Alte Traditionen in der neuen Welt

Die Quantenphysikerin Nora Kling hat während eines Besuchs im Laserlabor in Riad eine neue, faszinierende Welt kennengelernt.

Normalerweise hätte ich nie im Leben daran gedacht, für meine Forschung nach Saudi-Arabien zu gehen. Fast alles, was ich über das Land wusste, stammte aus Medienberichten. Daher war ich zunächst eher ängstlich: Das Leben dort schien so anders zu sein. Aber gleich in meiner ersten Woche am neu gegründeten Laserlabor an der König-Saud-Universität, die mit dem Max-Planck-Institut für Quantenoptik und der Ludwig-Maximilians-Universität zusammenarbeitet, fiel mir auf, wie respektvoll und höflich die Menschen sind. Sogar so höflich, dass ich während meines Aufenthalts kaum mit anderen Studierenden auf dem Campus gesprochen habe: Denn während es für uns aus westlichen Ländern selbstverständlich ist, auf Fremde zuzugehen und ihnen Fragen zu stellen, gilt das in Saudi-Arabien als aufdringlich.

"Zunächst war ich eher ängstlich": Nora Kling an der König-Saud-Universität in Riad

Durch meine Kindheit auf einem Bauernhof in South Dakota bin ich sehr bodenständig und unabhängig aufgewachsen. Während meines Studiums der Naturwissenschaften an der Universität und auch später an den Max-Planck-Instituten habe ich stets eine offene Atmosphäre erlebt. Ich konnte meine wissenschaftlichen Fähigkeiten völlig unabhängig von Geschlechterrollen entwickeln. Vor diesem Hintergrund ist für mich die Trennung von Mann und Frau in der arabischen Öffentlichkeit eher befremdlich. Besonders merkwürdig finde ich das Autofahrverbot für Frauen.

Die Trennung der Geschlechter zieht sich auch durch das Alltagsleben. In einigen Restaurants gibt es eigene „Familienbereiche“ mit durch Samtvorhänge abgeteilten Séparées. Dort können Frauen ungestört ihren Gesichtsschleier abnehmen und zusammen mit Familie und Freunden das Essen genießen – das übrigens wirklich fantastisch ist. Gastfreundschaft hat eine lange Tradition in Saudi-Arabien und spielt eine sehr große Rolle in der Kultur. Für uns Kooperationspartner aus Deutschland haben aufmerksame Universitätsmitarbeiter extra eine neue Toilette gebaut, die westlichen Standards entspricht.

Da das Labor auf dem männlichen Teil des Campus liegt, habe ich während meines Besuchs im Laserlabor in Riad keine einzige Studentin gesehen. Allerdings hatte ich auch wenig Zeit, da ich mich völlig auf meine Arbeit konzentriert habe.

Wissenschaft ist meine Stärke – das, was ich am besten kann. Und ich würde mir wünschen, dass meine Arbeit dazu beiträgt, kulturelle Barrieren zu überwinden und zu zeigen, dass auch Frauen wissenschaftlich arbeiten können. Der weibliche Teil des Campus ist zwar völlig getrennt von unserem, aber eigentlich ist es ja genau die Grundlagenforschung in Physik und im Ingenieurswesen, die für die jungen, hochgebildeten Frauen aus Saudi-Arabien so interessant ist. Ihre männlichen Kollegen bevorzugen ohnehin die besser bezahlten Jobs im Finanzsektor oder in der Ölindustrie.

Unser Labor ist einzigartig: Es liegt mitten in der Wüste und ist erbarmungsloser Hitze und Sonne ausgesetzt. Der Standort in Saudi-Arabien bietet uns die Möglichkeit, Spitzentechnologie in diesen Teil der Welt zu bringen und neue Synergien mit bereits bestehenden Forschungsprojekten zu schaffen. Einer unser ersten Kooperationspartner etwa ist ein Biophysiker, der unsere Geräte nutzen kann, um die ultraschnelle Umwandlung von Melanin zu untersuchen – jenes Pigments, das uns vor der Sonne schützt.

Ich finde es unglaublich spannend, so interessante und fächerübergreifende Projekte mitanzustoßen, die es sonst vielleicht gar nicht gäbe. Und ich hoffe, dass wir mit unserem Labor nicht nur eine gemeinsame Forschungsplattform anbieten, sondern auch ein tieferes Verständnis für kulturelle Vielfalt bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufbauen können.

Weitere interessante Beiträge

Zur Redakteursansicht