Frauen leiden häufiger unter Einsamkeit und Depression im Alter

Einsamkeit und depressive Symptome bei älteren Erwachsenen sind darüber hinaus in den osteuropäischen Ländern bis zu dreimal höher als in Nordwesteuropa. Eine vergleichende europäische Perspektive

Text: Thomas Hansen und Britt Slagsvold

Frauen sind im höheren Alter oft allein, dies fördert depressive Symptome. Hier kann auch der Sozialstaat helfen.

Einsamkeit und Symptome depressiver Erkrankungen werden gemeinhin als Probleme des höheren Alters wahrgenommen, gewissermaßen als Teil eines „normalen“ Alternsprozesses. Diese Einschätzungen sind auch stichhaltig, da das Altern oft Ereignisse und Lebensumstände mit sich bringt, mit denen ein höheres Risiko für Einsamkeit und Depressionen einhergeht. Dazu gehören unter anderem gesundheitliche Probleme, der Verlust von vertrauten Menschen, ein steigendes Risiko kognitiver Beeinträchtigungen und der eingeschränkte Zugang zu sozioökonomischen Ressourcen.

Untersuchungen zeigen, dass das Risiko von Einsamkeit bis ins hohe Alter hinein recht stabil bleibt und dass fünf bis 15 Prozent der Erwachsenen im Alter von 60 bis 80 Jahren angeben, sich häufig einsam zu fühlen (Dykstra, 2009). Studien, die geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf das Risiko von Einsamkeit untersuchen, haben keine eindeutigen Ergebnisse erbracht, obwohl die meisten Untersuchungen darauf hindeuten, dass es mehrheitlich Frauen sind, die Einsamkeit erfahren. Eine gängige Erklärung für die größere Anfälligkeit von Frauen für Einsamkeit im Alter lautet, dass sie länger leben als Männer und deshalb auch ein höheres Risiko haben in den Witwenstand zu fallen. Was die Symptome depressiver Erkrankungen betrifft, so steigen die Raten mit höherem Alter spürbar an, wobei sie zumindest in der westlichen Welt bei Frauen etwa doppelt so häufig auftreten wie bei Männern (Blazer, 2003; Van de Velde et al., 2010). Untersuchungen deuten darauf hin, dass geschlechtsspezifische Unterschiede zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass Frauen im Alter einer stärkeren Belastung durch psychosoziale Stressfaktoren, wie zum Beispiel finanzielle Sorgen, körperliche Erkrankungen, Verwitwung oder die verantwortungsvolle Pflege ihrer Partner, ausgesetzt sind (Pinquart & Sörensen, 2001).

Diese Literatur basiert jedoch hauptsächlich auf Daten aus westlichen Ländern mit gut entwickelten Sozialsystemen. Ländervergleiche hinsichtlich der Lebensqualität werden dadurch erschwert, dass keine vergleichbare Daten vorliegen. In Osteuropa, einer Region, die vor großen Herausforderungen hinsichtlich der materiellen, sozialen und gesundheitlichen Versorgung ihrer älteren Bevölkerung steht, wissen wir besonders wenig über das Wohlbefinden im höheren Alter (Botev, 2012).

Alte Menschen in Osteuropa und insbesondere Frauen scheinen einer Vielzahl von Risikofaktoren für Depression und Einsamkeit ausgesetzt zu sein. Der erste Grund dafür besteht darin, dass die Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit bei älteren Menschen in den osteuropäischen Ländern in der Regel viel schlechter ausfällt als im Westen (Hansen und Slagsvold, 2016). In den osteuropäischen Ländern hat sich die Situation im Hinblick auf Gesundheit und Lebenserwartung in jüngster Zeit spürbar verschlechtert, worin sich eine Kombination aus einem ungesunden Lebensstil und einem leistungsmäßig schlechten Gesundheitssystem widerspiegelt, außerdem finanzielle Schwierigkeiten, die ältere Menschen davon abhalten medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen (Lipsitz, 2005). Zweitens spielen finanzielle Schwierigkeiten, die bei vielen Seniorinnen und Senioren in Osteuropa konstatiert werden können, eine Rolle, und davon sind Frauen wiederum überproportional betroffen (Iecovich et al., 2004; Van de Velde et al., 2010). Finanzielle Belastungen wurden nach dem Ende der kommunistischen Regime auf Grund der steigenden Inflation und des sinkenden Ertrags aus Renten und Pensionen immer deutlicher spürbar (Botev, 2012). Schließlich sind ältere Menschen in Osteuropa aufgrund der sinkenden Geburtenrate und der zunehmenden Auswanderung junger Erwachsener auch mit sozialen Risiken konfrontiert (OECD, 2012). Viele ältere Erwachsenen haben daher keine Kinder und Enkel, die sich um sie kümmern könnten. Darüber hinaus stehen Frauen vor ganz besonderen Herausforderungen, weil sie, bedingt durch eine relativ niedrige Lebenserwartung der Männer einem besonderen Risiko von Verwitwung ausgesetzt sind (Iecovich et al., 2004). Wenn also die staatliche Altersversorgung nicht ausreicht, könnten älteren Menschen daher die notwendigen Mittel fehlen, um Einsamkeit und psychischen Problemen entgegenzuwirken.

