Wegmarken der Wissenschaft

Max-Planck-Präsident Martin Stratmann leuchtet in seiner Rede Zukunftsthemen der Forschung aus

15. Juni 2018

100 Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises an den Physiker Max Planck sieht Martin Stratmann gegenwärtig einen erneuten epochalen Wandel in der Wissenschaft: „Wir erleben große Umwälzungen wie zur letzten Jahrhundertwende und wir erleben gleichzeitig eine Wissenschaft, die ganz anders ist: Sie betrifft die Menschen unmittelbarer, sie ist global, sie ist disziplinübergreifend, sie ist sehr viel komplexer“, sagte Stratmann in seiner Festrede auf der 69. Jahresversammlung in Heidelberg. Daher und angesichts der in manchen Ländern aufkommenden Wissenschaftsfeindlichkeit sei „Offenheit der Forschung, der ständige Dialog mit der Bevölkerung“ entscheidend, um das Vertrauen im Sinne der Forschungsfreiheit zu bewahren.

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Vor 100 Jahren erhielt Max Planck den Nobelpreis - Martin Stratmann bei seiner Ansprache zum Abschluss der 69. Jahresversammlung in Heidelberg.

Erst stand die Empirie als beschreibende Wissenschaft im Fokus, dann waren es Denker wie Max Planck, die die großen Theorien beispielsweise der Quantenphysik zum Treiber der Erkenntnis machten. Nun, nach dem Aufstieg der Simulation etwa bei der Klimamodellierung am ausgehenden 20. Jahrhundert, wirkt in unserer Zeit aktuell das „vierte Paradigma“ der Forschung: die datengetriebene Wissenschaft – „sie tritt neben Experiment, Theorie und Simulation“, so Stratmann in seiner Rede im Kongresshaus Heidelberg. Zu den weiteren Rednern zählte die Baden-Württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Den Festvortrag hielt Stephen Mann von der University of Bristol. Als Pionier im sich gerade formierenden Forschungsfeld „Origins of Life“ sprach er darüber, wie dort auf neuer Art der Entstehung des Lebens nachgespürt wird.

Stratmann hatte zuvor bereits Kennzeichen der Epochenwende dargelegt. Kern dabei sei, dass sich angesichts gewaltiger Datenmengen und der Methoden des Maschinellen Lernens „künftig ganz neue Zugänge zu alten Fragen auftun werden“. Stratmann nannte etliche Beispiele aus der aktuellen Forschung in der MPG, darunter die Arbeit von Max-Planck-Direktor Iain Couzin, der die kollektive Intelligenz in Tierschwärmen sichtbar mache, oder das SHARE-Projekt, in dem Daten von mehr als 120.000 Menschen über 50 Jahre erfasst sind, um Rückschlüsse über ihr Altern und ihre Gesundheit in Europa und Israel zu erlauben. In schier allen Disziplinen würden nun „komplexe Systeme untersucht, Systeme, bei denen die aus Wechselwirkungen hervorgehenden Eigenschaften – die Emergenz –in den Fokus geraten“, unterstrich Stratmann. In den biologischen Wissenschaften seien die modernen Bildgebungsmethoden – beispielsweise die Kryo-Elektronenmikroskopie und -Tomografie – der Grund für die Datenexplosion. Neben Big Data gäbe es aber gerade in den Biowissenschaften noch andere revolutionäre Neuerungen, die zum Treiber großer Umwälzungen werden können: Die Genschere CRISPR-Cas9 und die sogenannten Organoide, also die Züchtung organähnlicher Zellgewebe in der Petrischale, „an denen sich die Entwicklung gefährlicher Krankheiten im Detail studieren lassen oder die sogar einmal als Ersatzorgane für Menschen dienen könnten“, so der Präsident.

Max-Planck-Tag schafft Dialog

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Fragen nach dem Ursprung des Lebens: Stephen Mann von der University of Bristol, ein Pionier im sich gerade formierenden Forschungsfeld „Origins of Life“, hielt den Festvortrag.

Auch thematisierte der Präsident Sorgen in der Bevölkerung angesichts neuer wissenschaftlicher Perspektiven. Unter Verweis auf die kognitive Robotik, die letztlich auf die Entwicklung selbstlernender Maschinen zielt, sagte Stratmann: „Das klingt ein wenig nach Science-Fiction und das macht vielen auch Angst. Die MPG nimmt diese Befürchtungen ernst und sie nimmt ihre Verantwortung ernst. Das zeigt nicht zuletzt unser neues Max-Planck-Institut für Cyber Security und Privacy, mit dem wir in diesem Jahr in die Gründungsphase eintreten wollen.“ Ein weiterer Baustein sei der anhaltende Dialog der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit, der sich am 14. September in einem Max-Planck-Tag manifestiert, bei dem an allen Standorten der MPG aktuelle Wissenschaft für breites Publikum vermittelt wird.

