Der Traum vom eigenen Schiff

Die Meeresbiologin Cecilia Alonso hat sich einige Jahre in Europa aufgehalten und ist 2007 nach Uruguay zurückgekehrt. Seitdem betrachtet sie ihr Heimatland mit anderen Augen und bringt ihr Wissen und ihre Erfahrungen in den Forschungsbetrieb ein.

Wenn ich das Fischerdorf Valizas an der Atlantikküste Uruguays besuche, fällt mir auf: Es ist der Wandel der Gezeiten, der mich am meisten fasziniert. Nur ein paar verwitterte Holzhäuser bilden heute noch den alten Dorfkern, unterspült und unbewohnt stehen sie auf Stelzen inmitten einer Lagune. Das Dorfleben findet schon seit einer Weile nicht mehr in dieser kargen Umgebung statt, denn die Bewohner haben sich vor ein paar Jahrzehnten dem ständigen Wandel der Küstenlinie gebeugt und sind Hunderte Meter gen Norden gezogen. Ihr Leben wird nun mal vom Wasser bestimmt. Und im neuen Valizas erinnert nur noch wenig an die Urgewalt des Atlantischen Ozeans, die das Dorf einmal bedroht hat.

Mit einem eigenen Boot könnte Cecilia Alonso ganz allein in die Region fahren, die sie erforscht: den riesigen Meerestrichter Río de la Plata in Uruguay.

Ich habe mich vor etwa sieben Jahren wieder zurück in mein Heimatland an der Ostküste Südamerikas aufgemacht – ich wollte neue Wege gehen und etwas bewirken. Dass das gar nicht so leicht wird, wusste ich schon damals. Nach meiner Promotion am Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen und einigen Jahren in der reichhaltigen Forschungslandschaft Europas war ich nämlich schon etwas verwöhnt.

Meeresforschung hat in Südamerika noch nicht die Priorität; sie beinhaltet viel Überzeugungsarbeit, viele Telefonate, viel Politik. Doch auch das ist im Wandel. Denn immer mehr Forscherinnen und Forscher kommen nach ihrer Ausbildung zurück nach Uruguay. Und sie bringen nicht nur Wissen mit.

Wir sind zu anspruchsvoll, heißt es manchmal. Aber eigentlich freuen sich viele heimische Forscher auch, wie durch uns die Standards aus dem Ausland langsam auch hier zu Standards werden. Dafür sind wir ja auch zurückgekommen, denn wir wollen die teuren Geräte und aufwendigen Methoden mit der Universität teilen, den Wandel mitgestalten. Und langsam werden die Widerstände kleiner, ganz langsam finden wir unseren Platz. Nur ein eigenes Forschungsschiff bleibt vorerst noch ein Traum von mir. Damit könnte ich ganz allein in die Region fahren, die ich erforsche: den riesigen Meerestrichter Río de la Plata. Dort vollzieht sich ein gigantischer Wandel.

Ununterbrochen treffen die nährstoffreichen Süßwasserströme Paraná und Uruguay auf den trägen, salzigen Atlantik. Meereswirbel, Temperaturgefälle, plötzliches Salzwasser – das Ökosystem verlangt seinen Bewohnern einiges ab. Besonders aber die allerkleinsten, die Mikroorganismen, finden sich am schnellsten zurecht – und ihren Lebensstil will ich verstehen lernen. Wenn man so will, sichert ihr Überleben ja auch das Abendbrot der Fischer in Valizas.

Bei uns in Uruguay sind darum Outreach-Veranstaltungen mit den Kommunen sehr wichtig. Zusammen mit den Küstenbewohnern nehmen wir dann Wasserproben und sprechen über Umweltschutz. Aber in Wahrheit bin ich es, die am meisten dabei lernt – vor allem, wenn die Alten nostalgisch von früher erzählen, vom alten Valizas mit seinen hübschen Holzhäusern, die jetzt nur noch in der Lagune stehen, schimmeln und verwittern. Wenn ich länger darüber nachdenke, gibt es in Valizas aber auch einige Dorfbewohner, die mit dem Wandel ziemlich gut zurechtkommen: die Kinder. Denn für sie ist die Lagune einfach ein toller Spielplatz im Sommer.

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