Es gibt auch nur wenige vergleichende Forschungsarbeiten über geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich der sozioökonomischen Ungleichheit im Hinblick auf das Wohlbefinden im Alter. Die deutlich umfangreichere, auf Stichproben aus den westlichen Ländern beruhende Forschungsliteratur lässt ein starkes soziales Gefälle im Hinblick auf das Wohlbefinden im Allgemeinen erkennen, das auf geringere Möglichkeiten der sozialen Teilhabe und ein kleineres und weniger tragfähiges soziales Netzwerk zurückzuführen ist (Pinquart und Sörensen, 2001). Es bleibt jedoch unklar, ob Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten besonders anfällig sind und ob dieses Muster zwischen einzelnen Ländern Unterschiede zeigt. Da Frauen beispielsweise tendenziell ein geringeres Einkommen und mehr Gesundheitsprobleme haben, können sich Unterschiede im Leistungsumfang der Sozialprogramme auf die Ungleichheiten in der Lebensqualität von Frauen stärker auswirken als auf die Lebensqualität von Männern. Frauen mit geringerer Bildung in Osteuropa können daher in Bezug auf die Ressourcen, die notwendig sind, um Einsamkeit und Depression gegenzusteuern, die am stärksten benachteiligte Gruppe bilden.

Daten aus dem „Gender and Generations Survey (GGS)“ stellen eine einzigartige Quelle dar, um die Forschung zur Ungleichheit im Alter mit Blick auf den Gesundheitsstatus voranzutreiben, da sie harmonisierte, repräsentative Daten für die gesamte Altersgruppe der Erwachsenen (18-80) in einer Vielzahl von europäischen Ländern enthalten, darunter auch mehrere osteuropäische Länder. Ein großer Vorteil besteht darin, dass die Daten auch detailreiche Messwerte für Einsamkeit und Depression beinhalten, die nachweislich starke psychometrische Aussagekraft hinsichtlich der westlichen und nicht-westlichen Bevölkerung aufweisen.

Trennlinien zwischen Ost und West

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Ausmaß der Einsamkeit, im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. 'Einsamkeit' wurde mit einer Sechs-Punkte-Version der de Jong-Gierveld-Skala gemessen.

Repräsentative Länderdaten aus dem GGS zeigen im Hinblick auf Einsamkeit und Symptome depressiver Erkrankungen bei älteren (60-80 Jahre alten) Männern und Frauen deutliche Unterschiede zwischen den Ländern auf. Es ist ein deutliches Ost-West-Gefälle erkennbar, bei dem die Raten für Einsamkeit und Depression in Osteuropa bis zu dreimal höher sind als in nordwesteuropäischen Ländern. In den ehemaligen sozialistischen Ländern berichten 25 bis 40 Prozent der Befragten von Einsamkeit schweren Ausmaßes, deutlich mehr als die acht bis 12 Prozent, die sich in den gleichen Alterskohorten in Nordwesteuropa über Einsamkeit beklagen. Ebenso wird bei 20 bis 30 Prozent der älteren Menschen im Osten und bei zehn bis 18 Prozent der älteren Menschen im Westen über Symptome depressiver Erkrankungen berichtet. Diese Unterschiede scheinen im Alter zuzunehmen. Analysen über die gesamte Lebensspanne von Erwachsenen (im Alter zwischen 18-80 Jahre) zeigen nur geringe länderspezifische Unterschiede im Hinblick auf Einsamkeit und Depression im jungen und mittleren Erwachsenenalter. Während sich die Raten für Einsamkeit und Depression im Osten von den jüngsten (18-30 Jahre) bis zu den ältesten (60-80 Jahre) Alterskohorten zu verdoppeln oder zu verdreifachen scheinen, sind die Raten für Einsamkeit und Depression bei alten Menschen im Westen sogar mit dem Ausmaß für junge Erwachsene vergleichbar.

