"Caroline Herschels Vermächtnis hält an"

Sherry Suyu vom Max-Planck-Institut für Astrophysik ist faszininiert von der berühmten Astronomin und akribischen Dokumentarin Caroline Herschel

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Wie Caroline Herschel können junge Wissenschaftlerinnen Hindernisse überwinden, wenn sie Leidenschaft antreibt. Davon ist Sherry Suyu überzeugt.
Wie Caroline Herschel können junge Wissenschaftlerinnen Hindernisse überwinden, wenn sie Leidenschaft antreibt. Davon ist Sherry Suyu überzeugt.

Heute ist ein Komet nach ihr benannt, der Komet 35P/Herschel-Rigollet – dabei hatte ihre Mutter für sie eigentlich die Rolle als Haushaltshilfe für den Rest der Familie vorgesehen, und Caroline, die durch eine Typhus-Erkrankung im Kindesalter kleinwüchsig blieb, in häuslichen Tätigkeiten wie Nähen und Sticken unterrichtet. Diesem Aschenputtel-Schicksal entkommt Caroline Herschel, als sie mit 22 ihrem Lieblingsbruder, dem 12 Jahre älteren Friedrich Wilhelm nach England folgt. Sie beginnt eine Ausbildung zur Sängerin, verfolgt die musikalische Karriere aber nicht weiter, denn im Herschel-Haushalt dreht sich zunehmend alles nur noch um eins: die Astronomie, Wilhelms Leidenschaft.

Caroline assistiert ihrem Bruder bei seinen astronomischen Beobachtungen und unterstützt ihn beim Bau von Teleskopen. Nachdem Wilhelm am 13. März 1781 bei der Himmeldurchmusterung den neuen Planeten Uranus entdeckt, wird ihm die Stelle als Königlicher Hofastronom angeboten; und Caroline, als Teil des Herschel-Forschungsteams, erhält ein festes Gehalt von jährlich 50 Pfund für ihre Tätigkeit – damit ist sie die erste Frau, die den Beruf der Astronomin ausübte.  Längst hat sie sich zu einer selbstständigen Forscherin entwickelt: Zwischen 1786 und 1797 entdeckt sie acht Kometen, darunter den Enckeschen Kometen, der über die kürzeste Umlaufzeit aller bekannten periodischen Kometen innerhalb unseres Sonnensystems verfügt. Neben der Entdeckung von vierzehn Nebeln verfasste sie einen Katalog für Sternhaufen und Nebelflecke, sowie einen Ergänzungskatalog zu Flamsteeds Sternatlas, der 561 Sterne umfasste. Als erste Frau wurde sie 1828 mit der goldenen Medaille der Royal Astronomical Society sowie der goldene Medaille der preußischen Akademie der Wissenschaften geehrt (1846).   

Frau Suyu, was fasziniert Sie an der Astronomie? Was hat Sie zur Astronomin gemacht?

Die Astronomie späht in den Weltraum und entdeckt das Unbekannte. Das fasziniert mich am meisten. Ich will herausfinden, was da draußen ist. Schöne Bilder des Universums erfüllen mich mit einem Gefühl der Ehrfurcht – und gleichzeitig mit großer Freude.

Mein Interesse an Astronomie und Astrophysik wurde bereits in der Kindheit geweckt: In der Schule habe ich mich für Mathematik und Physik begeistert. Ich stamme ursprünglich aus Taiwan. Meine Familie zog nach Kanada, als ich acht Jahre alt war. Die örtliche High School war sehr gut und ermutigte mich darin, meinem Interesse an Astrophysik nachzugehen und es weiter zu entwickeln.

Was fasziniert Sie an Caroline Herschel? Gibt es Aspekte ihres Lebens und ihrer Arbeit, die für Sie besonders bemerkenswert sind?

Was ich an Caroline Herschel beeindruckend finde, ist, dass sie viele Hindernisse auf ihrem Weg zu einer außergewöhnlichen Astronomin bewältigen musste. Doch sie blieb beharrlich. Sie hatte eine ziemlich schwierige Kindheit. Als Kind erkrankte sie an Pocken und später auch an Fleckfieber, sodass sie im Wachstum zurückblieb.

Ihre Mutter erwartete, dass sie für den Rest der Familie den Haushalt führte. Lediglich ihr älterer Bruder William öffnete ihr die Tür zur Welt: 1772 bat er sie, zu ihm nach England zu kommen, wo er als Musiker und später als Astronom arbeitete.

Zuerst strebte Caroline eine Karriere als Sängerin an. Parallel dazu begann sie jedoch, William in seinen astronomischen Arbeiten zu unterstützen, zum Beispiel darin, größere und besser auflösende Teleskope zu bauen. Das Schleifen und Polieren der Spiegel war eine sehr anstrengende Arbeit; das dauerte etwa 16 Stunden, nonstop.

