Leonardo da Vinci – im Spiegel seiner Bibliothek

30. April 2019

Leonardo da Vinci war ein unermüdlicher, wissbegieriger Leser. Er besaß über 200 Bücher aus Wissenschaft und Technik, literarische sowie religiöse Werke. Eine Ausstellung des Museo Galileo in Florenz, vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Staatsbibliothek Berlin, wirft ein neues Licht auf den intellektuellen Kosmos des Künstlers, Ingenieurs und Philosophen, der auch 500 Jahre nach seinem Tod noch immer fasziniert.

Der Codex Forster, eine Handschrift von Leonardo da Vinci, geht auf den englischen Schriftsteller und Biographen John Forster zurück. Er hinterließ das Werk im Jahr 1876 dem South Kensington Museum - dem heutigen Victoria and Albert Museum - in London.

Leonardos Geschichte ist nicht die eines Glückskindes. Er kam am 15. April 1452 in dem toskanischen Ort Vinci als unehelicher Sohn einer 16-jährigen Magd zur Welt. Obwohl ihm später sein Vater, ein Jurist, dabei half, eine Lehrstelle in Florenz beim berühmten Maler Andrea del Verrocchio zu finden, durfte Leonardo nie eine höhere Schule besuchen.

Umso größer war Leonardos Wissensdurst, den er durch eine große Büchersammlung zu stillen versuchte. „Dabei profitierte er von der Erfindung des Buchdrucks in Deutschland“, sagt Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, während eines Symposiums in Berlin. In Mainz hatte Johannes Gutenberg um 1450 die Schrift in ihre 26 Buchstaben zerlegt und mit Hilfe von wiederverwendbaren Matrizen völlig gleichförmige Bleitypen hergestellt. Auf einem Holzbrett konnte er sie Zeile für Zeile zu jedem gewünschten Text zusammensetzen.

Als Leonardo zwölf Jahre alt war, brachten zwei Deutsche – Arnold Pannartz und Konrad Sweynheym – den Buchdruck nach Italien. Ihre Druckerei im Benediktinerkloster von Subiaco verlegten sie 1467 nach Rom. Allein in der Heiligen Stadt wurden in den kommenden 30 Jahren eine halbe Million Bücher gedruckt. Zur Jahrhundertwende gab es in Italien bereits 150 Druckereien.

Die ersten Bücher, die Leonard erwarb, waren auf Italienisch verfasst, erst später kamen lateinische Texte hinzu. Darüber hinaus finden sich in Leonardos Bibliothek Wörterbücher und Grammatiken, die davon zeugen, wie sehr er sich bemühte, Latein zu lernen. Später verfasste er selbst Traktate über Malerei, Technik und Wissenschaft zu Themen wie Anatomie, Botanik, Mechanik, Hydraulik und Kosmologie. „Für Leonardo, einem Renaissancemenschen par excellence, war Wissenschaft eine Kunst und Kunst eine Wissenschaft“, sagt Alessandro Nova, Direktor am Kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Florenz.

Kein einsames Universalgenie

Die Zeichnungen in der mathematischen Abhandlung "De Divina Proportione" von Luca Pacioli aus dem Jahr 1498 werden Leonardo da Vinci zugesprochen.

Er habe als „Mann ohne Gelehrsamkeit“ (omo sanza lettere) mindestens 120 Bücher verfasst, schrieb Leonardo selbst, nicht ohne Ironie und einen gewissen Stolz. Keines davon ist jedoch jemals erschienen. Von seinen Aufzeichnungen erhalten sind seine Notizbücher, Tausende Seiten, teils lose, randvoll mit Skizzen, Berechnungen und handschriftlichen Bemerkungen. Leonardo schrieb als Linkshänder von rechts nach links in Spiegelschrift und schulte stets seinen Schreibstil.