Auch bei den geschlechtsspezifischen Unterschieden ist ein Ost-West-Gefälle zu erkennen (siehe Abbildungen 1 und 2). Während es im Westen relativ geringe geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, werden im Osten von Frauen weitaus höhere Raten für Einsamkeit (bis zu neun Prozentpunkte) und Symptome depressiver Erkrankungen (bis zu 20 Prozentpunkte) berichtet als von Männern. Ein Großteil des höheren Risikos für Einsamkeit und Depression bei älteren Menschen im Osten lässt sich durch Unterschiede in den gesundheitlichen und sozioökonomischen Ressourcen erklären. Das ausgeprägte Risiko für Einsamkeit, mit dem osteuropäische Frauen konfrontiert sind, ist - zumindest teilweise - darauf zurückzuführen, dass eine relativ hohe Zahl von ihnen ohne Partner und mit gesundheitlichen und finanziellen Problemen altert. Ein Grund dafür kann zum Teil auch darin bestehen, dass Frauen Gefühle der Einsamkeit oder der psychischen Belastung eher eingestehen als Männer.

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Ausmaß der depressiven Stimmung, im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Die depressiven Symptome wurden mit der Sieben-Punkte-Version der CES-D-Skala gemessen.

Bei Männern und Frauen ist im Hinblick auf Einsamkeit und Depression im Alter ein deutliches Bildungsgefälle zu beobachten, wobei deren Häufigkeit in Gesellschaftsgruppen mit niedrigerer Bildung stärker ausgeprägt ist. Dieses Muster ist in allen Ländern erkennbar, wenn auch in größerem Umfang in Ländern mit schlechterer wirtschaftlicher Entwicklung und mit weniger leistungsfähigeren Sozialprogrammen. So kann beispielsweise der größte Unterschied im Hinblick auf Symptome depressiver Erkrankungen zwischen hochgebildeten Männern in Skandinavien, von denen nur vier bis fünf Prozent solche Krankheitsanzeichen aufweisen, und Frauen aus Osteuropa mit niedrigerer Bildung, von denen bis zu 45 Prozent über Symptome depressiver Erkrankungen klagen, beobachtet werden. Weiblich zu sein, mit geringer Bildung und in Osteuropa zu leben ist also ein „dreifacher Nachteil“.

Die ausgeprägte Anfälligkeit älterer Menschen in den östlichen Ländern für eine geringe Lebensqualität (vor allem unter Frauen und unter Menschen mit niedrigem Bildungsstand) spiegelt die hohe Belastung dieser Menschen durch Stressfaktoren wie Armut, Gesundheitsprobleme und Todesfälle wider. Vor allem in Kombination können diese Faktoren zu Einsamkeit und Symptomen depressiver Erkrankungen beitragen, weil sie die Möglichkeiten für sinnstiftende Aktivität und soziale Beziehungen beeinträchtigen und das Selbstwertgefühl, eine positive Lebenseinstellung und optimistische Zukunftserwartung schmälern. Dies könnte auch die Genesungschancen bei denjenigen verringern, die bereits einsam oder depressiv geworden sind.

Die Rolle des Sozialstaats

Ein altersbedingter Anstieg von Einsamkeit und Depression scheint in Ländern mit schlechteren Lebensbedingungen und Sozialleistungen stärker zu sein und dort auch früher aufzutreten. Die Tatsache, dass sich das Wohlbefinden im Alter systematisch mit anderen länderspezifischen Wohlstandsindikatoren verändert, deutet darauf hin, dass sozialpolitische Maßnahmen entscheidende Auswirkung auf die wichtigsten sozialen Determinanten von Einsamkeit und Depression haben können. Ein angemessenes Sozialsystem und Gesundheitswesen können als Puffer gegen das Risiko einer schlechten Lebensqualität im Alter wirken oder eine solche hinauszögern, insbesondere in niedrigeren Gesellschaftsschichten.

Insbesondere können stärkere und leistungsfähigere Sozialstaaten psychische Gesundheitsprobleme verhindern oder verringern, indem sie für angemessene Gesundheits- und Sozialdienstleistungen, Einkommensverhältnisse und Wohnbedingungen, öffentliche Verkehrsmittel, Unterstützung von pflegenden Familienangehörigen und ein besseres Wohnumfeld sorgen. Solche Maßnahmen können bessere Bedingungen für die soziale Integration und Selbstständigkeit schaffen und so die soziale Teilhabe ermöglichen und fördern, insbesondere bei älteren Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder geringen sozioökonomischen Ressourcen.

