Covid-19 und ein Stigma, das bleibt

Die Corona-Pandemie verstärkt weltweit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung

In der Pandemie schüren Populisten und Stimmungsmacher derzeit Vorurteile gegen Migranten und machen sie für die Ausbreitung des Virus verantwortlich. Die Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen oder bestimmten ethnischen Gruppen wird drastischer eingeschränkt als die der einheimischen Bevölkerung, um eine weitere Verbreitung der Krankheit zu verhindern - wie es offiziell heißt -, was jedoch die Betroffenen ebenfalls stigmatisiert. Steven Vertovec, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften sieht darin eine gefährliche Entwicklung und fordert, gegenzusteuern.

Text: Steven Vertovec

Steven Vertovec ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen und Honorarprofessor für Soziologie und Ethnologie an der Universität Göttingen.

Mit rasender Geschwindigkeit verschärft Covid-19 den Fremdenhass und den Rassismus weltweit. Angst und Hass gegenüber Fremden als mutmaßlichen Krankheitsüberträgern sind gegen bestimmte Gruppen gerichtet, zum Beispiel asiatisch aussehende Menschen, häufig aber auch ganz allgemein gegen Flüchtlinge und Migranten. Solche xenophoben Stimmungen zeigen sich, wenn Trump behauptet, Migranten seien für die Ausbreitung der Infektion in den USA verantwortlich, wenn Orbán das Coronavirus mit „illegalen Migranten“ in Ungarn in Verbindung bringt, wenn Salvini afrikanische Migranten in Italien beschuldigt und in vielen afrikanischen Ländern Fremdenhass grassiert.

Derlei Stimmungsmache führt zu gezielten Bewegungseinschränkungen für Migranten und Flüchtlinge, die zur Zeit an weit voneinander entfernten Orten zu beobachten sind, zum Beispiel an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, in Griechenland, im Libanon, in Bosnien und Singapur. Gesundheitsexperten bezeichnen solche Maßnahmen als den sichersten Weg in eine humanitäre Katastrophe, während Juristen sie als Menschenrechtsverletzungen anprangern. Politische Entscheidungsträger hingegen beharren darauf, dass das pauschale Wegsperren bestimmter Kategorien von Personen der öffentlichen Gesundheit dienen kann. Diese Maßnahmen kommen den Bevölkerungsgruppen sehr gelegen, die misstrauisch gegenüber „Ausländern“ sind, vor allem solchen ohne gültige Papiere, gegenüber Asylsuchenden oder Geringqualifizierten. Wenn es unter eingesperrten Migranten und Flüchtlingen zu massenhaften Infektionen mit Covid-19 käme, würde sich eine düstere Prophezeiung selbst erfüllen: Allem Anschein nach wäre der ‚Beweis‘ erbracht, dass Migranten und Flüchtlinge eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit sind.

Das Stigma verstärkt die gesundheitliche Ungleichheit

So könnten durch die Pandemie geschürte Vorurteile und gegenseitige Schuldzuweisungen zum Stigma werden: Einer ganzen Gruppe von Menschen wird ein Stempel aufgedrückt und behauptet, sie hätten unerwünschte Eigenschaften, sie seien faul oder ließen es an Hygiene mangeln. Die Betroffenen leiden unter einem niedrigen Status, unter Vorurteilen und Diskriminierung, die ihre sozialen Beziehungen, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit, aber auch institutionelle Strukturen wie Polizei, Gerichte oder Arbeitsämter beeinflussen. In der Folge führt das Stigma zu gesundheitlicher Ungleichheit und verstärkt diese.

Es besteht die Gefahr, dass der gegenwärtige Umgang mit Migranten und Flüchtlingen zu ihrer Stigmatisierung als Krankheitsüberträger führt, die noch lange nach dem Abklingen der Covid-19-Krise anhalten könnte. Solche stigmatisierenden Verdächtigungen könnten zu neuen Formen des ‚ethnic profiling‘ ermutigen – bei Grenzkontrollen etwa, wo durch neue biometrische Verfahren mutmaßlich Gesunde von Menschen mit einem Gesundheitsrisiko unterschieden werden könnten.

