Earth Day 2019: „Es könnte zu Konflikten und Kriegen kommen“

18. April 2019

In vielen Regionen der Welt versuchen sich die Menschen vor den Folgen des Klimawandels zu schützen – oft mit kontraproduktivem Effekt. Maßnahmen, die den Klimawandel eindämmen sollen, können auch als solche Fehlanpassung gelten, auch wenn der Frontiers Report 18/19 der Unep sie nicht ausdrücklich nennt. Ein Gespräch mit Ulrike Niemeier, Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Meteorologie, darüber, wie sinnvoll solche Aktivitäten sind.

Welche Folgen Geoengineering für das Klima hätten, untersucht Ulrike Niemeier am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Demnach wären solche Maßnahmen nicht sinnvoll, sie müssten vielmehr als Fehlanpassung gelten.

Frau Niemeier, viele mehr oder weniger gut gemeinten Maßnahmen könnten im Kampf gegen die Klimaerwärmung nach hinten losgehen. Gehört das Geoengineering zu diesen Maßnahmen?

Ja, das würde schon passen.

Was ist das überhaupt: Geoengineering?

Darunter versteht man verschiedene Verfahren. Man könnte einerseits CO2 aus der Atmosphäre entfernen. Das ist das sogenannte Carbon Dioxide Removal. Das zweite Verfahren ist das sogenannte Solar Radiation Management, bei dem die Sonneneinstrahlung künstlich verringert würde. Im zweiten Gebiet arbeite ich. Wir haben vor Jahren angefangen, die Auswirkungen von Vulkanen auf das Klima mit Klimamodellen zu simulieren. Bei einem großen Vulkanausbruch wird Schwefel in die Stratosphäre eingebracht. Ähnliches, nur vom Menschen gemacht, wird als eine Geoengineering-Technik diskutiert.

Mit welchem Effekt?

Der Schwefel, genauer gesagt, die entstehenden Sulfatteilchen reflektieren das Sonnenlicht. Dadurch kommt weniger Sonnenlicht auf der Erde an. Das würde die Erdoberfläche abkühlen.

Man würde das Klima so künstlich im Griff behalten?

Ja. In Modellsimulationen kann man die Auswirkungen einigermaßen übersehen. In den Ergebnissen haben wir keine Nebenwirkungen gesehen. Die Temperatur mit Geoengineering, das zeigen unsere Modelle, wäre im Jahr 2070 angenehmer – aber nur, wenn der Kohlendioxid-Ausstoß nicht verringert würde, also verglichen mit den durch Klimawandel zu erwartenden Auswirkungen.

Keine dramatischen Nachteile?

Doch. Wir wissen: Es würde im globalen Mittel weniger Niederschlag geben. Es könnte zu größeren Dürren kommen oder bestehende Dürren verstärken. Natürlich könnten auch andere Wetterextreme wie zum Beispiel Überflutungen weiterhin auftreten. Das ist ein Risiko, das politisch sehr schwierig zu bewältigen ist.

Inwiefern?

Es könnte sich zum Beispiel eine Gruppe von Staaten zusammentun und sagen: Wir machen das jetzt. Dann könnte es aber sein, dass ein unbeteiligtes Land, das plötzlich unter einer ungewöhnlichen Dürre leidet, die anderen verklagt. Oder viel schlimmer: dass es zu Konflikten oder Kriegen käme. Die Auswirkungen der Maßnahme nur auf das eigene Gebiet zu begrenzen, ist nicht möglich. Schwefel verteilt sich in der Stratosphäre, und die Schwefelschicht überdeckt die ganze Erde. Dadurch sind Auswirkungen immer global.

Hört sich so an, als ob man schnell in Teufels Küche kommen kann.

Genau so ist es. Deshalb beschäftigen wir uns jetzt wissenschaftlich mit dem Thema, damit die Politik die Finger davonlässt. Jetzt und in Zukunft. Dazu kommt: Solche Maßnahmen könnten dazu führen, politische Anstrengungen zur CO2-Reduktion zu vernachlässigen. Das wäre vollkommen kontraproduktiv.

Das Gespräch führte Klaus Wilhelm.

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