Caroline half ihrem Bruder dabei, seine Beobachtungen des Nachthimmels aufzuzeichnen. Nach einer Weile entdeckte sie unabhängig von ihm mehrere Kometen. Sie erstellte einen Katalog für Sternhaufen und Nebelflecke, die heute Deep-Sky-Objekte genannt werden.

Im Jahr 1796 erhielt sie ein jährliches Gehalt von 50 Pfund von König Georg III. für ihre Rolle als Assistentin von William Herschel. Damit war sie die erste Frau, die für ihre wissenschaftliche Tätigkeit ein Gehalt erhielt.

Wie sahen die Geschlechterrollen während der Zeit von Caroline Herschel aus? Wie hat sie es geschafft, trotz der vielen Beschränkungen so beharrlich und erfolgreich zu sein?

Frauen hatten nicht die gleichen Chancen wie Männer. Mit der Ausnahme von einigen wenigen vielleicht, die aus privilegierten Schichten stammten und das Glück hatten, eine ebenbürtige Bildung zu erhalten. Caroline befreite sich auf eindrucksvolle Art und Weise aus diesen gesellschaftlichen Zwängen, die ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben zu ersticken drohten.

Als sie im Alter von 22 Jahren zu William nach England kam, lernte sie viele neue Dinge: eine neue Sprache, da sie kein Englisch konnte, einen neuen Beruf als Sängerin und die neue Disziplin Astronomie. So bewältigte sie eine ganze Reihe neuer Herausforderungen.

Wie wichtig sind die Beiträge von Caroline Herschel zur Kosmologie?

Caroline Herschels Vermächtnis hält zweifelsohne an. Das gilt nicht nur für ihre Entdeckungen. Sie war auch unglaublich akribisch in der Dokumentation und Katalogisierung ihrer Entdeckungen und der Erfassung astronomischer Daten. Der New General Catalogue of Nebulae and Clusters of Stars (NGC) basiert weitestgehend auf ihrer Arbeit. Auch heute noch werden viele Galaxien durch NGC-Zahlen identifiziert.

Seit dem 18. Jahrhundert hat sich viel für Frauen in der Wissenschaft verbessert. Wie sehen ihre Erfahrungen aus, in Bezug auf Frauen in der Wissenschaft?

Die Situation hat sich im Gegensatz zu Carolines Zeiten deutlich verbessert. In vielen Bereichen genießen Frauen und Männer nun Chancengleichheit. Es gibt auch in der Astronomie viele positive Veränderungen.

Während viele Frauen naturwissenschaftliche Fächer studieren, gibt es jedoch nur wenige in höheren Positionen. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass es schwierig ist, eine berufliche Karriere in der Wissenschaft mit Kindern zu vereinbaren. Die Arbeitgeber sollten deshalb Frauen stärker unterstützen, Familie und Karriere zu vereinen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden nach ihrem Output bewertet. Wenn Frauen eine Familie gründen, legen sie oft eine Karriere-Pause ein, in der Hoffnung nach ein paar Jahren in ihren Beruf zurückzukehren. Sobald Kinder da sind, ist es jedoch nicht so einfach, mit der gleichen Intensität weiter zu forschen wie zuvor.

Das bedeutet, dass Frauen, die Karriere machen wollen, im Prinzip oft für den Familienwunsch ‚abgestraft‘ werden. Ironischerweise fällt die Zeit, in der Frauen Kinder haben wollen, oft mit der Zeit zusammen, in der sie wirklich hart an ihren Karrieren arbeiten, wenn sie Anfang 30 sind. Familienfreundliche Initiativen sollten sicherstellen, dass Frauen nicht zwischen Familie und Karriere wählen müssen.

Was ist ihrer Meinung nach notwendig, damit sich mehr Mädchen für naturwissenschaftliche und technische Disziplinen begeistern und diese Berufe anstreben? Sind Mentoring-Programme nützlich?
 
Mentoring-Programme sind eine gute Sache. Um jüngere Mädchen – und auch Jungs – für Wissenschaft zu interessieren, können aber auch Schulveranstaltungen inspirierend sein. Etwa ein Besuch in einem Planetarium. Dort können Kinder Wissenschaft hautnah erleben.

Wissenschaftliche Vorträge vor Schulklassen sollten sowohl von Forscherinnen als auch Forschern gehalten werden. Wenn sie nie Wissenschaftlerinnen erleben, verfestigt sich bei Mädchen sonst der Eindruck, dass dieser Karriereweg für sie nicht offen ist.

Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die Wissenschaft als Karriereweg einschlagen?

Eine akademische Karriere dauert lang und ist hart. Aber wie Caroline Herschel können junge Frauen Hindernisse überwinden, wenn sie Leidenschaft antreibt. Leidenschaft in der Wissenschaft ist wichtig, um darin glücklich zu werden. Ja, mein Rat wäre: „Wenn Sie für die Wissenschaft brennen, folgen Sie Ihrem Herzen!“

Das Gespräch führte Tanja Rahneberg