Professionelle Sprachanfänger

Babys steht die Welt der Sprachen offen

Sprache bedeutet Kommunikation. Und genau das ist es, was schon Babys antreibt: „Sie wollen kommunizieren – und nicht eine Sprache lernen.“ Angela Friederici weiß, wovon sie spricht; die Linguistin und Neurowissenschaftlerin erforscht die kognitiven Funktionen im erwachsenen und im sich entwickelnden Gehirn mit dem Fokus auf Sprache. Dabei interessiert sie sich sowohl für die funktionelle Architektur kognitiver Hirnfunktionen als auch für deren neuronale Grundlagen. Im Zentrum ihrer Forschung steht die Frage, wie das menschliche Gehirn die komplexe Aufgabe bewältigt, Sprache zu verarbeiten.

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Kleinkinder sind wahre Sprachgenies.
Kleinkinder sind wahre Sprachgenies.

Muddaschpròòch: Die exotische Ansammlung von doppelten Buchstaben mit Akzentzeichen wirkt auf den ersten Blick wie ein Fremdwort, doch das ist es nur bedingt. „Muttersprache“ bedeutet es – in der Gegend um Saarbrücken. Das Anliegen, sie als kostbares Kulturgut und als Sinnbild für Vielfalt zu pflegen, steht im Mittelpunkt des Internationalen Tags der Muttersprache, den die Unesco im Jahr 2000 ausgerufen hat und der seitdem immer am 21. Februar begangen wird.

Muttersprache, langue maternelle, mother tongue – woher kommt der Begriff eigentlich? Hat es wirklich damit zu tun, dass die Mutter traditionell meist die Person ist, die am ausdauerndsten mit dem Neugeborenen kommuniziert? „Das sollte man annehmen. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es gar nicht“, sagt Angela Friederici. „Man spricht ja auch von native language. Möglicherweise ist mother tongue heute nicht mehr politisch korrekt“, gibt die Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zu bedenken.

Eine Mutter, eine Muttersprache: Zumindest diese Schlussfolgerung ist nicht mehr universell gültig. „Wir vertun uns da“, meint Friederici. „Es wachsen mehr Kinder bilingual auf, als man denkt. Kinder können durchaus zwei Sprachen wie eine ‚native language‘ sprechen.“ Vor allem wenn Vater und Mutter unterschiedliche Sprachen sprechen, sei dies gang und gäbe. Es sei faszinierend zu beobachten, wie scheinbar mühelos deren Kinder dies bewältigten. Das liege unter anderem daran, dass Babys eben nicht bewusst eine Sprache und ihre Grammatik, sondern kommunizieren lernen. Dennoch gibt es immer noch Zweifler, die schnell von Überforderung sprechen, wenn ein bilingual aufwachsendes Kind vielleicht „nur“ zehn deutsche Wörter beherrscht, während das gleichaltrige Nachbarskind schon mehr Vokabeln verwendet. Solche Vergleiche unterschlagen aber die Tatsache, dass Ersteres ja gleichzeitig auch schon etliche Wörter in der zweiten Sprache nutze, hält Friederici entgegen.

Ihre Bewunderung für die Leistungen der Kleinen ist offensichtlich: „Sie kommen auf die Welt und sind noch nicht auf eine Sprache konditioniert.“ Theoretisch könnten sie jede lernen – die Eltern und der Lebensort legen quasi fest, welche es sein wird. „Das ist wie ein offenes System; Lernen heißt jetzt, die Offenheit des Systems zu reduzieren“, erläutert Friederici. Sie interessiert, was dabei unter neuronalen Aspekten im Gehirn passiert. Welche Hirnregionen sind für welchen Teil von Sprachverarbeitung und -produktion verantwortlich und wie arbeiten sie – auch beim Erwachsenen –zusammen?

Dass sie das tun, hatte die Sprach- und Neurowissenschaftlerin erstmals im Rahmen ihrer Tätigkeit an einer Klinik für Menschen mit Sprachstörungen während ihres Studiums beobachten können. Sie erinnert sich, wie fasziniert sie davon war, dass nach Läsionen im Gehirn bestimmte Aspekte der Sprache selektiv ausfallen, wie zum Beispiel der Satzbau, so dass Patienten nur noch im Telegrammstil sprechen können. Seitdem erforscht sie voneinander trennbare sprachliche Komponenten wie Phonologie, Syntax und Semantik in ihren spezifischen Eigenschaften und in ihrer Wechselbeziehung zueinander während des Sprachverarbeitungsprozesses.

Ziel ist, sowohl jene Hirnareale zu identifizieren, die diese Subprozesse unterstützen, als auch die zeitliche Struktur ihres Zusammenspiels zu bestimmen. Friedericis Studien zeigen, dass nicht einzelne Hirnareale allein, sondern spezifische neuronale Netzwerke – also Zusammenschlüsse von mehreren Hirnarealen – semantische und syntaktische Verarbeitung leisten. Während diese vornehmlich in der linken Gehirnhälfte lokalisiert sind, ist das Gehirn bei der Verarbeitung von akustisch dargebotener Sprache, bei der auch die Satzmelodie als Teil der Phonologie eine Rolle spielt, auf die Zusammenarbeit von rechter und linker Gehirnhälfte angewiesen.

Durch entsprechende Forschung im Bereich des Spracherwerbs bei Babys und Kleinkindern kann Friederici diejenigen neurophysiologischen Gehirnmuster ermitteln, die frühe phonologische, lexikalische und syntaktische Prozesse reflektieren, und den Verlauf ihrer Herausbildung und Reifung während der Entwicklung nachvollziehen. Ihre Studien zeigen die Fähigkeit von Kindern, schon in den ersten Monaten ihrer Entwicklung sprachliche Laute und Betonungsmuster der eigenen Muttersprache zu erkennen und sie von fremdsprachlichen zu unterscheiden. So schreien zum Beispiel französische Säuglinge schon in den ersten Tagen ihres Lebens anders als deutsche. „Grund dafür sind wahrscheinlich die unterschiedlichen Betonungsmuster in den beiden Sprachen, die bereits im Mutterleib wahrgenommen und später reproduziert werden“, erklärt Friederici. Kinder, die bilingual aufwachsen, können diese frühe Prägung natürlich bereits in zwei Sprachen erfahren.

SB

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