„Die Mathematik eröffnet eine neue, wunderbare Welt“

Annette Vogt vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte spricht über Sofja Kovalevskaja, die erste Mathematik-Professorin

18. Februar 2017
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An Sofja Kovalevskaja schätzt die Wissenschaftshistorikerin Annette Vogt Hartnäckigkeit und Selbstvertrauen.
An Sofja Kovalevskaja schätzt die Wissenschaftshistorikerin Annette Vogt Hartnäckigkeit und Selbstvertrauen.

Sofja Kovalevskaja (1850-1891) war die erste Mathematikprofessorin an der Universität Stockholm. Die gebürtige Russin heiratete zunächst zum Schein mit 18 Jahren Vladimir Kovalevsky. Sie waren Anhänger der russischen Nihilisten, und er unterstützte die Emanzipation und Bildung für Frauen. Als verheiratete Frau konnte Kovalevskaja ins Ausland reisen und studieren.

Die Heidelberger Universität erteilte ihr 1869 als erster Frau eine Zulassung als Hörerin, bei Leo Koenigsberger studierte sie Mathematik und ging auf seinen Vorschlag nach Berlin. Weil Frauen offiziell nicht studieren durften, unterrichtete sie einer der bekanntesten deutschen Mathematiker, Karl Weierstrass (1815-1897), privat. Durch seine Unterstützung wurde ihr an der Universität Göttingen eine Promotion in absentia – das heißt, in Abwesenheit und ohne mündliche Prüfung – ermöglicht. Die 24-Jährige bestand mit „summa cum laude“. Das Thema ihrer Dissertation war „Zur Theorie der Partiellen Differentialgleichungen“.

1881 kam sie mit der dreijährigen Tochter erneut nach Berlin, um wieder in der Mathematik zu arbeiten. Für eine getrennt lebende Frau war es jedoch nahezu unmöglich eine Anstellung zu bekommen. Nach dem Tod ihres Mannes unterstützten sie ihre Freunde und Carl Weierstrass eine Anstellung zu finden. So erhielt sie 1882 eine Stelle als Privatdozentin an der damals neu gegründeten Universität in Stockholm. Im Wintersemester 1883/1884 hielt sie dort ihre erste Vorlesung und noch im Lauf des Jahres wurde sie Professorin für höhere Analysis.

Die Alexander von Humboldt-Stiftung stiftet seit 2002 jährlich einen nach ihr benannten Preis. Er ist einer der höchstdotierten Wissenschaftspreise Deutschlands. Mit dem Preisgeld können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fünf Jahre lang ohne administrative Zwänge an einer selbst gewählten Hochschule oder Forschungseinrichtung in Deutschland arbeiten und eigene Arbeitsgruppen aufbauen.

Frau Vogt, was fasziniert Sie an der Wissenschaftlerin Sofja Kovalevskaja?

Für mich ist Sofja (Sonja) Kovalevskaja  eine bemerkenswerte Mathematikerin. Sie setzte sich erstens durch ihr Talent durch. Zweitens hatte sie akademische Lehrer wie Leo Koenigsberger und vor allem Karl Weierstrass sowie Freunde wie Gösta Mittag-Leffler, die sich für sie einsetzten und sie unterstützten.

Da sie nach dem Tod ihres Mannes als alleinerziehende Mutter auch für ihre Tochter Sonja sorgen musste, war sie in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme – als Frau Professor an der Universität Stockholm, als Mathematikerin, als selbstbewusste Persönlichkeit mit eigenen Ansprüchen, Wünschen und Vorstellungen. Mir gefällt ihr Ausspruch: „Die Mathematik eröffnet eine neue, wunderbare Welt.“

Mathematik war die große Leidenschaft von Sofja Kovaleskaja, was hat diese bestärkt?

Sofja Kovaleskaja war schon früh an Mathematik interessiert und wurde zuhause in diesem Fach auch unterrichtet – eine Ausnahme zur damaligen Zeit. Aber vor allem war es ihr akademischer Lehrer in Berlin, das Akademiemitglied und Professor an der Berliner Universität, Karl Weierstrass, der sie förderte. Auch er war seiner Zeit voraus und bildete eine Ausnahme unter den Hochschullehrern, als er sie privat unterrichtete und unterstützte.

In einem Brief an Gösta Mittag-Leffler schrieb er 1886 - also Jahrzehnte, bevor in Deutschland das Frauenstudium offiziell möglich wurde: „Sie hat den Beruf, nicht nur zu zeigen, dass eine Frau befähigt ist, in der strengsten und abstractesten Wissenschaft Tüchtiges zu leisten, sondern auch durch die That einer kopfschüttelnden Welt den Beweis zu liefern, dass auch auf den Kathedern unserer Universitäten ein weiblicher Professor mit Ehren bestehen kann.“ Eine erste Mathematik-Professorin an deutschen Universitäten gab es erst nach 1945, auch dies ein Ausdruck für das Besondere am Wirken von Sofja Kovalevskaja und ihres Lehrers Karl Weierstrass.

