Migration in der öffentlichen Meinung

Verschiedenste Faktoren beeinflussen die Haltung der Menschen. Ein Beitrag von Steven Vertovec vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

12. Dezember 2018
"Selbst wenn man diesen Menschen korrekte Daten zu ethnischen Minderheiten liefert, ändert das häufig nichts an ihrer bereits vorgeformten ablehnenden Haltung gegenüber Fremden", sagt Steven Vertovec.

Vor der Unterzeichnung des UN-Migrationspakts gab es eine ganze Flut von Hetzkampagnen gegen die Vereinbarung. Das ist nicht überraschend angesichts der feindlichen Stimmung, für die Rechtspopulisten bereits in den letzten zwei Jahren gesorgt haben. Für die Politik ist Migration ein Spielball, mit dem gerade herumgekickt wird wie nie zuvor. Jede größere Vereinbarung, auch wenn sie – wie der Migrationspakt - nicht verbindlich ist, wird mit Füßen getreten und als politisches Manöver abgetan.

Wir sollten uns jedoch nicht darauf beschränken, politische Spielchen um die Debatte zur Migration kritisch zu beobachten. Stattdessen sollten wir uns einmal vor Augen führen, wie solche Debatten von der Allgemeinheit aufgenommen werden. Dazu gehört auch herauszufinden, wie Teile der Öffentlichkeit Migrationsthemen überhaupt wahrnehmen und verstehen. Es ist offensichtlich, dass es sehr verschiedene Meinungen und daraus resultierende Haltungen zu diesen Themen gibt. Dies wird u. a. in einer Umfrage der ‚Social Change Initiative ‘ deutlich. Sie besagt, dass die Öffentlichkeit in Deutschland bei Migrationsthemen in mindestens fünf nahezu gleich große Gruppen aufgeteilt ist, deren Meinungsspektrum von „sehr positiv“ bis „sehr negativ“ reicht.

Wir müssen dieses Meinungsspektrum natürlich in Beziehung setzen zu ganz bestimmten sozialen Eigenschaften wie Geschlecht und Alter, Bildungsgrad, soziale Schicht, Geographie usw. Und tatsächlich gibt es Umfragen und Studien, die solche Parameter in Beziehung setzen zur Einstellung der Bevölkerung. Allerdings deuten verschiedene Forschungsergebnisse auf zahlreiche weitere Faktoren hin, die ebenfalls einen Einfluss darauf haben, wie verschiedene Teile der Öffentlichkeit Migration begreifen, nahezu unabhängig vom jeweiligen sozialen Status der Befragten.

Da wären z. B. falsche Vorstellungen von den Zahlen. Fast überall überschätzen die meisten Menschen die Zahl der Migranten und ethnischen Minderheiten in ihrem Land. Wer von sehr hohen Werten ausgeht, sieht Migranten häufig als Bedrohung und will ihre Zahl durch eine Begrenzung reduzieren. Selbst wenn man diesen Menschen korrekte Daten zu ethnischen Minderheiten liefert, ändert das häufig nichts an ihrer bereits vorgeformten ablehnenden Haltung gegenüber Fremden. Auch Prognosen zum Zuwachs ethnischer Minderheiten werden häufig weit überschätzt. Eine sich verändernde Demographie – ganz gleich, ob real oder eingebildet – löst Verlustängste und andere Sorgen aus, die zu einer negativen Einstellung gegenüber Migration und ethnischen Minderheiten führen.

Schon eine geringfügige, aber rasch einsetzende Diversifizierung der Bevölkerung hat spürbare Auswirkungen. Dort, wo relativ wenige Migranten innerhalb kurzer Zeit zugezogen sind, ist Fremdenfeindlichkeit am stärksten ausgeprägt. Daher ist es nicht nur die vermeintliche Größe der Migrantengruppen, die beeinflusst, wie Menschen die Veränderung wahrnehmen, sondern für manche Menschen ist es auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Veränderung vollzieht. Solche Sorgen führen tendenziell zu einer Politik, die sich gegen Einwanderer richtet: In den USA stimmten zum Beispiel die Menschen in Iowa, Wisconsin und Pennsylvania mehrheitlich für Trump; dies sind Gegenden, die am stärksten von einem sich rasch vollziehenden demographischen Wandel betroffen waren. In Großbritannien zeigte sich, dass dort die meisten Menschen für den Brexit stimmten, wo der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren besonders schnell gestiegen war.