Durch die Bereitstellung eines sozialen Sicherheitsnetzes können diese Länder auch ein größeres Gefühl von Sicherheit, Hoffnung und Zuversicht fördern, was wiederum Sorgen und psychische Probleme verringern kann. In vielen der ehemals sozialistischen Länder fehlen jedoch institutionelle Sozialhilfestrukturen weitgehend, eine zunehmende Zahl von Rentner*innen ist aufgrund der steigenden Inflation und des sinkenden Werts ihrer Altersversorgung mit erheblichen finanziellen Belastungen konfrontiert (Botev, 2012, Iecovich et al., 2004). Politische Umwälzungen, wirtschaftliche Unsicherheit und größere sozioökonomische Ungleichheiten können das Vertrauen und die soziale Integration ebenfalls untergraben haben, was wiederum das Risiko für Depression und Einsamkeit bei älteren Menschen in Osteuropa erhöht haben könnte (Rokach et al., 2001).

Gibt es hierfür kulturelle Erklärungen?

Die Tatsache, dass die länderspezifische Heterogenität im Hinblick auf Einsamkeit und Depression nach Einbeziehung unterschiedlicher Lebensbedingungen in die Analyse immer noch bestehen bleibt, gibt Anlass dazu, diese Unterschiede aus kultureller Perspektive zu verstehen. Die nordeuropäischen Länder sind durch schwache, die Mittelmeerländer und die osteuropäischen Länder dagegen durch starke familiäre und gemeinschaftliche Bindungen gekennzeichnet (Reher 1998; Viazzo 2010). In Gebieten mit „schwachen“ Familienstrukturen dominieren eher individualistische Wertvorstellungen, während in Gebieten mit „starken“ Familienstrukturen kollektivistische Wertvorstellungen vorherrschen. Ein eher individualistisch geprägtes Umfeld zeichnet sich auch durch höhere Anteile von Alleinstehenden, höhere Scheidungsraten, geringere Geburtenraten und kleinere Verwandtschaftsnetze aus. Es überrascht daher nicht, dass der Individualismus und die sinkende Bedeutung der Familie in Nordeuropa stereotyp mit einem hohen Maß an sozialer Isolation und Einsamkeit gleichgesetzt wird (Dykstra, 2009). Deshalb ist es ein Paradoxon, dass ältere Menschen in individualistischeren und weniger familienbezogenen Kulturen weniger einsam und depressiv sind.

Mehrere Autoren weisen darauf hin, wie wichtig es ist, die Bezugsrahmen und normativen Orientierungen der Menschen im kulturellen Kontext der untersuchten Länder zu berücksichtigen (Jylhä und Jokela 1990; Johnson und Mullins 1987). Einsamkeit entsteht, wenn die Qualität der eigenen sozialen Beziehungen hinter den Erwartungen und Wünschen  zurückbleibt. Johnson und Mullins (1987) führten den Begriff „Loneliness Threshold“, eine Art Schwellenwert, ab dem Einsamkeit auftritt, ein. Süd- und Osteuropäer könnten hier einen niedrigeren Schwellenwert haben als andere Europäer, weil sie hohe Erwartungen an starke familiäre und soziale Bindungen haben. Ein niedriger Schwellenwert könnte in Ländern mit einem hohen Anteil von Witwen, sinkenden Geburtenraten und zunehmender Abwanderung die Situation von älteren Menschen verschlimmern.

Es wurden mehrere andere Hypothesen aufgestellt, um die länderspezifischen Unterschiede im Hinblick auf die Einsamkeit im Alter zu erklären. So wurde vorgeschlagen, dass viele ältere Osteuropäer*innen hinsichtlich ihrer persönlichen Fähigkeiten und Ressourcen zur Bewältigung von Problemen eher Zweifel hegen, weil sie früher unter kommunistischer Herrschaft gelebt haben, wo sich in der Regel der Staat um die Bedürfnisse seiner Bürger*innen gekümmert hat (Rokach, 2007). In ähnlicher Weise wurde vermutet, dass ältere Menschen in ehemaligen sozialistischen Ländern vielleicht deshalb einsamer sind, weil sie es nicht gewohnt sind, sich um sich selbst zu kümmern, und weil ihre Fähigkeit, sich auf sich selbst zu verlassen, geschwächt ist. Beides macht sie anfälliger für einen Rückgang von Gesundheit und sozialen Beziehungen, die mit dem Alter einhergehen (Dykstra, 2009). Schließlich berichten Menschen in ehemaligen kommunistischen Ländern vielleicht deshalb über ein höheres Ausmaß an Krankheit, weil eine „Litanei des Leidens“ als ein probates Mittel erscheint, um die Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit zum Ausdruck zu bringen, die sie beim Übergang zum Kapitalismus erfahren haben (Pietilä und Rytkönen, 2008).

