Die Vertreibung aus dem Sparparadies

Die finanzielle Verantwortung der Bürger im Nachkriegsdeutschland beschränkte sich darauf, Risiken zu vermeiden – heute sieht das ganz anders aus

28. Oktober 2019

Deutschland galt über lange Zeit als Land der Sparer. Genügsam haushalten und sichere Anlageformen waren über Jahrzehnte ein vielfach gelebtes Ideal. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Blatt gewendet, die finanzielle Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger verschiebt sich hin zu langfristiger Planung und dem Managen von Anlagerisiken. Die Ethnologin Hadas Weiss hat in einem Projekt am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle dieses Phänomen untersucht. Sie sieht den Wandel als Teil eines Prozesses, in dem die internationalen Finanzmärkte immer mehr politische und gesellschaftliche Bereiche durchdringen.

Die finanzielle Verantwortung hat sich in Deutschland verschoben. Das Sparschwein hat offenbar ausgedient, denn heutzutage ist das Management von Aktien wichtig.

Das Modell der schwäbischen Hausfrau wird noch heute gerne in der Politik zitiert, wenn es um vernünftiges Haushalten geht: nicht mehr ausgeben als man hat, lieber für schlechte Zeiten Geld zurücklegen und Kredite nur für langfristige Anschaffungen aufnehmen. Tatsächlich haben viele der heutigen Rentner nach diesem Modell der Risikovermeidung gewirtschaftet, wie Hadas Weiss in ihrem Projekt am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung feststellte.

Die Ethnologin, die nicht aus Deutschland stammt und damit einen Blick von außen mitbringt, beleuchtet die finanziellen Aspekte in den Lebensgeschichten von 25 westdeutschen Seniorinnen und Senioren, alle im Alter von rund 70 Jahren. Wie in ihrem Forschungsbereich üblich, hat sie in den Interviews bewusst die subjektiven Eindrücke und Erfahrungen der Teilnehmenden ergründet. Auch wenn die Befragung nicht repräsentativ war, ergibt sich daraus das Bild einer Generation, die sich um finanzielle Planung, vor allem in Bezug aufs Alter, relativ wenig Gedanken machte und machen musste.

Insgesamt hebt die Wissenschaftlerin hervor, wie bemerkenswert stabil die finanziellen Verhältnisse der Rentner über den Großteil ihrer Lebenszeit hinweg waren – eine Stabilität, die in anderen Ländern alles andere als selbstverständlich ist. Unabhängig von ihrer sozialen und materiellen Stellung gaben die Befragten an, Sparen für den Ruhestand sei kein relevanter Faktor in ihrer Haushaltsführung gewesen. Ihren Lebensstil richteten die Leute nach den Einkünften, keiner war bestrebt, Reichtümer anzuhäufen. Im Gegenteil: durchweg alle äußerten eine deutliche Abneigung gegen finanzielle Themen und gaben an, sich nicht gerne um Geld zu kümmern.

Zusammenhang zwischen Sozialsystem und eigenen Finanzen oft unklar

Die Wissenschaftlerin führt diese Nonchalance darauf zurück, dass das deutsche Sozialsystem – vor allem die gesetzliche Rente – die Menschen auch bei Schicksalsschlägen gut absicherte. Daher mussten sie sich kaum Gedanken um ihre finanzielle Situation machen. Dazu kam eine im internationalen Vergleich recht stabile Wirtschaftslage, das kostenlose Bildungssystem sowie öffentlich finanzierte Maßnahmen zur Qualifizierung und Arbeitsmarktförderung. Aus Sicht von Hadas Weiss hat die Regierungspolitik auf diese Weise das beschriebene Wirtschaftsverhalten gefördert.

Überraschenderweise war den befragten Rentnerinnen und Rentnern der Zusammenhang zwischen den sozialen Sicherungssystemen und den weitgehend stabilen finanziellen Verhältnissen, in denen sie leben, kaum bewusst. Sie sahen ihren Lebensstandard im Alter vor allem als Verdienst ihrer jahrzehntelangen Arbeit. Nur diejenigen, die mit ihren Alterseinkünften unzufrieden waren, machten dafür die Politik verantwortlich. Weiss’ Erklärung ist, dass das staatlich motivierte Wirtschaftsverhalten das Selbstbild der Rentner so bestärkt hat, dass sie die politischen Institutionen ignorieren konnten.

Um deutlich zu machen, wie sehr sich die Auffassung von finanzieller Verantwortung inzwischen geändert hat, kontrastiert die Wissenschaftlerin die Aussagen der Rentner mit der Rhetorik heutiger Finanzberatung. Darin ist von Anlagenstrategien die Rede und von kurz-, mittel- und langfristigen Zielen, die an die Lebensplanung angepasst sein sollten. Empfohlen werden Immobilien, Aktien oder Indexfonds, um Rücklagen für den Ruhestand aufzubauen. Nicht vorab zu planen und sich nicht um aktives Risikomanagement zu kümmern, werde als kurzsichtig und unverantwortlich dargestellt, so Weiss und sie kommt zu dem Schluss: Was als verantwortungsbewusst gilt, hat sich deutlich gewandelt – weg von der Vermeidung von Risiken hin zum aktiven Risikomanagement.

Finanzialisierung trifft auch Deutschland

Auch wenn die Generation, die heute im Beruf steht, im Alter weniger Rente erwarten kann und Geld sich inzwischen nicht mehr gewinnbringend auf dem Sparbuch anlegen lässt, hält Hadas Weiss es nicht für zwingend, den Begriff der finanziellen Verantwortung in diesem Maße auszuweiten. Im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder den USA sei die soziale Absicherung in Deutschland weiterhin recht hoch. Die Wissenschaftlerin sieht in dem Wandel vielmehr ein Zeichen, dass die sogenannte Finanzialisierung auch auf Deutschland übergreift. Unter diesem Begriff verstehen Sozialwissenschaftler den zunehmenden Einfluss der internationalen Finanzindustrie auf Politik, Gesellschaft und Realwirtschaft. Dazu gehört, dass die Ziele der Finanzbranche – vor allem die kurzfristige Gewinnmaximierung – auch in anderen Bereichen in den Vordergrund rücken.

Weiss wirft Banken, Versicherungen und Anlagegesellschaften vor, die Angst vor einem finanziellen Abstieg bewusst zu schüren, um ihre Geschäfte in Deutschland auszubauen. Dabei werde verschwiegen, dass das Management riskanter Anlageformen auch schiefgehen kann und dann größere Verluste nach sich zieht als das frühere Ideal der Risikovermeidung. 

mz

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