Begonnen hatte die 69. Jahresversammlung mit 700 Teilnehmern am Dienstagabend mit einem wissenschaftlichen Vortrag des Heidelberger Max-Planck-Direktors Werner Hofmann in der Neuen Aula der Ruprecht-Karls-Universität. Er sprach dort zum Thema „Der Himmel über Namibia in neuem Licht: Astronomie mit Gammastrahlen“. Im Mittelpunkt stand die Arbeit mit dem Teleskopsystem H.E.S.S., das es den Astronomen dieser internationalen Kollaboration vom abgelegenen Khomas-Hochland in Namibia aus erlaubt, das Weltall nach extrem hochenergetischen Gammastrahlen abzumustern. Hofmann als Wegbereiter dieser Anlage mit insgesamt fünf Spiegelteleskopen gab anschaulich Einblick in die Erforschung von Gammastrahlenquellen innerhalb und außerhalb der Milchstraße und berichtete auch von den Herausforderungen beim Aufbau der Teleskope, die 2002 ihr ‚erstes Licht‘ gesehen hatten. Als Hausherr hatte der Rektor der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Bernhard Eitel diesen Abend gemeinsam mit Max-Planck-Präsident Martin Stratmann eröffnet. „Heidelberg ist unbestritten ein ‚Klassiker‘ – Wiege und Wegweiser der Wissenschaft gleichermaßen. Die Universität, das Deutsche Krebsforschungszentrum und das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie sind hier zuhause – genauso wie vier unserer Max-Planck-Institute. Die hohe Wissenschaftsdichte ist die ideale Voraussetzung für eine Jahresversammlung“, unterstrich Stratmann.

Starke Netzwerke am Standort

An den vier Instituten der Max-Planck-Gesellschaft in Heidelberg arbeiten etwa 1175 Mitarbeiter. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Astronomie, des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung, des Max-Planck-Instituts für Kernphysik und des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht sind trotz ihrer starken internationalen Orientierung auch eng in die Forschung der Region eingebunden. Neben Honorarprofessuren an der Ruprecht-Karls-Universität gehören dazu akademische Partnerschaften wie HeiParisMax, das die Heidelberger Juristen von der MPG und der Universität mit den Fachkollegen der Sorbonne sowie Sciences Po in Paris zusammenbringt. Hand in Hand läuft auch das groß angelegte Forschungsnetzwerk „Biologie auf der Nanoskala“, bei dem die Universität Heidelberg und das MPI für medizinische Forschung mit Partnern auch aus der Industrie neuartig kooperieren, um Erkenntnisse der biowissenschaftlichen und biomedizinischen Grundlagenforschung rasch in die medizinische Anwendung zu bringen. Weiteren Schub erhält diese Kooperation über die jüngst angekündigte 25 Millionen-Euro-Investition des Landes Baden-Württemberg für einen universitären Neubau in direkter Nachbarschaft zum Max-Planck-Institut.

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36 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden bei der Jahresversammlung in Heidelberg für ihre außerordentliche Arbeit ausgezeichnet.

Nicht zuletzt trägt die gemeinsame Doktorandenausbildung zur weiteren Vernetzung bei. So kooperieren das MPI für Kernphysik und das MPI für Astronomie mit der Universität unter anderem in der International Max Planck Research School for Astronomy & Cosmic Physics. Zudem haben sich im Bereich der Lebenswissenschaften führende Köpfe mehrerer Institutionen in der Max Planck School Matter to Life, dem neuartigen deutschlandweiten Format der Doktorandenausbildung, zusammengetan.

Im Zeichen der Gremientagungen

Am Mittwoch und Donnerstag kamen im Kongresshaus die Gremien der Max-Planck-Gesellschaft zusammen. Neben Senat und Verwaltungsrat sind dies die Sektionen, die unter anderem über die Berufung neuer Wissenschaftlicher Mitglieder beraten. Die Mitgliederversammlung verabschiedet den aktuell erscheinenden Jahresbericht 2017. Dieser bündelt neben den zentralen Daten und Fakten noch einmal die medialen Forschungshighlights des vergangenen Jahres. Dazu gehören die Erkenntnisse, dass der Homo sapiens deutlich älter ist als gedacht und dass weniger Düngereinsatz die Feinstaubbelastung reduziert. Zu den insgesamt zwölf Schlaglichtern zählt auch eine Studie, die darlegt, wie das Lesenlernen das Gehirn bei Erwachsenen verändert.


Über die Max-Planck-Gesellschaft

In den derzeit 84 Max-Planck-Instituten und Einrichtungen betreiben knapp 7.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, mehr als 3.400 Doktoranden sowie rund 1.800 Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler Grundlagenforschung in den Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaften. Seit Gründung der Max-Planck-Gesellschaft 1948 sind 18 Nobelpreisträger aus ihren Reihen hervorgegangen. Die Max-Planck-Gesellschaft ist das internationale Aushängeschild für die deutsche Wissenschaft - neben fünf Auslandsinstituten betreibt sie 20 Max Planck Center mit Partnern wie der US-amerikanischen Princeton University, Sciences Po in Frankreich, dem University College London in England oder der Universität Tokio in Japan. Je zur Hälfte finanziert von Bund und Ländern, verfügte die Max-Planck-Gesellschaft 2017 über eine Grundfinanzierung von rund 1,8 Milliarden Euro.                                       

Personalzahlen mit Stichtag 31.12.2017

JE

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