Fazit

Entgegen der landläufigen Meinung sind Einsamkeit und Depressionen keine normalen oder unvermeidlichen Folgen des Alterns. Doch in vielen osteuropäischen Ländern, die in der einschlägigen Literatur bisher wenig erforscht worden sind, deutet die Datenlage darauf hin, dass bis zu ein Drittel der älteren Bevölkerung über Einsamkeit und/oder depressive Stimmungen berichtet. Einsamkeit und Depressionen sind bei älteren Frauen in dieser Region besonders hoch. In den westeuropäischen Ländern gibt es dagegen vergleichsweise geringe geschlechtsspezifische Unterschiede. Die Ergebnisse belegen und spiegeln die ungleichen Bedingungen des Alterns in ganz Europa wider und deuten auf schwerwiegende Nachteile bei der Lebensqualität im Alter in einigen europäischen Ländern hin. Es sollte dabei allerdings berücksichtigt werden, dass das Ausmaß von Einsamkeit und Depression bei denjenigen, die hier nicht befragt worden sind - nämlich bei den gebrechlichen und ältesten Seniorinnen und Senioren - sogar noch höher liegen kann.

Die Bedeutung der Prävention und Reduzierung von Depressionen geht über den emotionalen Bereich hinaus. Depressionen scheinen den physischen und kognitiven Verfall zu beschleunigen und die Inanspruchnahme von Gesundheits- und Pflegedienstleistungen zu erhöhen (Fiske et al., 2009). Depressive und unglückliche Menschen sind im Allgemeinen auch weniger sozial engagiert und weniger altruistisch in ihrem Verhalten, was wiederum die psychische Gesundheit in ihrem sozialen Netzwerk und ihrer Gemeinschaft beeinträchtigen kann. Die Linderung von Einsamkeit und Depression ist daher sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft wichtig, und die Kosten für Einsamkeit und Depression können die finanziellen Folgen der Bevölkerungsalterung, insbesondere in den osteuropäischen Ländern, verschärfen. In diesen Ländern ist es kein leichtes Unterfangen, die gesundheitliche Ungleichheit in einer Zeit großer wirtschaftlicher Belastungen ganz oben auf der Tagesordnung zu halten. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern und die gesundheitliche Ungleichheit zu verringern. Die Kombination aus wirtschaftlicher und sozialer Belastung und einer alternden Bevölkerung impliziert einen potenziell größeren Schaden für das Wohlbefinden einer großen Zahl älterer Menschen. Es kann auch positive Spiraleffekte geben, weil nicht-depressive und glücklichere Menschen im Allgemeinen sozial engagierter und sozialer in ihrem Verhalten sind, was wiederum die psychische Gesundheit in ihrem sozialen Netzwerk und ihrer Gemeinschaft stärken kann.

Auf den Punkt gebracht

  • Die Raten für Einsamkeit und Symptome depressiver Erkrankungen bei älteren Erwachsenen sind in den osteuropäischen Ländern bis zu dreimal höher als in Nordwesteuropa. In den östlichen Ländern leidet ein höherer Anteil von Frauen unter Einsamkeit (bis zu neun Prozentpunkte) und an Symptomen depressiver Erkrankungen (bis zu 20 Prozentpunkte) als Männer. In den nordwestlichen Ländern sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern vergleichsweise gering. Länderübergreifende und geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Hinblick auf das Wohlbefinden im höheren Alter erklären sich weitgehend aus Unterschieden in gesundheitlicher Hinsicht, in unterschiedlichen sozialen Faktoren und unterschiedlichen sozioökonomischen Ressourcen, die wiederum von den sozioökonomischen und sozialen Bedingungen auf der Makroebene beeinflusst werden können.
  • Leistungsfähige Sozialleistungen und Altersbezüge können das Risiko und die Auswirkungen einiger Determinanten von Einsamkeit und Depression im Alter abmildern. Moderne Sozialstaaten scheinen in der Lage zu sein, das Risiko einer schlechten Lebensqualität im Alter zu verzögern oder abzumildern.
  • Kulturelle Faktoren könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Aufgrund der hohen Erwartungen an starke familiäre und gemeinschaftliche Bindungen in Süd- und Osteuropa könnten Süd- und Osteuropäer*innen eine relativ niedrige Schwelle für das Gefühl von Einsamkeit haben, insbesondere wenn sie nur über eingeschränkten sozialen Kontakt und Unterstützung verfügen.

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