Wie Facebook hilft, Migration zu erfassen

9. Juni 2020

Nach Naturkatastrophen ist es fast unmöglich, schnell Zahlen über Migrationsbewegungen zu bekommen, vor allem wenn man nur traditionelle Quellen wie die Statistiken von Behörden nutzt. Ganz neue Möglichkeiten bieten Daten von sozialen Netzwerken wie Facebook. Damit konnten wir nach dem Hurrikan Maria im Herbst 2017 die Wanderungsbewegungen von Puerto Rico in die USA nachvollziehen.

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Text: Emilio Zagheni

Im September 2017 wütete Hurrikan Maria in Teilen der Karibik. Besonders schwer wurde die Insel Puerto Rico getroffen, die zu den Vereinigten Staaten gehört: Zahllose Häuser wurden zerstört, die Versorgung mit Strom und Wasser brach zusammen, die medizinische Infrastruktur wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Allein in Puerto Rico starben in der Folge fast 3.000 Menschen.

Naturkatastrophen wie diese führen oft dazu, dass ein Teil der Bevölkerung auswandert. Aber wer wann wohin geht, ließ sich bislang kaum nachvollziehen – vor allem nicht zeitnah. Diese Daten wären jedoch wichtig, damit Behörden und Hilfsorganisationen die Betroffenen unterstützen können, unabhängig davon, ob sie bleiben, ein neues Leben woanders beginnen oder nach Hause zurückkehren wollen. Nur mit traditionellen Datenquellen, etwa von statistischen Ämtern, lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Gerade die Behörden in den USA erheben nicht jeden Monat Umzüge innerhalb von US-Bundesstaaten und US-Außengebieten wie Puerto Rico. Genau das wäre aber nötig, um Migration und Fluchtbewegungen im Katastrophenfall nachzuvollziehen.

Gemeinsam mit Monica Alexander von der University of Toronto und Kivan Polimis von der University of Washington haben wir deshalb eine andere Datenquelle erschlossen: Facebook. Anonymisierte Facebook-Daten, die regelmäßig für Werbetreibende erhoben werden, liefern zusätzlich zur Anzahl der Betroffenen auch präzise demografische Informationen über Geschlecht und Alter der Migrierenden. So konnten wir nicht nur zeitnah nachvollziehen, wie viele Personen nach Hurrikan Maria auswanderten, sondern auch, ob ähnlich viele Männer wie Frauen wegzogen und welches Alter sie zu diesem Zeitpunkt hatten. Das ist ein zusätzlicher Vorteil, auch gegenüber anderen unkonventionellen Quellen wie Fluggast- oder Mobiltelefondaten.

Das soziale Netzwerk nutzen vor allem junge Menschen

Unser Team hatte bereits ab Januar 2017 begonnen, Daten der Facebook-Werbeplattform zu sammeln. Als Hurrikan Maria Puerto Rico im darauffolgenden September traf, verfügten wir also bereits über Informationen zu Migrationsbewegungen vor der Naturkatastrophe und konnten in der Folgezeit weitere Daten sammeln. Das ist wichtig, da Facebook-Daten aussagekräftige Informationen liefern, wenn man Trends über einen längeren Zeitraum und im Vergleich mit anderen Ländern beobachten kann.

Bei der Arbeit mit Facebook-Daten muss allerdings noch ein weiterer Faktor berücksichtigt werden: Vor allem junge Menschen nutzen das soziale Netzwerk. Ältere Menschen sind im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert. Mit einem geeigneten statistischen Modell korrigierten wir deshalb diese Verzerrung des Datensatzes.

Naturgewalt: Im September 2017 verwüstete der Hurrikan Maria die Insel Puerto Rico, viele Menschen flohen oder wanderten aus. Mithilfe von Facebook haben Forschende eine ganze Reihe von demografischen Informationen über die Migrierenden gewonnen.

Dann aber sahen wir deutlich, dass die Migration von Puerto Rico in verschiedene US-Bundesstaaten direkt nach der Naturkatastrophe schlagartig anstieg. Wir fanden heraus, dass bis Januar 2018 etwa 185.000 Menschen von der Insel auf das US-amerikanische Festland auswanderten, das sind mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Unter ihnen waren hauptsächlich junge Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Außerdem zeigte sich, dass diese jungen Erwachsenen vor allem in US-Bundesstaaten mit bereits bestehenden puerto-ricanischen Communities zogen. In Florida, Connecticut und Pennsylvania nahm die puerto-ricanische Bevölkerung am stärksten zu.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass vor allem ältere Menschen vor Ort blieben. Allgemein bestätigen unsere Daten die Ergebnisse anderer Untersuchungen, wonach Menschen ein gewisses Maß an Mitteln benötigen, um schnell auf eine Katastrophe zu reagieren. Denn die Möglichkeit auszuwandern hängt von der Gesundheit und der finanziellen Lage ab. Geschwächte und arme Menschen bleiben, egal wie verheerend die Situation ist. Da wir auch für das Jahr nach der Katastrophe Daten der Facebook-Werbeplattform ausgewertet haben, fanden wir heraus, dass zwischen Januar und März 2018 rund 20.000 Menschen wieder nach Puerto Rico zurückkehrten. Nachdem die schlimmsten Folgen des Hurrikans eingedämmt waren, entwickelte sich also ein Trend, wieder in die alte Heimat einzuwandern. Auch diese Migrationsbewegung hätten wir mit traditionellen Datenquellen nicht erfassen können.

Zuverlässige Daten unterstützen Hilfsmaßnahmen im Katastrophenfall

Solche unkonventionellen Daten präzise aufzubereiten und auszuwerten, erfordert solides statistisches Wissen und Programmierkenntnisse. Deshalb arbeiteten in unserem Projekt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Demografie, Datenwissenschaften und Statistik zusammen. Gemeinsam entwickelten wir neue Methoden und überprüften unsere Ergebnisse unabhängig voneinander mit zusätzlichen Datenquellen. Das Beispiel der Migration nach dem Hurrikan Maria zeigt, dass sich mithilfe von Facebook-Werbedaten in Kombination mit statistischen Modellen Wanderungsbewegungen gut nachvollziehen lassen. Mit unserer Methode können wir Verantwortlichen im Katastrophenfall zügig zuverlässige Migrationsdaten liefern und so Hilfsmaßnahmen unterstützen.

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