Ein Stigma lässt sich nur schwer wieder beseitigen. Das wird sich vor allem in der Welt nach Covid-19 erweisen, wo viele Menschen direkt unter der Krankheit, dem Verlust ihrer Angehörigen oder des Arbeitsplatzes, unter Unternehmenspleiten, finanzieller Not und familiären Spannungen wegen des Lockdowns gelitten haben werden. Darauf werden viele vermutlich mit Angst und Schuldzuweisungen reagieren. Das könnte zu weiterer Diskriminierung und Ungerechtigkeit führen, wenn nicht sogar zu Feindseligkeit und Gewalt gegenüber Migranten und Flüchtlingen.

Die Entstigmatisierung HIV-Infizierter als Vorbild

Was es jetzt braucht, sind Schritte zur präventiven Entstigmatisierung. Das erfordert eine Reihe von Maßnahmen, um öffentliche Darstellungen, unter anderem in den Medien, in der Politik und in der Werbung, sowie Verfahren, beispielsweise in der Einwanderungs-, Integrations- und Sozialpolitik, zu verändern. Ein solcher Wandel muss von Regierungen und hochrangigen Persönlichkeiten unterstützt, wenn nicht sogar initiiert werden. Als ein Beispiel könnten die öffentlichen Erklärungen und Aufklärungskampagnen dienen, die dazu beitrugen, die Stigmatisierung HIV-Infizierter in den 1980er- und 90er-Jahren zu vermindern. Erreicht wurde dies, indem man zeigte, dass HIV-Infizierte Menschen waren wie alle anderen, und nicht irgendwelche verkommenen Schattengestalten.

Solch ein Wandel in der öffentlichen Darstellung von Migranten und Flüchtlingen, vor allem im Zusammenhang mit Covid-19, sollte nicht darauf beschränkt sein, stereotype Vorstellungen von Merkmalen zu widerlegen, die einer fremden „Rasse“, einer fremden „Kultur“ oder einem fremden Gruppenverhalten zugeschrieben werden. Ein erster wichtiger Schritt besteht darin, zu vermitteln, dass Migranten und Flüchtlinge Kategorien sind, die eine große Vielfalt aufweisen (auch Superdiversität genannt), unter anderem in Bezug auf ihren Rechtsstatus, ihre Migrationswege, Nationalitäten und Volkszugehörigkeiten, auf ihre Geschlechter- und Altersprofile. Es ist nach wie vor nötig, diese grundlegende Tatsache – dass Migranten und Flüchtlinge sich untereinander sehr stark unterscheiden und sehr verschiedene Erfahrungen gemacht haben – immer wieder zu betonen.

Migranten brauchen Empathie

Durch Entstigmatisierung sollten auch die Schuldzuweisungen unterbunden werden, indem die strukturellen und sozioökonomischen Bedingungen und die Verletzlichkeit vieler Migranten und Flüchtlinge aufgezeigt werden, so wie es das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und die Internationale Arbeitsorganisation mit Blick auf Covid-19 und die von Armut betroffenen Menschen weltweit gerade tun. Es sollte sich die Einsicht durchsetzen, dass „die da“, also Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, sich gar nicht so sehr unterscheiden von „uns“, die wir in unserer Heimat sicher leben können.

Migranten und Flüchtlinge sind Menschen, die oft unter furchtbaren Bedingungen leben müssen. Statt sie als Gefahr für alle anderen anzusehen, sollte man allgemein anerkennen, dass sie durch die häufig schrecklichen Lebensbedingungen viel eher Gefahren ausgesetzt sind als der Großteil der Weltbevölkerung. Migranten und Flüchtlinge verdienen mehr Verständnis, Mitgefühl und Anteilnahme, mit einem Wort: mehr Empathie – das genaue Gegenteil eines Stigmas, das bleibt.

Aus dem Englischen von Eva Völker

Dieser Beitrag erschien erstmals am 24. April 2020 in der Tageszeitung taz.

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