Ich zuerst oder wir zuerst?

Eine Studie untersucht, wie Menschen im Konflikt zwischen ihrem Eigeninteresse und dem Einsatz für ein Gruppenanliegen entscheiden

In einer spieltheoretischen Untersuchung sind Forscher der Frage nachgegangen, wer in Konflikten, die gleichzeitig innerhalb und zwischen Gruppen auftreten, wann und warum das eigene Interesse zurückstellt und den Dienst für die Allgemeinheit übernimmt. Die Ergebnisse erlauben ein besseres Verständnis solcher Situationen und könnten helfen, die Lösung von Konfliktsituationen zu beschleunigen.

Abwarten oder handeln: Wenn es darum geht, Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen, warten viele erst einmal ab, in der Hoffnung, dass andere sich engagieren. Wenn dabei zwei Gruppen in Konkurrenz stehen, steigt der Druck zu handeln.

Ob beruflich oder privat: Immer wieder geraten Menschen in einen Konflikt zwischen Eigeninteresse und dem Interesse der sozialen Gruppe, der sie angehören. Noch komplizierter wird es, wenn zwei oder mehrere Gruppen um ein begehrtes Gut konkurrieren. Um das Interesse der eigenen Gruppe zu verteidigen, müssen Gruppenmitglieder aktiv werden und einen Dienst für die Allgemeinheit übernehmen. Jeder würde aber gerne trittbrettfahren und von dem Engagement anderer Gruppenmitglieder profitieren. Nur tickt aber die Uhr. Wenn nicht bald jemand reagiert, schlägt jemand aus einer konkurrierenden Gruppe zu und die eigene Gruppe geht leer aus. Wer wird wann warum das eigene Interesse nachstellen und den Dienst für die Allgemeinheit übernehmen? Und was kann getan werden, um den Prozess zu optimieren? Eine neue ökonomische Studie liefert Hinweise.

Herrn Kuhns Tochter Ina geht in die 6. Klasse und ihre Schulbildung ist ihm wichtig. Doch in den letzten Wochen haben Inas Leistungen nachgelassen und nach dem Elternabend ahnt Herr Kuhn auch, warum. Die Schule wird umgebaut und der 6a wurde ein Klassenzimmer im Untergeschoss zugewiesen. Es ist beengt, mit Neonröhren ausgeleuchtet, zwei kleine Fenster führen zu einem Lichtschacht. Nach einer Viertelstunde gähnt Herr Kuhn – zu wenig Sauerstoff –  und ihm wird klar: Unter diesen Umständen gehen Konzentration und Spaß am Lernen verloren. Als der Klassenlehrer Freiwillige sucht, die sich bei der Schulleitung dafür einsetzen, dass die Klasse in einen anderen Raum umzieht, überlegt Herr Kuhn, sich zu melden. Er weiß, dass auch andere Klassen in dieser misslichen Lage stecken und versuchen werden, die Schulleitung davon zu überzeugen, dass ausgerechnet ihre Klasse einen der knappen schönen, gut belüfteten Räume braucht. Die Uhr tickt also. Aber: Herrn Kuhns Tochter leidet unter Dyskalkulie. Soll er seine knappe Zeit nicht lieber darauf verwenden, mit ihr zu rechnen, statt sich auch für die Kinder anderer Eltern einzusetzen? Es könnte sich ein anderes Elternteil melden, Ina würde genauso profitieren. Allerdings übernimmt Herr Kuhn bald ein neues Projekt im Job und seine Zeit wird in Zukunft noch knapper. Ähnliche Gedanken wälzen wohl alle Eltern im Raum, denn niemand erklärt sich spontan bereit, für das Gemeinwohl einzutreten. Die Eltern befinden sich in einem Konflikt zwischen dem Eigeninteresse und dem Interesse der ganzen Klasse. Und die Zeit arbeitet gegen sie. Der Klassenlehrer entlässt die Eltern mit der Aufforderung, er sei für Freiwillige jederzeit per Email erreichbar. Was wird Herr Kuhn, was werden die anderen Eltern tun? Wann überwindet sich jemand und setzt sich für das Gemeinwohl ein?

Lobbyarbeit für die Firma oder lieber für die ganze Branche?

