Das Leben berechenbarer machen

Der Iraner Adrin Jalali forscht für seine Promotion am Max-Planck-Institut für Informatik im Bereich der Computational Biology. Er erzählt, welche Erfahrungen er als ehemaliger Einwohner einer Millionenstadt mit dem deutschen Kleinstadtleben macht und warum er nie wieder nach Teheran zurückkehren möchte.

Als ich mir das Max-Planck-Institut für Informatik für meine Doktorarbeit aussuchte, hatte ich keine Ahnung, wo genau es seinen Sitz hat. Im Vergleich zu Teheran mit beinahe 16 Millionen Einwohnern ist Saarbrücken wirklich sehr überschaubar. Aber das hat auch Vorteile: So sieht man dort immer wieder die gleichen Gesichter, auf der Straße, in Läden, beim Weggehen … Das hat mir sehr dabei geholfen, mich einzuleben. Dazu kommt, dass die Saarbrücker sehr weltoffen sind. Weil die Stadt nur sieben Kilometer von Frankreich entfernt liegt, ist Saarbrücken recht international, und für die Bewohner ist es alltäglich, Menschen aus anderen Kulturen zu begegnen.

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"Zumindest kann ich meine Familie gelegentlich in der Türkei treffen – dorthin dürfen wir alle ohne Visum reisen." Adrin Jalali möchte nicht mehr in den Iran zurückkehren.

Ich besuche oft französische Städte in der Nähe; sogar nach Paris braucht man mit dem Zug gerade mal zwei Stunden. Wenn ich dort bin, wird mir bewusst, wie sehr ich mich an vieles typisch Deutsche gewöhnt habe. Ich schätze zum Beispiel die deutsche Verlässlichkeit und Pünktlichkeit sehr. Und ich komme sehr gut damit klar, dass die Deutschen so rational und direkt sind. Anders als in Kanada – wo ich zuletzt gelebt habe – und im Iran sagen einem hier die meisten Leute recht klar, was sie denken. Ich finde das gut, da weiß ich immer, woran ich bin.

Die Situation hier ist jedoch keineswegs perfekt. Deutschland hat zwar eines der besten Sozialsysteme, das war auch einer der Gründe, warum ich mich für Deutschland entschieden habe. Aber als Ausländer sollte man aufpassen, nicht benachteiligt zu werden. Weil ich nicht genug über das System wusste, habe ich ein jährliches Stipendium bekommen. Das deckt meine Lebenshaltungskosten, aber leider kann ich nicht in die Sozialversicherung einzahlen. Das ist mir ein echtes Anliegen – nicht nur wegen meiner persönlichen Absicherung, sondern auch um Teil eines Solidarsystems zu sein, das ich politisch befürworte. Außerdem trifft man als Neuankömmling in Deutschland immer wieder auf Vorurteile. So kann es passieren, dass einem die Leute fehlende sprachliche und kulturelle Kenntnisse als mangelnde wissenschaftliche Kompetenz auslegen.

Allerdings erlebe ich so etwas bei uns am Max-Planck-Institut kaum. In unserer Gruppe kommen wir aus den verschiedensten Ländern, und trotzdem arbeiten wir perfekt zusammen. Die wissenschaftliche Arbeit ist wirklich toll hier! Es ist eine faszinierende Herausforderung, Computerprogramme mitzuentwickeln, die eine bessere Krebsbehandlung ermöglichen.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht den Iran oder das Leben dort vermisse. Aber außer meinen Freunden und meiner Familie fehlt mir wirklich nichts. Im Gegenteil: Nach dem, was ich durchgemacht habe, kann ich mir nicht vorstellen zurückzukehren. Ich musste aus politischen Gründen 105 Tage im Gefängnis verbringen – anfangs zu elft auf so engem Raum, dass wir uns nicht einmal zum Schlafen hinlegen konnten. Anders als viele, die zu teils lebenslangen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, oder als mein Freund, Jafar Kazemi, der erhängt wurde, hatte ich Glück und wurde am Ende freigesprochen. Aber ein zweites Mal würde ich nicht riskieren, verhaftet zu werden. Das Leben in so einem System ist vollkommen unberechenbar, und ich weiß, dass die Behörden nach wie vor misstrauisch sind. Zumindest kann ich meine Familie gelegentlich in der Türkei treffen – dorthin dürfen wir alle ohne Visum reisen.

Ich möchte gern auf Dauer in Deutschland leben – entweder in Saarbrücken oder in einer anderen Stadt. Und am liebsten würde ich weiter in der Wissenschaft arbeiten, denn es ist mir wichtig, dass meine Forschung allen frei zugänglich ist und nicht als Betriebsgeheimnis hinter verschlossenen Türen bleibt. Seit ich hier bin, lerne ich Deutsch. Das ist mühsam, aber ganz langsam merke ich, dass ich Fortschritte mache. Leider reichen meine Kenntnisse noch nicht für die deutsche Literatur. Bücher von Marx und Hegel im Original zu lesen – das ist mein Ziel.

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