Auch von seiner umfangreichen Bibliothek wissen wir heute lediglich durch seine Notizen, in denen er über die erworbenen Bände penibel Buch führte. Für Kunsthistoriker ist sie ein Schatz, den sie sich erst seit kurzer Zeit erschließen. „Seine Bibliothek zeigt, dass er mitnichten ungebildet war“, sagt der Leonardo- und Literaturwissenschaftler Carlo Vecce, der mit einem internationalen Team Pionierarbeit bei der Erforschung von Leonardos Büchern geleistet hat. „Seine Bibliothek zeigt das Bild des Gelehrten, Künstlers und Wissenschaftlers, und offenbart die enge Beziehung, die er zu den Büchern hatte. Er war kein einsames Universalgenie, sondern stand im regen Austausch mit der Kultur seiner Zeit sowie den berühmten Autoren der Antike und Renaissance, die Leonardo selbst als altori bezeichnete.“

Von Leonardos Originalbibliothek ist nur noch ein einziger Band erhalten, das Trattato di architettura e macchine von Francesco di Giorgio – ein Manuskript mit handschriftlichen Anmerkungen des Künstlers, das heute in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz verwahrt wird. „Aus Leonardos Manuskripten und den dort enthaltenen Verweisen wie Zitaten, Autoren und Buchtiteln sowie aus Listen der in seinem Besitz befindlichen Werke können Wissenschaftler jedoch seinen Bücherschatz rekonstruieren“, sagt Paolo Galuzzi, Direktor am Museo Galileo in Florenz.

So listete Leonardo im Jahr 1478 eine Reihe von Namen in einem seiner Notizbücher auf, unter ihnen Benedetto de l’ Abaco, der das Rechnen mit arabischen Ziffern lehrte, und den Maestro Pagolo Medico, Paolo Toscanelli, einen Arzt, Mathematiker und bedeutenden Kartografen seiner Zeit. Dieser inspirierte Kolumbus dazu, den westlichen Weg nach Indien zu wählen. „Die Namen bringen Leonardos Wunsch zum Ausdruck, sich Zugang zur Mathematik und zur Gelehrtenwelt zu verschaffen“, so Carlo Vecce. In einem weiteren Verzeichnis führt Leonardo eine Liste mit 98 weiteren Buchtiteln auf, neben Aesops Fabeln und Ovids Metamorphosen, Werke aus Kunst, Technik und Medizin.

Digitale Rekonstruktion der Bibliothek und des Ateliers

Die Ausstellung „Leonardo und seine Bücher“, die vom 6. Juni bis 22. September 2019 im Museo Galileo in Florenz und im kommenden Jahr in der Staatsbibliothek Berlin gezeigt wird, erschließt nun zum ersten Mal eine Auswahl der signifikantesten Texte, die sich in Leonardos Besitz befanden und von ihm verwendet wurden. Viele Werke werden von der Staatsbibliothek Berlin und von der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte zur Verfügung gestellt. Ebenso wird in der Sonderausstellung eine Rekonstruktion des Ateliers zu sehen sein, in dem Leonardo an seinen Zeichnungen, Notizbüchern und anderen Schriften arbeitete.

Auf den Computern in den Ausstellungsräumen können die Besucherinnen und Besucher durch digitalisierte Bücher und Manuskripte blättern und haben Zugang zu Informationen über den Inhalt der Bücher und Leonardos Nutzung. „Die Werkschau verschafft damit Zugang zu dem Labor in Leonardos Kopf und lässt Interessierten seine kontinuierliche Entwicklung als Künstler und Wissenschaftler mitverfolgen“, so Jürgen Renn. In einer digitalen Bibliothek werden alle Bücher zu finden sein, die sich in Leonardos Besitz befanden, mit der jeweiligen Inhaltsbeschreibung und einem Link zu den Seiten in den Notizbüchern des Künstlers, auf denen auf das Werk verwiesen wird.

Begleitet wird die Ausstellung durch ein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, das dort unter anderem von Antonio Becchi vorantreiben wird. Im Zentrum steht der Codex Forster, eine Handschrift von Leonardo da Vinci, deren Name auf den englischen Schriftsteller und Biographen John Forster zurückgeht, der das Werk im Jahr 1876 dem South Kensington Museum - dem heutigen Victoria and Albert Museum - in London hinterließ. Bis heute ist die Provenienz der fünf Manuskripte in drei Einbänden noch nicht vollständig geklärt. In wessen Besitz befanden sich die Notizbücher und wie wechselten sie ihre Besitzer? Erste Ergebnisse deuten auf so etwas wie einen Wissenschaftskrimi hin, der erst geschrieben werden muss.

BA

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