Legasthenie-Test für Vorschulkinder

Mithilfe genetischer und neurologischer Untersuchungen wollen Forscher des Legascreen-Projektes eine Lese-Rechtschreib-Störung schon bei Vorschulkindern vorhersagen

Nicht richtig lesen und schreiben zu können, belastet Kinder wie Eltern und führt zu Problemen in der Schule und darüber hinaus. Sicher diagnostiziert werden kann die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) frühestens am Ende der zweiten Klasse. Dann aber haben Kinder und Eltern bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Die Legasthenie möglichst früh zu erkennen, wäre deshalb wünschenswert.

Text: Klaus Wilhelm

Mithilfe von EEG-Messungen und genetischen Untersuchungen möchten Forscher des Legascreen-Projektes eine Lese-Rechtschreib-Störung schon bei Kindern im Vorschulalter diagnostizieren. In Studien untersuchen sie, ob Die EEG- und Gen-Marker betroffene Kinder zuverlässig identifizieren und keinen falschen Alarm schlagen.

In diesem Sinne will eine Forschungsgruppe um Angela Friederici, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig ein neurogenetisches Verfahren entwickeln – gemeinsam mit Kollegen des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie Leipzig. Damit soll das Risiko für eine Legasthenie bereits im dritten bis vierten Lebensjahr vorhergesagt werden. „Dann könnte man durch entsprechende Förderung dafür sorgen, dass die möglichen Probleme gefährdeter Kinder abgemildert oder sogar ganz verhindert werden“, sagt Jens Brauer, einer der beteiligten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts. Die Zwischenergebnisse des Projekts bezeichnet der Neurowissenschaftler als vielversprechend.

Legastheniker tragen spezifische Gen-Varianten

An einer Lese-Rechtschreib-Störung leiden allein in Europa weit mehr als 20 Millionen Menschen. Was umso schlimmer ist, weil Sprache die Entwicklung eines Kindes nachhaltig beeinflusst. Vor einigen Jahren haben Forscher zunächst herausgefunden, dass im Erbgut von Legasthenikern bestimmte Varianten spezifischer Gene gehäuft auftauchen. Man kann diese Varianten durch Analyse des Erbguts inzwischen leicht und kostengünstig nachweisen. Die Fraunhofer-Forscher, unter anderem Holger Kirsten und Arndt Wilcke, übernehmen die Analyse der genetischen Daten. Leider erlaubt die genetische Diagnostik allein aber keine sichere Aussage darüber, ob das Kind einige Jahre später eine Legasthenie entwickelt.

„Der Clou ist die Kombination des genetischen Risikos mit neurophysiologischen Markern im Gehirn“, erklärt Angela Friederici. Während die Kinder Silben oder Töne hören, zeichnen die Wissenschaftler die Aktivität des Gehirns mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) auf. Es entsteht ein fortlaufendes Bild der elektrischen Entladung im Gehirn mit Kurven und Zacken.

Kann das Gehirn etwa die Silben „ba“ oder „ga“ nicht voneinander unterscheiden oder ist die Verarbeitung selbst einfacher Töne verändert, treten charakteristische Abweichungen im Muster der Hirnaktivität auf. Auch sie weisen auf ein mögliches LRS-Risiko hin, ohne wiederum allein eine sichere Aussage zu ermöglichen. Darum die Kombination beider Methoden, indem man aus genetischem und neurologischem Befund einen Risikoindex erstellt. Die Forscher haben den zu entwickelnden Test „Legascreen“ genannt.

Der Vergleich mit der klassischen Legasthenie-Diagnostik wird zum Test

Um den prognostischen Wert von Legascreen zu prüfen, hat das Max-Planck-Fraunhofer-Team seit 2012 mehr als 300 Kinder im Alter von drei, fünf und zehn Jahren rekrutiert. Für die jüngeren Mädchen und Jungen wurden genetische und EEG-Marker erhoben, die ein zukünftiges Legasthenie-Risiko erkennen helfen sollen. Beruhend auf diesen Daten ermitteln die Wissenschaftler die optimale Kombination von Befunden für jeden der kleinen Probanden, um eine LRS-Risikoprognose zu erhalten. Jetzt, da die Kinder in die Schule kommen, ist eine klassische Legasthenie-Diagnostik möglich. So lässt sich also vergleichen, ob die getroffene Risikoabschätzung richtig oder falsch ist. Ein Früherkennungstest gilt dann als akzeptabel, wenn er sowohl möglichst sensitiv ein vorhandenes Risiko identifiziert und gleichzeitig möglichst spezifisch ist – also keinen falschen Alarm schlägt.

Der nächste Schritt ist die Überprüfung der gefundenen Marker an einer weiteren Gruppe Kinder. Sollte er sich in einigen Jahren als sicher erweisen, dann könnte er in die üblichen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt integriert werden - oder in speziellen Sprechstunden für Früherkennung angeboten werden. Alles, was man braucht, ist eine Speichelprobe der Kinder und ein vereinfachtes EEG. Und: Man müsste sich Gedanken um eine gezielte Frühforderung der Legasthenie-Risikokinder machen. „Bisher“, sagt Brauer, „gibt es in dieser Richtung zwar bereits vielversprechende Ansätze, aber immer noch ein großes nicht ausgeschöpftes Potential für spezielle Förderprogramme.“

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