Unter Freunden

Die Physikerin Elina Fuchs forschte mithilfe eines von der Minerva Stiftung, einer Tochtergesellschaft der Max-Planck-Gesellschaft, vergebenen Stipendiums vier Jahre am Weizmann-Institut in Israel. Sie berichtet von großer Gastfreundschaft, ungewöhnlichen Feiertagen und hilfsbereiten Kollegen.

Der Koffler-Turm ist nicht nur das Wahrzeichen des Weizmann-Campus, sondern beherbergt in seinem Innern unter anderem Teilchenbeschleuniger, Sternwarte und einen Seminarraum mit atemberaubender Aussicht.

Schon am ersten Tag bekamen wir einen Vorgeschmack auf die unglaubliche israelische Gastfreundschaft. Ein Kollege holte uns am Flughafen ab und gab uns eine kurze Führung über das Campusgelände. Und als wir an jenem Abend im Oktober 2015 unsere Wohnung betraten, fanden wir einen gefüllten Kühlschrank vor. Wie sich herausstellte, hatte die Sekretärin für uns eingekauft, damit wir am folgenden Tag, an dem die Geschäfte schon früh vor Beginn des Schabbats schließen, genug zu essen hatten. Mein Mann und ich fühlten uns sofort willkommen.

Wir sind beide Physiker und hatten je eine Stelle am Weizmann-Institut in Rechovot bekommen. Für Forschende ist Israel in vielerlei Hinsicht ein Paradies. Die Labore und die Infrastruktur sind phänomenal, und auch für „Networking“ gibt es reichlich Gelegenheiten. Wegen der geringen Entfernungen trafen wir uns beinahe wöchentlich mit Teilchenphysikern aus Tel Aviv, Haifa, Jerusalem und Be’er Sheva und diskutierten neue Arbeiten. Darüber hinaus waren sehr häufig Gastwissenschaftler am Institut, mit denen man ebenfalls prima Ideen austauschen und Kontakte knüpfen konnte.

In meiner Forschung beschäftige ich mich mit der Frage, welche Teilchen es jenseits des Standardmodells geben kann und wie man bestehende Modelle testen und widerlegen könnte. Besonders interessiert mich, wie sich in neuen Modellen die Eigenschaften des 2012 entdeckten Higgs-Bosons, das anderen Teilchen zu ihrer Masse verhilft, verändern – und nach welchen neuen Teilchen man suchen könnte. Passenderweise wurde kurz vor meiner Ankunft ein neues Modell vorgestellt, zu dem ich mit meinen Kollegen einige spannende Ergebnisse erarbeitet habe. Außerdem konnte ich eine neue Methode an der Schnittstelle von Teilchen- und Atomphysik mitentwickeln.

Elina Fuchs

Ein guter Ort ist Israel auch für Schwangere und junge Eltern. In einem Land, das mit 3,1 die höchste Geburtenrate aller Industrienationen aufweist, besitzen Kinder einen hohen Stellenwert. Da nahezu alle Israelis vor dem Studium in der Armee dienen – die Frauen zwei, die Männer drei Jahre –, sind Promovierende mit Kind nicht die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Während meiner Schwangerschaft und nach der Geburt unserer Tochter profitierten wir von flexiblen Arbeitszeiten, von Homeoffice und dem Institutskindergarten. Außerdem erfuhren wir persönliche Hilfsbereitschaft. Eine Weizmann-Mitarbeiterin, der wir morgens immer im Zug begegneten, schenkte uns Unmengen an Babykleidung. Und als unsere Tochter auf die Welt kam, stellten uns zwei Kollegen selbst gekochtes Essen vor die Tür.

Das schönste Erlebnis war natürlich die Geburt unserer Tochter. Sehr bewegend waren auch verschiedene Feste und Familienfeiern, die wir miterleben durften. So lud uns ein Kollege gleich zweimal an Pessach zu sich ein, um inmitten seiner Familie zu feiern. Das ist in etwa so, als würde bei uns ein Professor einen ausländischen Postdoktoranden an Heiligabend zu sich einladen.

Allgemein fand ich die jüdischen Feiertage sehr spannend. Hier war der größte „Kulturschock“ Pessach. Dabei wird an den Auszug aus Ägypten erinnert, weshalb die meisten Juden keine gesäuerten Speisen wie etwa Brot essen. Ein religiöser Nachbar bat uns zu Pessach, ihm seinen kompletten Bestand an Cornflakes, Toast und Spaghetti zu einem symbolischen Betrag abzukaufen, da er keine gesäuerten Lebensmittel besitzen dürfe. Nach Pessach kaufte er alles wieder zurück, wobei er darauf beharrte, uns mehr zu bezahlen als wir ihm.

In den vier Jahren sind mir auch ein paar unerwartete Umgangsformen nicht entgangen. Kommt einem jemand auf dem Bürgersteig entgegen, sollte man besser selber ausweichen, ansonsten kann es durchaus passieren, dass man angerempelt wird. Und im Bus oder Zug lautstark zu telefonieren oder Filme ohne Kopfhörer zu schauen, scheint in Israel gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Insgesamt habe ich sowohl die wissenschaftlichen als auch die kulturellen und menschlichen Erfahrungen meines Aufenthalts sehr genossen und kann einen Besuch in Israel nur wärmstens empfehlen. Sei es als Touristen oder als Forschende: Ihr werdet köstliches Essen probieren, atemberaubende Landschaften und historische Orte bestaunen, man wird euch mit Gastfreundschaft überschütten – und ihr könnt am höchsten Feiertag Yom Kippur, wenn das Land stillsteht, auf der Autobahn Fahrrad fahren.

Infos zur Minerva Stiftung unter: minerva.mpg.de/

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