Der Nobelpreis als Schlüsselerlebnis

Mohamed El-Brolosy aus Kairo ist Doktorand am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim. Er spricht über kulturelle und strukturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Ägypten, erklärt, wie bürokratische Hürden die Forschung in Ägypten behindern können und wie Karate ihm dabei hilft, sein Deutsch zu verbessern

"Karate ist neben der Wissenschaft meine größte Leidenschaft", sagt Mohamed El-Brolosy.

Ich war eines dieser Kinder, die immer „Wieso? Weshalb? Warum?“ fragen. Da meine Eltern beide Akademiker sind – mein Vater ist Apotheker, meine Mutter Lehrerin für Naturwissenschaften –, kam ich bereits früh mit Wissenschaft in Berührung. Als Schlüsselerlebnis sollte sich jedoch die Verleihung des Nobelpreises für Chemie im Jahr 1999 erweisen, den Ahmed Zewail gewann. Es inspirierte mich ungemein zu sehen, wie ein ägyptischer Forscher den Nobelpreis überreicht bekam, obwohl ich als damals Siebenjähriger noch nicht genau wusste, was ein Nobelpreis eigentlich ist.

In meiner Forschung beschäftige ich mich mit genetischer Kompensation: Wie können sich Lebewesen an Mutationen anpassen und dabei verhindern, dass Defekte entstehen? Ich versuche herauszufinden, wie Zellen genetische Veränderungen bemerken und bekämpfen, indem sie vermehrt andere Gene bilden, welche die Funktion des mutierten Gens übernehmen. Im April 2017 bekam ich ein zweijähriges Stipendium von Boehringer Ingelheim. Danach würde ich gern als Post-Doc in einem renommierten Labor in Europa oder den USA meine wissenschaftliche Karriere fortsetzen.

Neben der guten Organisation und Struktur liebe ich am meisten an Deutschland, wie offen die Leute gegenüber Menschen aus anderen Ländern sind. Es fiel mir relativ leicht, mit anderen ins Gespräch zu kommen – nicht nur am Institut, sondern auch im Alltag, etwa im Zug. Was ich dagegen hierzulande am meisten vermisse, ist die Sonne. Während der ersten Monate in Deutschland schlug mir das Wetter oft aufs Gemüt. Und auch Vitamin-D-Pillen halfen nur bedingt. Trotzdem war es natürlich interessant, andere Wetterbedingungen zu erleben – Schnee zum Beispiel. Den kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen. Mit meiner Göttinger Gruppe bin ich einmal Ski fahren gegangen. Ich fiel dabei bestimmt hundertmal hin, und am nächsten Tag war mein ganzer Körper mit blauen Flecken übersät, aber es machte trotzdem Spaß.

Karate ist neben der Wissenschaft meine größte Leidenschaft. Meine ersten Karatestunden hatte ich bereits im Alter von fünf Jahren. Und als Jugendlicher gewann ich mehrere internationale Wettkämpfe. Erst kürzlich errang ich zudem den ersten Platz der Deutschen Hochschulmeisterschaft. Für mich ist Karate außerdem die perfekte Gelegenheit, um meine Deutschkenntnisse zu verbessern. Ich lerne zwar Deutsch, seit ich zehn war, aber in den Kursen wurde hauptsächlich Grammatik behandelt – und diese unterscheidet sich doch etwas von dem Deutsch, das die Menschen hier im Alltag sprechen.

In Deutschland sind die Voraussetzungen für Wissenschaftler deutlich besser als in meinem Heimatland. Es gibt nicht viele Forschungseinrichtungen in Ägypten – und die sind meist nur mäßig ausgestattet. Zudem muss man sich dort mit allerhand bürokratischen Hürden rumschlagen. Ich bin daher umso dankbarer, in Deutschland unter perfekten Bedingungen forschen zu können. Gleichzeitig bin ich mir jedoch bewusst, dass andere nicht so viel Glück haben wie ich. Es gibt so viele kluge Köpfe in Ägypten, aber den meisten fehlt schlicht das Geld, um ihre Ideen und Projekte zu verfolgen.

Glücklicherweise gibt es Initiativen wie die Deutsche Universität Kairo. Da ich selbst unmittelbar davon profitiert habe, möchte ich meinem Land gern etwas zurückgeben. Ich träume von einem ägyptischen Forschungsinstitut, das so gut organisiert und ausgestattet ist wie die Max-Planck-Institute. Studium und Forschung sollten für jeden möglich sein – unabhängig von seiner Herkunft oder seinem sozialen Status. Es klingt vielleicht etwas kitschig, aber letzten Endes geht es genau darum: einen Impact zu haben und die Welt ein Stück weit besser zu machen. Deshalb bin ich Wissenschaftler.

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