Nicht nur Ausmaß und Geschwindigkeit, mit der sich die Gesellschaft durch den Zuzug von Migranten diversifiziert, beeinflussen die Wahrnehmung der Menschen. Die Nähe dieses Phänomens spielt ebenfalls eine Rolle. Auch in relativ homogenen, durch die ethnische Mehrheit geprägten Stadtgebieten, steigt die Fremdenfeindlichkeit tendenziell an, sobald sie unmittelbar an Viertel grenzen, in denen viele verschiedene ethnische Gruppen leben.

Zudem werden Migrationsthemen auf nationaler Ebene von der Öffentlichkeit durchweg für problematischer gehalten als auf lokaler Ebene. Eine solche Diskrepanz in der Wahrnehmung ist in vielen Politikfeldern wie Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Gesundheit zu beobachten, wie verschiedene Umfragen von ‚Eurobarometer‘ und ‚Ipso Mori‘ zeigen. Doch beim Thema Einwanderung ist die Diskrepanz besonders groß. Das heißt, obwohl sie in ihren eigenen Städten und Stadtvierteln keine Schwierigkeiten erleben, neigen viele Menschen dazu, Migration als großes Problem anzusehen, sobald sie abstrahieren oder allgemeiner auf die nationale Ebene blicken.

Der mit der Vielzahl neuer Formate enorm gestiegene Wettbewerb der Medien – allen voran die 24-Stunden-Nachrichtenkanäle und sich viral vermehrende Informationsquellen im Internet – haben direkte Auswirkungen darauf, wie in den letzten dreißig Jahren über Migrationsthemen berichtet wurde. Tendenziell wird mit dem Thema Migration eine Krisenstimmung transportiert, als wollten sich die Medienkanäle auf diese Weise ihr Publikum sichern. Studien zeigen, dass es erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche Meinung hat, wenn bestimmte Medien Migrationsgeschichten nachteilig oder gar menschenverachtend darstellen, etwa indem die Geschichten verknüpft werden mit Themen wie Illegalität, Staatsversagen, Opferrolle, Kriminalität, Sicherheit oder kulturelle Unterschiede. Grundsätzlich haben solche Kontextualisierungen durch die ‚Zuwanderer‘, ‚Asylsuchende‘ und ‚Flüchtlinge‘ in einen Topf geworfen werden, einen direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung; dies wiederum führt häufig unmittelbar zu einer noch negativeren Wahrnehmung von Migration im Allgemeinen.

Zu einer Fragmentierung des Verständnisses kommt es auch, weil die Menschen heutzutage ihre eigenen vorgefertigten Informationsquellen so aussuchen können, dass sie ihren Ansichten entsprechen. Außerdem hat die emotionale Sprache in den sozialen Netzwerken – vor allem wenn es um Themen wie Migration geht – noch weiterreichende Folgen. So war die AfD durch die Veröffentlichung reißerischer und emotionsgeladener Facebook-Posts zum Thema Einwanderung sehr viel erfolgreicher im Netz als alle anderen Parteien bei der Bundestagswahl 2017. Dies hatte nicht nur einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahlergebnisse der AfD, sondern auch auf die Art und Weise, in der viele ihrer Facebook-Follower Migrationsthemen wahrnahmen und verstanden.

Wenn man bedenkt, dass so viele Faktoren zusammen die öffentliche Meinung zum Thema Migration – häufig negativ – beeinflussen, ist es umso wichtiger, dass Akademiker, Journalisten und Entscheidungsträger effektiver über die Tatsachen und Grundsätze kommunizieren, um unbegründete Ängste abzubauen. Dies ist essentiell, da gewisse Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterdessen kein Blatt vor den Mund nehmen und Fakten und Grundsätze unverhohlen manipulieren, um Ängste im Zusammenhang mit Migration zu schüren.

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