“Die Qualität von Leben ist wichtiger als die Quantität”

Ein Interview mit Mikko Myrskylä, dem neuen Direktor des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung in Rostock, über das Rätsel niedriger Geburtenraten, Gleichberechtigung der Geschlechter und warum die demografische Forschung mehr auf die Lebensqualität achten sollte.

Mikko Myrskylä

Der demografische Wandel bleibt eines der großen Themen auf der politischen Agenda. In der Diskussion gelten Geburtenraten oft als das größte Problem. Zu Recht?

Mikko Myrskylä: Die öffentliche und politische Diskussion impliziert automatisch, dass es ein Problem mit dem Geburtenverhalten gibt. Aber was viele als die ideale Geburtenrate darstellen, nämlich das “Bestandserhaltungsniveau“ von ungefähr zwei Kindern pro Frau, bedeutet letztlich nur, dass die aktuellen Eltern-Jahrgänge so viele Kinder bekommen, dass sie die Elterngeneration zahlenmäßig exakt ersetzen. Wer dies erreichen will, dem geht es um die Größe von Geburtenjahrgängen unter der Annahme, dass weniger Menschen etwas Schlechtes sind. Diese Logik ist aus mehreren Gründen fehlgeleitet. Zum einen ist das Geburtenniveau nur ein Faktor, der die Bevölkerungsgröße bestimmt – neben der stark steigenden Lebenserwartung und sich verändernden Einwanderungszahlen. Außerdem konzentriert sich die öffentliche Diskussion sehr auf die Menge, also die Quantität an Leben. Stattdessen müssen wir mehr über die Qualität von Leben nachdenken.

Aber ist eine schrumpfende Bevölkerung nicht wirklich ein Problem für die Gesellschaft, besonders die Wirtschaft?

Niedrige oder abnehmende Geburtenraten haben viele Effekte. Es ist nicht unbedingt wahr, dass niedrige Geburtenraten der Gesellschaft schaden. Es lässt sich auch nur schwer argumentieren, dass eine zurückgehende Bevölkerungsgröße schlecht wäre. Einfacher ist es, Argumente zu finden, dass die Veränderung der Altersstruktur – mehr Alte und weniger Junge – ein Problem ist. Wie weit das allerdings tatsächlich zutrifft, hängt davon ab, wie gesund und produktiv die „alternde“ Bevölkerung ist. Es ist möglich, dass wir durch einen Rückgang an Geburten mehr in die Ausbildung oder das so genannte „Humankapital“ kleinerer Geburtsjahrgänge investieren können und dadurch eine produktivere Gesellschaft bekommen.

Gibt es eine Erklärung für die niedrigen Geburtenraten?

Niedrige Geburtenraten sind kein Mysterium, wenn damit gemeint ist, dass sie seit Jahrzehnten unter dem Bestandserhaltungsniveau liegen. Vor 150 Jahren waren die Kinderzahlen pro Frau sehr hoch. Dann begannen sie überall in der entwickelten Welt zu sinken, meistens nachdem zuvor die Sterblichkeit zu fallen begonnen hatte. Das nennen wir den “demografischen Übergang“.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fielen die Geburtenraten in vielen Ländern unter zwei Kinder pro Frau. Ich glaube nicht, dass sie dieses Bestandserhaltungsniveau wieder erreichen werden. In einigen Ländern ist das zwar geschehen, aber momentan sehe ich keine Kraft, die die Geburtenraten im großen Maßstab wieder so hoch treiben könnte. Jeder entscheidet für sich individuell, ob Kinder in sein Leben passen, abhängig von den persönlichen Rahmenbedingungen und Vorstellungen. Im Ganzen können diese Entscheidungen dazu führen, dass die Geburtenrate deutlich unter zwei Kindern pro Frau liegt. So haben wir das in Westdeutschland nun für ein halbes Jahrhundert beobachtet.

Verstehen wir, was junge Menschen heute vom Kinderkriegen abhält?

Leider verstehen wir weder vollständig die zeitliche Entwicklung der Geburtenraten, noch warum sie sich zwischen Ländern mit niedrigen Geburtenraten unterschieden: Warum hat Großbritannien höhere Geburtenraten als Deutschland? Warum schwankt die Rate in Schweden rauf und runter wie eine Achterbahn? Warum sind die Kinderzahlen pro Frau in Frankreich anhaltend hoch, gleichzeitig aber ziemlich niedrig in Italien und anderen Mittelmeerländern?

Man kann einfach ein wissenschaftliches Modell aufstellen, das die Unterschiede zwischen den Ländern erklärt. Ein solches Modell ist dann vollgestopft mit vielen potenziellen Begründungs-Faktoren, die alle eine Rolle spielen könnten. Aber sehr weit kommen wir damit nicht. Man muss aus der großen Zahl möglicher Gründe die Handvoll herausschälen, die wirklich wichtig sind.

Gibt es denn überhaupt eine Chance, die wirklich wichtigen Gründe für niedrige Geburtenraten dingfest zu machen?

Ja, wenn wir zweierlei beachten. Erstens: Die entscheidende Frage ist nicht, warum die Geburtenraten aus historischer Sicht niedrig sind. Aber wir wissen, dass die Leute heute weniger Kinder bekommen, als sie sich optimaler Weise wünschen. Wir müssen also die Frage beantworten, wo diese Wünsche herkommen und was die Menschen davon abhält, sie umzusetzen.

