Ein Molekül entfernt von Magie

Mit dem Live-Talk zwischen Nobelpreisträger Benjamin List und Mai Thi Nguyen-Kim geht die 73. Max-Planck-Festversammlung in Berlin zu Ende 

Wenn zwei aufeinandertreffen, deren Passion es ist, Chemie zu erklären, entsteht eine besonders lebendige Verbindung: So auch beim Bühnengespräch zwischen Benjamin List und Mai Thi Nguyen-Kim auf der gestrigen Festversammlung, die die 73. Max-Planck-Jahresversammlung zum Abschluss brachte. In seiner Festrede ging der amtierende Max-Planck-Präsident Martin Stratmann unter anderem auf die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf wissenschaftliche Kooperationen ein – und auf einige Maßnahmen aus einem eigens eingerichteten Sonderfonds​, mit dem Max-Planck vom Krieg betroffene ukrainische Forschende unterstützt. 

In den Berliner Bolle Sälen sprach die Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin mit dem Chemie-Nobelpreisträger 2021 über Katalysatoren – solche, für die er im Vorjahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, aber auch diejenigen, die sein Privatleben nachhaltig geprägt hätten: So ging es in dem Interview unter anderem um Lists frühe Experimente im heimischen Labor, aber auch um die großen Zukunftsfragen, für die man Katalyse brauche: „Katalyse ist ein Molekül entfernt von Magie.“ Auf die Frage, was nach dem Nobelpreis sein Wunsch für die Zukunft sei, sagte List: „Dass ich weiter forschen kann, ist der schönste Preis an sich.“

Max-Planck-Senat trifft zwei Entscheidungen von Tragweite 

In seiner Sitzung wählte der Senat Patrick Cramer einstimmig zum künftigen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft für die Amtsperiode 2023 bis 2029. Der 53-jährige Chemiker und Molekularbiologe löst den amtierenden Max-Planck-Präsidenten Martin Stratmann im Juni 2023 ab. Ein weiterer zentraler Senatsbeschluss betrifft die Institutslandschaft: Das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena heißt künftig „Max-Planck-Institut für Geoanthropologie“. Umbenannt wird das Institut aufgrund einer wissenschaftlichen Neuausrichtung, die maßgeblich vom künftigen Direktor Jürgen Renn vorangetrieben wurde. Am Nachmittag verabschiedete die Mitgliederversammlung den aktuell erscheinenden Jahresbericht 2021. 

Medaillenregen für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Am Vortag nutzte die Max-Planck-Gesellschaft ihr Jahrestreffen für eine besondere Ehrung: 29 junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler erhielten die Otto-Hahn-Medaille – für herausragende wissenschaftliche Leistungen, die sie in der Regel im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit erbracht haben. Die feierlichen Verleihungen der mit 7.500 Euro dotierten Medaillen fanden im Rahmen der Sektionssitzungen am ersten Tag des Jahrestreffens in Berlin statt. Dort wurden die jungen Talente den Direktorinnen und Direktoren ihrer jeweiligen Sektion vorgestellt und gewürdigt. Mit der Auszeichnung sollen besonders begabte Personen zu einer Hochschul- oder Forschungskarriere motiviert werden.

Max-Planck-Gründungspreis geht an Meshcapade

Zum Auftakt des 73. Jahrestreffens war in einer ehemaligen Kirche im Herzen von Berlin-Charlottenburg der Max-Planck-Gründungspreis an Meshcapade verliehen worden. Das junge Team des Tübinger Start-ups freute sich über die von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Stifterverband gemeinsam verliehene Auszeichnung. Etwa 100 geladene Gäste verfolgten am Dienstagabend in dem umgewandelten Sakralbau die Preisverleihung und die angeregte Debatte zu Herausforderungen beim Techtransfer in Deutschland. 

 „Es begann als Experiment, nun haben wir die Chance, mit unseren Avataren neue Branchen zu erschließen“, antwortete CEO Naureen Mahmood auf die Frage, was das von ihr mitgegründete Start-up Meshcapade mit dem Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro machen wolle. 2018 aus dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme ausgegründet, entwickelt das 15-köpfige Team um Naureen Mahmood, Mitgründerin und CEO, und Talha Zaman, Mitgründer und Finanzchef, digitale 3D-Doppelgänger des Menschen – mit aussichtsreichen Chancen für die Mode-, Gaming- und Filmindustrie, aber auch für Medizin und Gesundheitswesen. Neben Equipment wolle man in neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investieren, um das aktuell aus 15 Personen bestehende Team zu erweitern.  „Der Erfolg beruht auf den Menschen, die bei uns arbeiten“, so Naureen Mahmood weiter. Sie wolle eine Remote-Arbeitskultur fördern und den Frauenanteil in der Technologiebranche erhöhen.

Vor der feierlichen Übergabe der Preisurkunden hatten Max-Planck-Präsident Martin Stratmann, Cornelius Riese, Vizepräsident des Stifterverbandes, und Thomas Sattelberger, Beauftragter für Transfer und Ausgründungen aus der Wissenschaft beim BMBF, über das Thema „Technologietransfer“ diskutiert.

Unternehmerische Campus-Mentalität

„Um junge Talente in der Wissenschaft zum Ausgründen zu motivieren, brauchen wir eine unternehmerische Campus-Mentalität“, forderte Thomas Sattelberger. Science-Entrepreneurship heiße Freude am Gestalten. „Da knistert es noch nicht in unserem Forschungssystem. Da muss sich richtig was ändern“, so Sattelberger weiter. Der neue Gründungspreis von Max-Planck und Stifterverband sei ein wichtiger Schritt, um dieses Knistern zu erzeugen und eine unternehmerische Campus-Mentalität zu fördern. Dass die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vielfältige Innovationsräume öffnet, machte Präsident Stratmann deutlich: „Es sind die jungen Menschen, die unsere Forschungsorganisation prägen. Unsere 9.000 Promovierenden und Postdocs schaffen Innovationsräume und bringen die MPG an allen Ecken und Enden zum Knistern.“ Ein solch quicklebendiger Innovationsraum sei unter anderem das Cyber Valley im baden-württembergischen Tübingen, wo auch das mit dem Gründungspreis ausgezeichnete Start-up Meshcapade seinen Sitz hat. Damit Deutschland noch attraktiver für die internationale Intelligenz werde, müssten sich auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändern, appellierte Stratmann. Er kritisierte Hürden bei der Finanzierung von Forschungsprojekten und nannte in diesem Zusammenhang das Besserstellungsverbot. Auch Cornelius Riese, Vizepräsident des Stifterverbandes, ging auf die Anforderungen einer Start-up-Kultur ein.

Berlin vereint Historie und Zukunft der Max-Planck-Gesellschaft

„Die Hauptstadt hat für die Max-Planck-Gesellschaft schon immer eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist der Gründungsort unserer Vorgängerorganisation, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, und es gibt wenige Orte in Deutschland, an denen unsere historischen Wurzeln so intensiv erfahrbar sind wie im Harnack-Haus, unserer Tagungsstätte in Dahlem“, sagt Martin Stratmann. Fünf Institute und eine Forschungsstelle unterhält die Max-Planck-Gesellschaft am Standort Berlin: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) für Infektionsbiologie, des MPI für Bildungsforschung, des MPI für Wissenschaftsgeschichte, des MPI für molekulare Genetik, des Fritz-Haber-Instituts (FHI) sowie der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene mit der Nobelpreisträgerin für Chemie des Jahres 2020, Emmanuelle Charpentier, treiben die Dynamik der in der Hauptstadt ansässigen Forschung mit voran.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde am 24. Juni 2022 aktualisiert.

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