Solche oder ähnliche Konflikte innerhalb und zwischen Gruppen treten immer wieder auf: Im Arbeitsleben, wenn Mitarbeiter sich fragen, ob sie im - seltenen - Gespräch mit dem obersten Chef die Interessen der ganzen Abteilung oder doch lieber die persönlichen Belange ansprechen sollen. Im politischen Umfeld, wenn sich Unternehmer beim einmaligen Treffen mit dem Minister entscheiden müssen, ob sie die knappe Gesprächszeit auf Lobbyarbeit für den ganzen Industriezweig oder doch lieber für die eigene Firma verwenden sollen. Oder aber, wenn eine Firma erwägt, als erste eine für ihre Branche notwendige Investition zu tätigen, die auch anderen Firmen zugutekommen wird. Der Anreiz, zu warten und bei anderen Gruppenmitgliedern trittbrettzufahren, steht im Widerstreit mit dem Anreiz, aktiv zu werden und das Eigeninteresse dem Gruppeninteresse nachzustellen, um anderen Abteilungen, Branchen oder Industrien zuvorzukommen.  

Je weniger es mich kostet, umso eher setze ich mich für meine Gruppe ein

Stefano Barbieri von der Tulane University in New Orleans, Kai A. Konrad vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen und David A. Malueg von der University of California haben mithilfe eines spieltheoretischen Modells untersucht, von welchen Faktoren der Zeitpunkt abhängt, an dem jemand den Dienst für die Allgemeinheit übernimmt und wann sich zeitkritische Interessenskonflikte innerhalb und zwischen Gruppen lösen lassen. Sie stellen fest, dass die in die Konflikte involvierten Personen nicht zu dem für sie und für die Gruppe optimalen Zeitpunkt reagieren, sondern erst mit Verzögerung. Sie warten umso länger, je höher die Kosten sind, die ihnen durch das Handeln entstehen. Zwar kennen die Personen nur ihre eigenen Kosten und ahnen nur, welche Kosten die anderen Personen haben. Dennoch wird sich die Person mit den niedrigsten Kosten schließlich bereiterklären, für das Allgemeininteresse einzutreten. Durch die Verzögerung sind aber die ihr (und möglicherweise der ganzen Gruppe) entstandenen Kosten höher, als sie gewesen wären, wenn die Entscheidung früher gefallen wäre. Herr Kuhn wird sich unter Umständen erst dann bereiterklären, für das Interesse der 6a einzutreten, wenn er das neue Projekt im Job übernommen hat und seine ohnehin knappe Zeit noch knapper wird.

Je größer meine Gruppe, umso eher werde ich trittbrettfahren

Der Zeitpunkt an dem sich der Interessenskonflikt löst, hängt aber nicht nur von den individuellen Kosten der einzelnen Gruppenmitglieder und deren Verteilung ab, sondern auch von der Gruppengröße. Je größer die Gruppe, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mitglied darunter ist, das sehr niedrige Kosten hat. Soll der Klassenlehrer also eine E-Mail an alle schreiben, auch an die beim Klassenelternabend nicht anwesenden Eltern, in der Hoffnung, dass sich unter ihnen ein Elternteil mit geringeren Kosten findet und sich der Konflikt schneller löst? Das ist nicht unbedingt zielführend, legen Barbieri, Konrad und Malueg nahe, denn es gilt auch: Je größer meine Gruppe, desto länger warte ich damit, aktiv zu werden. Wenn ich sehe, dass noch mehr Eltern angehalten sind, sich einzusetzen, werde ich noch später handeln. Da sich die beiden Effekte - die größere Kostenvariation sowie die mit der Gruppengröße abnehmende Bereitschaft zu handeln - aufheben, ergibt sich kein klarer Gesamtvorteil für eine kleinere oder größere Gruppe.

Je mehr Konkurrenten meine Gruppe hat, umso handlungsbereiter bin ich

Eine Chance hätte der Klassenlehrer aber doch, optimierend einzugreifen. Der Zeitpunkt, wann jemand aktiv wird, hängt auch von der Wettbewerbsintensität zwischen den Gruppen ab, also von der Anzahl der Konkurrenten. Um den Vorgang zu beschleunigen und die Chancen auf ein besseres Klassenzimmer zu erhöhen, könnte der Klassenlehrer die Eltern darüber informieren, dass noch fünf weitere Klassen auf einen schönen, gut durchlüfteten Raum spekulieren. Weiß Herr Kuhn, dass sich nicht nur eine, sondern gleich sechs Klassen um ein schöneres Klassenzimmer bemühen, steigt auch seine Bereitschaft, das Eigeninteresse dem Gruppeninteresse nachzustellen. Eine Lösung des Interessenskonfliktes ist schneller in Sicht.

CM

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