Zweitens glaube ich, dass wir die Entscheidungen für oder gegen Kinder nur verstehen können, wenn wir sie mit dem Wohlergehen der Menschen in Verbindung bringen, mit ihrer Lebensqualität. Dabei wird es sowohl auf die Lebensqualität jedes Einzelnen ankommen, als auch auf das Wohlergehen der Gesellschaft als Ganzes. Im großen Maßstab liegen die Gründe in gesellschaftlichen Strukturen, insbesondere in der Gleichberechtigung der Geschlechter und in der sozialen Entwicklung. Auf individueller Ebene sind alltägliche Faktoren wichtig, wie die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung, oder wie es die Karriere beeinflusst, wenn man sich frei nimmt, um für die Kinder da zu sein.

Wissenschaftlich stehen wir vor der Herausforderung, die gesellschaftlichen Gründe zu finden und zu operationalisieren, die die individuellen Faktoren entweder verstärken oder ihnen entgegenwirken. Beides hängt zusammen. Wir überlegen uns gerade, wie man das modellieren und simulieren kann.

Aber es gibt doch sicher schon Kandidaten, welches die wichtigen Faktoren sein könnten, die die Menschen abhalten, ihre tatsächlichen Kinderwünsche umzusetzen?

Ich glaube, dass die niedrigen Geburtenraten in Deutschland vor allem ein Ergebnis der Einschränkungen sind, die Frauen und Paare erfahren, wenn sie Familie und Job in Einklang bringen wollen. Ganz maßgeblich ist die Frage: Was passiert mit meiner Karriere, wenn ich Kinder habe? Kann ich frei nehmen, um mich um die Kinder zu kümmern? In der Praxis geht es dabei meistens um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. In Ländern, in denen Paare den Einfluss von Kindern auf die Karriere besser teilen können, weil es geschlechtergerechte Elterngeld- und Elternzeit-Regelungen gibt, scheinen die Geburtenraten höher zu sein.

Ist die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland mit seinen anhaltend niedrigen Geburtenraten ein besonders großes Problem?

Deutschland hat bei der Gleichstellung der Geschlechter immer noch Nachholbedarf. Die Politik hat Fortschritte gemacht, aber die Einstellungen der Menschen ändern sich nur langsam. Zum Beispiel ist das 2007 eingeführte Elterngeld formal völlig geschlechterneutral. Mann und Frau könnten damit genau gleich lang Elterngeldzeit nehmen, zum Beispiel beide sieben Monate lang. In der Praxis nimmt der überwiegende Anteil der Männer aber höchstens die zwei Monate, die ansonsten verfallen würden. Gleichzeitig ist es für die Frauen normal, ein ganzes Jahr bezahlte Elternzeit zu beantragen.

Immerhin nehmen immer mehr Männer in Deutschland überhaupt Elternzeit. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Doch, ist es. Aber wenn der Vater so viel Zeit nimmt wie die Mutter – was wirklich gleichberechtigt wäre –, ist er immer noch die große Ausnahme. Und weit jenseits der Normvorstellung von dem, was arbeitende Väter zu tun haben. Die Einstellungen haben sich einfach noch nicht so stark verändert. Weder die von Müttern und Vätern, noch die von Arbeitgebern.

Was sollte Deutschland für mehr Gleichstellung der Geschlechter tun? Einfach warten?

Ja, warten hilft zum Teil. Denn der Trend geht wahrscheinlich in Richtung von mehr Gleichberechtigung beim Teilen der elterlichen Aufgaben. Aber diejenigen, die Kinder wollen, fällen diese Entscheidung ja jetzt. Viele würden moderne, stärker gleichberechtigte Bedingungen also jetzt brauchen. Die Politik könnte sicherlich helfen, Barrieren beiseite zu räumen, indem sie das Elterngeld weiterentwickelt. Sie könnte es einfacher machen, Auszeitmonate zwischen Mutter und Vater nach Bedarf hin- und herzuschieben. Oder sie könnte für Mutter und Vater die gleiche Zeit vorsehen, zum Beispiel sieben oder acht Monate. Die Zeit gerechter aufzuteilen, könnte viele Eltern sehr glücklich machen. Vielleicht trauen sie sich bisher nur nicht, ihren Arbeitgeber danach zu fragen – oder ihren Partner.

Eine weitere Verbesserung des Elterngeldes könnte sein, die Deckelung bei zwei Dritteln des vorherigen Gehaltes (oder bei 1.800 Euro) aufzuheben. Solange Männer mehr verdienen als Frauen, führt diese Deckelung nämlich dazu, dass das Einkommen der Familie stärker sinkt, wenn der Mann die Auszeit nimmt. Die Obergrenze bedeutet für die jungen Eltern aber nicht nur finanzielle Schwierigkeiten während des entscheidenden ersten Lebensjahres ihrer Kinder. Der Staat gibt ihnen damit auch ein ernüchterndes Signal: Ja, wir unterstützen Euch, wenn Ihr Kinder bekommt – aber nicht voll und ganz.

Das Interview führten Annick Eimer und Björn Schwentker

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