Das Neandertaler-Genom-Projekt

Das Neandertaler-Genom-Projekt

1997 analysierte Svante Pääbo, der damals an der Ludwig-Maximilians-Universität München forschte, als Erster Erbgut einer ausgestorbenen Menschenform: DNA aus den Mitochondrien eines Neandertalers. 2006 initiierte er am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig das Neandertaler-Genom-Projekt. Mit finanzieller Unterstützung durch die Max-Planck-Gesellschaft entwickelten Pääbo und seine Kollegen Techniken, mit denen sie die DNA von Neandertalern effizienter aus Knochen herauslösen und analysieren konnten. Ihr Ziel: Die Entschlüsselung des kompletten Erbguts der Neandertaler.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich zunächst auf die DNA in den Mitochondrien – Organellen, die die Energie für die Zellen des Körpers produzieren – denn sie ist klein leicht zu gewinnen. 2008 veröffentlichten sie das erste vollständig entschlüsselte Mitochondrien-Genom eines Neandertalers. Die Analyse ergab, dass die mitochondriale DNA keiner der Varianten bei den heute lebenden Menschen entspricht. Damals deutete also nichts darauf hin, dass sich Neandertaler und moderne Menschen miteinander vermischt haben. Diese Einschätzung änderte sich erst 2010, als das Team eine vorläufige Version eines vollständigen Neandertaler-Genoms veröffentlichte. Nun war klar, dass die Neandertaler Gene an die Menschen weitergegeben hatten, deren Wurzeln außerhalb Afrikas liegen.

Entdeckung einer neuen Menschenform

Den Großteil der DNA für ihre Untersuchung gewannen die Forscher aus Knochenfragmenten dreier weiblicher Neandertaler, die in der Vindija-Höhle in Kroatien ausgegraben wurden.

Darüber hinaus haben die Forscher eine bis dahin unbekannte ausgestorbene Menschengruppe identifiziert, die Denisova-Menschen. Diese Entdeckung beruhte einzig und allein auf der Erbgutanalyse eines kleinen Knochens aus der sogenannten Denisova-Höhle im südlichen Sibirien. Die Denisovaner in Asien waren weitläufig mit den Neandertalern verwandt und haben Gene an heutige Asiaten und Menschen aus Ozeanien weitergegeben.

2013 haben die Forscher das Projekt mit einer äußerst exakten Rekonstruktion des Genoms eines 50.000 Jahre alten Neandertalers abgeschlossen. Nie zuvor hatten Forscher das Erbgut einer ausgestorbenen Lebensform in so hoher Qualität analysiert.

Die Geschichte der Neandertaler und Denisovaner und ihre Beziehung zueinander und zum modernen Menschen haben also Spuren im Erbgut dieser ausgestorbenen Menschenformen hinterlassen. Dem Neandertaler-Genom-Projekt ist es zu verdanken, dass wir diese Spuren heute lesen können.

Die Kreise zeigen, wie viel Denisova-Erbgut Menschen aus Asien im Verhältnis zu den Bewohnern von Neuguinea besitzen. Denisova-Gene findet man nur im östlichen Südostasien und Ozeanien, nicht jedoch bei Menschen, die auf dem asiatischen Festland leben.
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