Der antike Mittelmeerraum in neuem Licht

Die Partner des neuen Max Planck-Harvard Research Center investieren gemeinsam fünf Millionen Euro, um mit modernsten wissenschaftlichen Methoden zentrale Vorgänge der Menschheitsgeschichte im antiken Mittelmeerraum besser zu verstehen

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und der Initiative for the Science of the Human Past der Harvard-University in Cambridge, US-Bundesstaat Massachusetts, kooperieren in einem neuartigen Forschungszentrum zur archäologisch-naturwissenschaftlichen Erforschung des antiken Mittelmeerraums. Das Max Planck-Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean (MHAAM) wird am Dienstag, 10. Oktober, mit einer Feierstunde in Cambridge, Massachusetts eröffnet. „Das Max Planck Harvard Research Center beindruckt mit einem interdisziplinär neuartigen Forschungsprogramm. Schließlich kommen aktuellste Methoden der Genuntersuchung mit den etablierten Ansätzen der Archäologen und Historiker zusammen. Damit wird eine bei großen Fragen der Menschheitsgeschichte oft noch bestehende Lücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaft geschlossen“, sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann.

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Ein antikes Fresko aus dem Mittelmeerraum - Austausch und Begegnung der Menschen werden nun mit neuesten Methoden untersucht.
Ein antikes Fresko aus dem Mittelmeerraum - Austausch und Begegnung der Menschen werden nun mit neuesten Methoden untersucht.

Schon die ersten Siedler des Mittelmeerraums überquerten das Meer, um verschiedene Regionen der Nordküste Afrikas, Westasiens und dem südlichen Europa zu besiedeln und an dem dortigen lebhaften Austausch teilzuhaben. Damit entstanden weitreichende Interaktionsnetzwerke. Interkulturelle Begegnung, verbunden mit umfangreicher Mobilität von Menschen, prägte in der Folge die Entwicklungen der unterschiedlichen Kulturen. Diese Prozesse, darunter die erste „Globalisierung“ des ostmediterranen Raumes in der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit (ca. 1600-1000 v. Chr.) sowie die sogenannte „Phönizischen“ und „Griechischen“ Migrationen im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. im gesamten Mittelmeerraum, nehmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der amerikanischen Harvard University und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, beides auf diesem Gebiet führende Institutionen, nun gemeinsam in den Blick.

Rekonstruktion der Vergangenheit

Dank bahnbrechender Weiterentwicklungen in der DNA-Analyse auch von antiken Knochenfunden ist es jetzt möglich, die Genome antiker Menschen zu rekonstruieren. Diese Studien führen zu ganz neuen Einblicken in die genetische Geschichte unserer Kontinente. „DNA- und Isotopenanalysen an menschlichem Skelettmaterial stellen ein wirksames Werkzeug dar, um menschliche Mobilität und biologische Verwandtschaftsverhältnisse in der Vergangenheit zu erforschen“, erklärt Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und einer der Direktoren der neuen Kooperation. Die Wissenschaftler an der Spitze des Max Planck-Harvard Research Centers stehen für seinen fachübergreifenden Charakter: Als Co-Direktor fungiert neben Krause der US-Amerikaner Michael McCormick, Goelet-Professor am Department of History der Harvard-University sowie Chair der Initiative for the Science of the Human Past. Philipp W. Stockhammer, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie und provinzialrömische Archäologie, und David Reich, Harvard Medical School, Department of Genetics, besetzen die Stellen der stellvertretenden Direktoren.

Neben der Mobilität antiker Menschen liegt ein weiteres Augenmerk auf der Erforschung der Verbreitungswege ansteckender Krankheiten in dieser Zeit. Schließlich waren, so unterstreicht Johannes Krause, die Wege bakterieller Krankheitserreger und jene der Menschen vermutlich schon in der Urgeschichte genauso eng miteinander verbunden wie in der Gegenwart. Pandemien konnten ganze Lebensräume umgestalten und in weitreichenden Bevölkerungsverschiebungen und intensiven kulturellen Austausch kulminieren. „Durch die Verbindung von Isotopen-, DNA- und Pathogen-Analysen mit detailliert recherchierten historischen und archäologischen Funden sollen nun neue, dynamische Bilder der Vergangenheit gezeichnet werden“, fasst Co-Direktor McCormick zusammen.

Sowohl die Harvard University wie die Max-Planck-Gesellschaft bringen in die auf vorerst fünf Jahre angelegte Zusammenarbeit jeweils rund 2,5 Millionen Euro ein. Neben der beidseitigen Nutzung bestehender Infrastruktur gehört zur gemeinsamen Agenda auch ein vollständig finanziertes Doktorandenprogramm sowie der regelmäßige transatlantische Forschungsaustausch. An beiden Standorten wie auch über das Internet entstehen auf diese Weise Anlaufstellen auch für junge Forscherinnen und Forscher, die zukünftig in diesem innovativen Forschungsfeld arbeiten werden.

17 Max Planck Center weltweit

Die Max-Planck-Gesellschaft betreibt an ihren 84 Instituten und Einrichtungen Grundlagenforschung in den Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaften. Seit ihrer Gründung 1948 sind 18 Nobelpreisträger aus ihren Reihen hervorgegangen. Neben fünf Instituten im Ausland gibt es aktuell 17 Max Planck Center weltweit. In Europa sind es acht Center, unter anderem mit der ETH in Zürich, der EPFL in Lausanne oder dem University College London. Das Max Planck-Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean ist eines von zwei Max Planck Centern in den USA.

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