Mit der Familie an den Pazifik

Carolin Hillemanns vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht hat sieben Monate mit ihrer Familie in Kalifornien gelebt. Dort ist sie einem Fahrraddieb, vielen Obdachlosen, nur einem einzigen Trump-Anhänger und außerordentlich herzlichen und großzügigen Nachbarn begegnet

"Insgesamt war es für uns alle eine aufregende Zeit", sagt Carolin Hillemanns.

Santa Cruz gilt als Geburtsort des Mountainbikings, die Stadt hat legendäre Skateboards hervorgebracht, und sie ist vor allem ein Mekka des Wellenreitens. Auch wenn mein Mann nach Palo Alto pendeln musste, entschieden wir uns recht früh für Santa Cruz: für eine überschaubare Kleinstadt direkt am Pazifik und gegen eine von der Realität abgehobene Welt der Reichen im Silicon Valley mit noch überhöhteren Mietpreisen. Selbst in Santa Cruz mussten wir einmal umziehen, weil das Haus, in dem wir wohnten, im Sommer 9000 Dollar Miete pro Monat gekostet hätte.

Bei diesen Mieten ist es kein Wunder, dass viele Menschen obdachlos sind, darunter zahlreiche Frauen, Ältere und psychisch Kranke. Viele davon sind drogenabhängig, entsprechend hoch ist die Beschaffungskriminalität. Dass gerade in Santa Cruz die Zahl der Obdachlosen überproportional gross ist, liegt daran, dass sie hier geduldet werden – im Gegensatz zu anderen Städten, wo die Menschen aus dem öffentlichen Blickfeld verdrängt werden.

Die Kriminalität ist ein Problem. Was Fahrraddiebstähle angeht, waren wir ja aus Freiburg einiges gewohnt, aber in Santa Cruz ist es wirklich extrem. Einmal habe ich nachmittags einen Dieb ertappt, wie er das abgesperrte Fahrrad meiner Tochter aus unserem Hinterhof tragen wollte. Ich bin hinter ihm hergelaufen und habe laut gerufen; da hat er das Rad über den Zaun zu den Nachbarn geworfen und ist, nicht wirklich beeindruckt, gemächlich davonspaziert. Jeder weiß, dass man Fahrräder wirklich festsperren muss. Oder man sollte, wenn man einkaufen geht, das Rad in den Laden mit hineinnehmen – das ist tatsächlich üblich.

Abgesehen davon ist Santa Cruz ein alternatives, liberales Städtchen mit gefühlt fast ebenso vielen Hunden wie Einwohnern und mit einer sehr lebendigen Musik- und Kunstszene. Allerdings denke ich, dass meine Kinder in den sieben Monaten nicht wirklich „die USA“ kennengelernt haben. Kalifornien und besonders Santa Cruz bilden eine echte Ausnahme: In sieben Monaten habe ich nur eine einzige Person getroffen, die Sympathien für Präsident Trump äußerte – ein Tourist aus Nordkalifornien. Wie engagiert liberal die Stadt ist, haben wir beim jährlichen Women’s March erlebt. Tausende sind für Frauenrechte und gegen Trump auf die Straße gegangen. Das war ein bisschen wie in den 68ern – wirklich beeindruckend!

Insgesamt war es für uns alle eine aufregende Zeit, weil wir unmittelbar am Pazifik wohnten, regelmäßig mit dem Rad, das Long Board unter dem Arm, an den Strand fuhren. Die Kinder, zum Teil mit gerade mal drei Monaten Schulenglisch im Gepäck, bekamen einen Einblick in einen doch anderen Alltag, eine andere Lebensweise und konnten so ihren Blick auf das Gastland und die Heimat schärfen. So empfanden meine Kinder allesamt, dass die Disziplin im Klassenzimmer deutlich größer ist als in ihren Schulen zu Hause und die Lehrerinnen und Lehrer allen Schulkindern sehr viel Respekt, Wohlwollen und Engagement entgegenbringen. Die Leistungsbereitschaft vieler Jugendlicher, akademisch wie sportlich, hat wiederum mich beeindruckt.

Was mir sicher in Erinnerung bleiben wird, ist das ungewohnte Maß an Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Respekt im persönlichen Umgang, das wir in Kalifornien erfahren haben. So sind wir von allen Seiten beschenkt worden. Es ist zum Beispiel so, dass der Pazifik auch im Sommer kalt ist. Da haben uns Nachbarn und Freunde Neoprenanzüge für die Kinder geschenkt. Der freundliche Umgang wird schon in der Schule trainiert. Wahrscheinlich würde sonst das Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Ethnien und Kulturen gar nicht funktionieren. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit zusammen mit etwas mehr Gelassenheit hoffe ich mir auch daheim in Freiburg zu bewahren. Meine Jüngste ist übrigens jetzt überzeugt, wo sie immer leben möchte: in Deutschland.

Weitere interessante Beiträge

Zur Redakteursansicht