Hunde zu verstehen, muss man lernen

Unsere Fähigkeit, die Gesichtsausdrücke von Hunden zu deuten, ist nicht angeboren

12. November 2019

Menschen können Gesichtsausdrücke von Hunden unterschiedlich gut deuten. Diese Fähigkeit ist abhängig von ihrem Alter und ihrer Lebenserfahrung. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie eines deutsch-britischen Forschungsteams. Erwachsene aus Kulturen, die Hunden eher positiv gegenüberstehen, können deren Gesichtsausdrücke am besten deuten. Daraus folgt, dass diese menschliche Fähigkeit nicht angeboren, sondern erlernt ist.

In ihrer Studie nutzte das Forschungsteam Fotos von Hunden mit wolfsähnlichen Gesichtern und aufrechten Ohren, um zu testen, inwieweit die Teilnehmerinnen und Teilnemer in der Lage sind, die Emotionen der Hunde zu erkennen.

Hunde waren die ersten domestizierten Tiere. Sie leben seit mehr als 40.000 Jahren mit Menschen zusammen. Laut der Hypothese der gemeinsamen Domestikation haben Menschen und Hunde deshalb spezielle emotionale Signale und kognitive Fähigkeiten entwickelt, die ihr gegenseitiges Verständnis fördern. Wir wissen beispielsweise, dass Hunde über Jahrtausende die Fähigkeit entwickelt haben, menschliche Gesten, ikonische Zeichen und Wörter zu verstehen. Die Forschung hat zudem gezeigt, dass Hunde sogar Tonfall und Gesichtsausdrücke des Menschen deuten können. Abgesehen von persönlichen Aussagen von Hundeliebhabern wurde jedoch bislang wenig darauf geachtet, wie gut Menschen ihrerseits Hunde verstehen können.

Wie gut verstehen wir den besten Freund des Menschen?

In einer aktuellen Studie unter Leitung von Frederica Amici vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Juliane Bräuer vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, wurde jetzt erstmals umfassend untersucht, wie gut Menschen die Gesichtsausdrücke von Hunden verstehen und woher dieses Verständnis kommt. Um zu testen, wie gut Menschen die Emotionen hinter Gesichtsausdrücken von Hunden deuten können, hat das Team den Studienteilnehmern und -teilnehmerinnen Fotos von Hunden, Schimpansen und Menschen vorgelegt. Die Fotos zeigten glückliche, traurige, wütende, neutrale oder ängstliche Gesichtsausdrücke. Die 89 Erwachsenen und 77 Kinder wurden danach eingeteilt, ob sie selbst einen Hund besaßen oder nicht, und ob sie in einer Kultur aufgewachsen waren, die Hunden positiv gegenübersteht.

Allen Teilnehmenden wurden die Fotos von den Hunden, Schimpansen und Menschen gezeigt. Sie wurde gebeten zu bewerten, ob das Individuum auf dem Bild glücklich, traurig, wütend oder ängstlich ist. Die Erwachsenen wurden außerdem gebeten, den Kontext zu bestimmen, in welchem das Bild aufgenommen wurde, z.B. in einer Spielsituation mit einem vertrauenswürdigen Partner oder direkt bevor sie einen Artgenossen attackierten.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Fähigkeit, die Emotionen der Hunde zuverlässig zu erkennen, vor allem durch Alter und Erfahrungen erworben wird. Die Erwachsenen konnten die Gesichtsausdrücke der Hunde am besten deuten, wenn sie in einer Kultur aufgewachsen waren, die Hunden positiv gegenüber steht. Jedoch schnitten Personen, die selbst einen Hund besaßen, nicht besser ab, als solche, bei denen das nicht der Fall war.

Die Einstellung der Umgebung gegenüber Hunden ist entscheidend

Für die Fähigkeit, Emotionen von Hunden zu deuten, ist vor allem der kulturelle Hintergrund entscheidend. Wenn Hunde im Alltag eine große Rolle spielen und generell als wichtig angesehen werden, machen Menschen offensichtlich passiv Erfahrungen mit Hunden. Diese führen dazu, dass Menschen die Gesichtsausdrücke von Hunden besser deuten können - auch wenn sie nie einen eigenen Hund besessen haben. „Diese Ergebnisse sind bemerkenswert“, sagt Federica Amici, „weil sie darauf hindeuten, dass nicht unbedingt direkte Erfahrungen mit Hunden notwendig sind, um deren Gesichtsausdrücke zu verstehen. Viel wichtiger ist das kulturelle Umfeld, in dem Menschen aufwachsen.“

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die Befragten unabhängig von ihrem Alter oder ihrer Erfahrung mit Hunden in der Lage waren, Wut und Glück bei den Vierbeinern zuverlässig zu identifizieren. Bei diesen Emotionen könnte Co-Domestikation eine Rolle spielen. Andererseits wäre es auch möglich, dass Menschen diese Emotionen grundsätzlich bei allen Säugetierarten gut erkennen können.

Kinder können vor allem Wut und Glück richtig deuten

Abgesehen von Wut und Glück waren Kinder in der Studie nicht gut darin, die Emotionen von Hunden zu deuten. Sie erkannten Wut und Glück bei Hunden zuverlässiger als bei Schimpansen. Ansonsten deuteten sie die Gefühle von Hunden ebenso schlecht wie die von Schimpansen. Das spricht dafür, dass die Fähigkeit, zu verstehen wie sich Hunde fühlen, nicht angeboren ist.

„Weitere Studien müssen zeigen, welche konkreten kulturellen Aspekte die menschliche Fähigkeit beeinflussen, Emotionen von Hunden zu verstehen. Dazu sollten auch reale Stimuli mit Körperausdrücken und bewegten Bildern verwendet werden“, sagt Juliane Bräuer. „Auf diese Weise können wir diese interkulturellen Unterschiede besser verstehen. Damit können wir hoffentlich das Auftreten negativer Zwischenfälle zwischen Mensch und Hund verringern. Zwischenfälle passieren ja vor allem dann, wenn Menschen nicht fähig sind, die Signale der Hunde zu deuten.“

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