wissenschaftslandschaft zu verankern.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Betrachtet man den Indischen Ozean als Einheit, lassen sich sogenannten „Hubs“ identifizieren: Orte, die als Knotenpunkte unterschiedliche Anrainer und deren Kulturen verbinden.

Kennzeichnend für einen „Hub“ sind die Lage – etwa an einem Kreuzungspunkt wichtiger Schifffahrtsrouten –, eine große Vielfalt an Sprachen und Kulturen sowie die Eigenschaft, Waren vor dem Weiterleiten zu transformieren und aufzuwerten.

Die Hallenser Wissenschaftler erforschen als Beispiele unter anderem die Insel Mauritius und die malaysische Hafenstadt George Town.

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