Ab durch die Wüste

Laut einer neuen Studie könnte es ein feuchteres Klima ermöglicht haben, dass Homo sapiens vor 50.000 bis 30.000 Jahren Trockengebiete in Zentralasien durchquerte

29. Mai 2019

Nord- und Zentralasien wurden in Untersuchungen zu frühen menschlichen Migrationen bislang vernachlässigt, da Wüsten und Gebirge als unüberwindliche Barrieren angesehen wurden. Die Studie eines internationalen Forschungsteams argumentiert nun jedoch, dass der Mensch unter feuchteren klimatischen Bedingungen in der Vergangenheit diese extremen Lebensräume durchaus durchquert haben könnte. Demnach wäre es naheliegend, zu überdenken, wo wir nach den frühesten Spuren unserer Spezies in Nordasien suchen sollten und in welchen Regionen es möglicherweise zu Begegnungen mit anderen Homininen, wie Neandertalern und Denisovanern gekommen sein könnte.

Das Flusstal des Dsawchan Gol in der Mongolei. Flüsse können als Migrationsrouten gedient haben. Sie können aber auch große Hindernisse gewesen sein.

Archäologen und Paläoanthropologen sind zunehmend daran interessiert, die Umweltbedingungen zu erforschen, denen sich Homo sapiens ausgesetzt sah, als er im Spätpleistozän (vor 125.000-12.000 Jahren) in neue Teile Eurasiens zog. Viel Aufmerksamkeit wurde auf eine "südliche" Route entlang des Indischen Ozeans gelegt, Nord- und Zentralasien wurden eher vernachlässigt. In einer neuen Studie argumentiert ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und des Instituts für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking, dass Zentralasien durch  frühere Klimabedingungen eine besonders dynamische Region im Hinblick auf Verteilung, Interaktion und Anpassung von Homininen war. Das Gebiet könnte sogar ein entscheidender Migrationskorridor gewesen sein.

"Nordwärts" – von Afrika nach Asien

Darstellung möglicher Migrationsrouten aus den Ergebnissen der Least Cost Analyse. Die drei Routen aus den Simulationen unter feuchteren Wetterbedingungen und die Route aus der Simulation bei Trockenheit werden zusammen mit den paläoklimatischen Ausdehnungen von Gletschern und Seen dargestellt.

"Archäologische Diskussionen über die Migrationsrouten des pleistozänen Homo sapiens haben sich oft auf eine Küstenroute von Afrika nach Australien konzentriert, die um Indien und Südostasien herum führt", sagt Michael Petraglia vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Ko-Autor der neuen Studie. "Im Hinblick auf Nordasien wurde eine Route nach Sibirien präferiert, die Wüsten wie die Gobi vermied." Doch in den letzten zehn Jahren sind vielfältige Belege dafür aufgetaucht, dass heute unwirtliche Gebiete in der Vergangenheit möglicherweise passierbar waren.

"Unsere bisherigen Arbeiten in Saudi-Arabien und in der Thar-Wüste in Indien haben deutlich gemacht, dass Erkundungsstudien in bisher vernachlässigten Regionen neue Erkenntnisse über Migrationsrouten und Anpassungen des Menschen erbringen können", sagt Petraglia. "Wenn Homo sapiens tatsächlich die heutigen arabischen Wüsten durchqueren konnte, was hätte ihn dann daran gehindert, andere heute trockene Regionen wie die Wüste Gobi, das Junggarbecken und die Taklamakan-Wüste zu durchqueren? Ebenso bieten das Altai-Gebirge, der Tienschan und das tibetische Plateau möglicherweise einen neuen, potentiellen Einblick in die menschliche Evolution, insbesondere angesichts der jüngsten Funde von Überresten des Denisova-Menschen in Russland und  China."

Gleichwohl haben traditionelle Forschungsbereiche, eine Fülle an archäologischen Stätten nicht in Betracht gezogen. Ebensowenig hat die Annahme, dass ökologische "Extreme" dauerhaft vorhanden waren, in der Vergangenheit zu einem Fokus auf eine Migrationsroute durch Sibirien geführt, während Wege durch das Innere Nordasiens vernachlässigt wurden.

Gobi - eine grüne Wüste?

Die Sanddünen von Mongol Els ragen aus der mongolischen Steppe heraus. Viele dieser Wüsten, die eine natürliche Barriere darstellen, entstanden erst nach dem letzten glazialen Maximum (vor ca. 20 000 Jahren).

Tatsächlich weisen Befunde aus der Paläoklimatologie Zentralasiens auf ausgedehnte Seen, schwankende Niederschlagsmengen und sich verändernde Gletscherausdehnungen in Gebirgsregionen hin und belegen, dass die Umweltbedingungen in diesem Teil der Erde im Laufe des Pleistozäns deutlich variiert haben könnten. Aufgrund von Datierungsunsicherheiten können diese klimatischen Schwankungen jedoch nur grob eingeordnet werden. Zudem sind diese paläoklimatischen Befunde bis jetzt nicht in die Diskussion archäologischer Befunde über die Ankunft des Menschen in Nord- und Zentralasien integriert wurden.

„Wir haben Klimaaufzeichungen und geografische Merkmale in spezielle geografische Modelle für Glaziale (das heißt Perioden, in denen die Ausdehnung der polaren Eiskappen am Größten war) und Interglaziale (Perioden während des Rückgangs dieser Eiskappen) eingepflegt, um zu testen, inwieweit menschliche Migration aufgrund der An- beziehungsweise Abwesenheit dieser Umweltbarrieren variieren würde", sagt Nils Vanwezer, Doktorand am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und einer der Hauptautoren der Studie.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Mensch während "glazialer", also trockener Bedingungen wahrscheinlich gezwungen war, über einen nördlichen Bogen durch Südsibirien zu wandern. Unter interglazialen, also feuchteren, Bedingungen wären jedoch eine Reihe alternativer Routen möglich gewesen, auch durch eine grüne Wüste Gobi", fährt er fort. Vergleiche der verfügbaren paläoökologischen Daten bestätigen, dass die lokalen und regionalen Umweltbedingungen in diesen Teilen Asiens in der Vergangenheit sehr unterschiedlich waren und Schwankungen unterlagen. Damit stellen diese unterschiedlichen „Routen-Modelle“ definitiv Alternativen der menschlichen Migration durch Asien dar.

Woher bist du gekommen, wohin bist du gegangen?

"Wir möchten betonen, dass diese Routen keine realen, definitiven Wege der Ausbreitung des Menschen während des Pleistozäns sind. Die Möglichkeiten legen jedoch nahe, dass wir nach Spuren menschlicher Präsenz, Migration und Interaktion mit anderen Homininen auch in Regionen Asiens suchen sollten, die bislang von der Archäologie vernachlässigt wurden", sagt Patrick Roberts, ebenfalls vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Ko-Autor der Studie. "Angesichts dessen, was wir zunehmend über die Flexibilität unserer Art erfahren, wäre es nicht verwunderlich, wenn wir den frühen Homo sapiens inmitten heutiger Wüsten oder gebirgiger Gletscherregionen finden würden."

"Diese Modelle werden neue Untersuchungen und Feldstudien in bisher vergessenen Regionen Nord- und Zentralasiens anstoßen", sagt Nicole Boivin, Direktorin der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Ko-Autorin der Studie. "Unsere Aufgabe ist es jetzt, Forschungsprojekte in Angriff zu nehmen, um in den kommenden Jahren diese potentiellen Modelle über die Verbreitungsrouten des Menschen in diesen Teilen Asiens zu testen."

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