Wie hat es Sofja Kovalevskaja geschafft, ihren Weg zu gehen trotz der damals vorhandenen Diskriminierungen, denen Frauen im Allgemeinen und in der Wissenschaft unterlagen?

Sofja Kovalevskaja war sehr unkonventionell. Sie wollte nicht nur studieren, schon das galt zu ihrer Zeit als „unweiblich“ beziehungsweise war in vielen Ländern für Frauen noch gar nicht möglich. Sie wollte darüber hinaus Mathematik studieren – ein Fach, das nicht nur im 19. Jahrhundert als Männerdomäne schlechthin galt. Und sie wollte selbständig und unabhängig sein – auch dies war, nicht nur um 1880, ungewöhnlich. Denn das damalige Frauenbild sah eine unabhängige Berufstätigkeit für Töchter aus „gutem Hause“ nicht vor.

Geschafft hat es Sofja Kovalevskaja durch Hartnäckigkeit, Selbstvertrauen und ihre wissenschaftlichen Arbeiten. Diese brachten ihr Anerkennung unter den Mathematikern. Da sie schon früh starb, waren es nur wenige Publikationen. Die Professur erhielt sie auf Grund des Zusammenfallens mehrerer für sie günstiger Umstände: Die Unterstützung von Karl Weierstrass und Gösta Mittag-Leffler halfen dabei ebenso wie der 1888 verliehene Prix Bordin der Pariser Akademie der Wissenschaften. Dies stärkte ihre Anerkennung unter Fachkollegen und in der Öffentlichkeit.

Viel hat sich gebessert, aber wirklich gut bestellt ist es um die Karrieremöglichkeiten von Frauen in der Wissenschaft auch heute noch nicht. Was hat sich an der Situation von Frauen in der Wissenschaft geändert?

Frauen sind heute de jure gleichberechtigt und dies mittlerweile seit Jahrzehnten. De facto gibt es aber noch Defizite – allein, dass wir darüber reden und schreiben müssen, zeigt die Diskrepanz.

Objektive Hindernisse sind zum Beispiel fehlende Transparenz bei Stellenbesetzungen, ungleiche Bezahlung trotz gleicher Qualifikation oder prekäre und fast ausnahmslos befristete Stellen im Hochschulwesen. Es gibt subtile Ausgrenzungen – die „gläserne Decke“ – und das Fortleben von Klischees und Vorurteilen Mädchen und Frauen gegenüber, die die MINT-Fächer studieren und wissenschaftlich tätig sein wollen. Deshalb erfordert es immer noch Mut, Courage, Selbstbewusstsein und Ausdauer, wenn Frauen wie Sofja Kovalevskaja eine anerkannte Wissenschaftlerin und Professorin werden wollen.

Die MINT-Berufe, Mathematik, Ingenieurswesen, Naturwissen- und Technikwissenschaften, sind immer noch männerdominiert. Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, damit sich mehr Mädchen dafür begeistern und damit mehr Frauen auch in diesen Berufen arbeiten?

Junge Frauen und Mädchen sollten vor allem neugierig sein und bleiben, mutig und selbstbewusst, und sie sollten sich unbedingt für die MINT -Fächer interessieren. Deshalb tragen meines Erachtens die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen eine hohe Verantwortung: In den Schulen wird ein Anfangsinteresse geweckt – oder verhindert. Aus der Mathematikgeschichte wissen wir, dass gerade Mathematiker, auch Sofja Kovalevskaja, ganz früh ihr Interesse für die Mathematik zeigen. Deshalb ist es so wichtig, was in den Schulen geschieht.

Kovalevskaja hatte starke und prominente Unterstützer. Wie sinnvoll sind Mentoring-Programme?

Förderer sind auch heute noch wichtig. Darum ist Mentoring an den Hochschulen, Universitäten und in wissenschaftlichen Forschungs-Institutionen wie der Max-Planck-Gesellschaft sinnvoll, um junge Frauen zu begleiten und zu unterstützen. Aber Mentoring-Programme setzen auch voraus, dass die zu fördernden jungen Frauen ernsthaft „dabei bleiben“ wollen – trotz Misserfolgen, Rückschlägen, trotz Klischees und Vorurteilen.

Die italienisch-französische Modeschöpferin Elsa Schiaparelli, eine Kollegin und Konkurrentin von Gabrielle Coco Chanel, soll gesagt haben: „Sei mutig und hab’ Spaß dabei“ – dies gilt auch für die Wissenschaften, die Mathematik insbesondere. Ohne Neugier, Mut und Spaß wird es nicht gehen und nichts werden mit einer Karriere wie der von Sofja Kovalevskaja.

Das Gespräch führte Beate Koch.

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