Alternde Gesellschaften: Die Entdeckung der alten Welt

20. September 2014

Obwohl die Bevölkerung in vielen Industrienationen altert, sind die Folgen weder simpel noch unausweichlich. Ältere Arbeitnehmer sind zunehmend ebenso produktiv wie ihre jüngeren Kollegen und bleiben auch nach Erreichen des Rentenalters fit für ihren Beruf. Interdisziplinäre Forschung widerlegt Mythen und hilft, geeignete Maßnahmen für eine Anpassung an die sich verändernde Situation zu finden.

Zu verstehen, wie sich Gesellschaften anpassen, hilft mit, die schlimmsten Rückschläge zu vermeiden und sich auf die Zukunft vorzubereiten.


In den letzten Jahrzehnten hat sich die Altersstruktur der Industrienationen langsam aber stetig verändert. Die Menschen werden älter als je zuvor1. Gleichzeitig haben die Menschen im Allgemeinen weniger Kinder.

In vielen zuwanderungsschwachen Ländern nimmt die Zahl der Rentner im Vergleich zu den Lohnempfängern zu, was für Menschen jeden Alters allmählich weitreichende Konsequenzen hat. Diskussionen über Staatshaushalte und den zukünftigen Lebensstandard sind oftmals von Pessimismus geprägt.
Dieser Pessimismus ist jedoch nicht angebracht, da er auf veralteten Annahmen beruht.

Zusammenarbeit

Einer der Triumphe der modernen Medizin besteht darin, dass die Menschen heute im Allgemeinen erheblich länger gesund bleiben als selbst unsere unmittelbare Vorgängergeneration. Ökonomen beschäftigen sich aber meist eher mit den Nachteilen. Mit abnehmendem Anteil der arbeitenden Bevölkerung eines Landes sinkt auch das Arbeitskräfteangebot, d.h. es werden im Verhältnis weniger Produkte hergestellt, da mehr ältere Leute zu versorgen sind. Infolgedessen sinkt unter Umständen der Lebensstandard.

So überzeugend dieses Szenario auch klingen mag, es unterschätzt die Fähigkeit von Gesellschaften, sich dieser Herausforderung zu stellen. Derzeit treten viele Menschen in den Ruhestand, ohne dass sie es wollten oder müssten2. Die Folgen der höheren Lebenserwartung und der sinkenden Kinderzahl in Europa ließen sich nach Schätzungen durch relativ simple Veränderungen vollständig kompensieren: Studenten müssen ermutigt werden, zwei Jahre früher als heute ins Arbeitsleben einzutreten, Frauen muss eine gleichberechtigte Teilnahme am Arbeitsleben ermöglicht werden, das Rentenalter muss um zwei Jahre nach oben korrigiert werden und die Festlegung der Zahlungen aus den öffentlichen Rentenfonds muss neu definiert werden3.

Natürlich muss man bei diesen scheinbar simplen Abhilfemaßnahmen auch darauf achten, dass unterschiedliche Menschen unter unterschiedlichen Bedingungen leben. Die große Linie haben sich Politiker vieler Industrienationen jedoch auf ihre politische Fahne geschrieben. Um die praktischen Auswirkungen auf den Einzelnen vorherzusagen, sind Antworten an den Schnittstellen unterschiedlichster Forschungsgebiete gefragt: von der Ökonomie, Soziologie und Politik hin zur Medizin und dem Gesundheitswesen.

Fit für die Arbeit

Zwar nimmt die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers meist im Laufe der Zeit ab, doch heute sind die meisten Menschen in den 5-10 Jahren jenseits des aktuellen tatsächlichen Rentenalters im Großen und Ganzen gesund.

Abbildung 1: Bis weit ins Rentenalter hinein bei guter Gesundheit. Laut einer in Europa durchgeführten großen Studie fühlt sich die überwiegende Mehrzahl der 60- bis 69-Jährigen fit und gesund.

© The Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe4, Wellen 1 und 2.

In dem 2013 durchgeführten Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (SHARE, Abb. 1) wurde dieser Effekt anhand von Messungen der körperlichen Belastbarkeit sowie basierend auf Selbsteinschätzungen untersucht4. Darin gaben im Vergleich zu den 60-Jährigen bei den 69-Jährigen nur zusätzliche 7% an, durch ihr Alter in ihren Aktivitäten eingeschränkt zu sein; bezüglich der Anzahl derjenigen, die ihre Gesundheit als positiv einstuften, war der Unterschied zwischen beiden Gruppen ähnlich gering ausgeprägt. Dies entspricht in etwa der zwischen diesen Altersgruppen bestehenden mäßigen Abnahme der Greifkraft.

Doch den Durchschnittsmenschen gibt es nicht, und Vorschläge zur Anhebung des Rentenalters werden durch unterschiedliche Gesundheitsperspektiven innerhalb der Bevölkerung und insbesondere zwischen den sozioökonomischen Gruppen erschwert. Beispielsweise ist ein geringerer Bildungsgrad mit einem größeren Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfall, Diabetes und Lungenerkrankungen verbunden. Die Auswirkungen unterschiedlicher Arbeitsumgebungen auf Risikofaktoren wie Stress verkomplizieren das Bild weiter, ebenso wie die Tatsache, dass gesunde Kinder bessere Schulnoten erzielen, später höher dotierte Arbeitsplätze erhalten und weniger häufig krank werden5.

Neueste Daten zeigen jedoch, dass der Zugewinn an Gesundheit in den Vereinigten Staaten sich verlangsamt, nicht jedoch in Europa6. Eine Erklärung hierfür könnte ein wirksameres Eingreifen der Politik ermöglichen, damit mehr Menschen auch im fortgeschrittenen Alter gesund bleiben.

Herausforderungen

Die Forschung stellt die Annahme in Frage, dass die meisten Menschen im Rentenalter gesundheitlich angeschlagen sind und unproduktiv arbeiten. Aufgrund der modernen Lebens- und Gesundheitsstandards sind wir jedoch länger als je zuvor am Arbeitsplatz produktiv tätig.

Die Vorstellung, dass ältere Menschen weniger produktive Arbeitnehmer sind, ist weit verbreitet. Dies hat Folgen für die Festlegung des angemessenen Rentenalters durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Angesichts der Bedeutung und Verbreitung dieser Annahme ist die Beweislage hierfür erstaunlich dünn. Bei dem Versuch, der Beziehung zwischen Alter und Produktivität auf den Grund zu gehen, sehen sich die Forscher grundlegenden methodischen Problemen gegenüber — die Erfassung der Produktivität eines Einzelnen ist aufgrund der Komplexität der modernen Arbeitswelt naturgemäß schwierig.

Die Ermittlung der Produktivität anhand des Gehalts oder der Bewertung der Arbeitsleistung unterliegt natürlich bestimmten Einschränkungen, und unabhängig von den Messmethoden werden immaterielle Vorteile wie die Fähigkeit zur Unterweisung und Beratung weniger erfahrener Kollegen häufig nicht berücksichtigt. Darüber hinaus wird beim Vergleich der verschiedenen Unternehmen bezüglich Produktivität und Durchschnittsalter die Zunahme der Produktivität unter Umständen fälschlicherweise dem niedrigen Alter zugeschrieben, da Unternehmen bei der Expansion eher jüngere Arbeitnehmer einstellen.

Mit Hilfe komplexerer Methoden lässt sich eine Unterbewertung der Produktivität älterer Arbeitnehmer vermeiden. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass die Arbeitnehmerproduktivität bis zum Alter von 50 bis 55 Jahren ansteigt und dieses Niveau anschließend bis zum Alter von 65 gehalten wird7, 8.

Weniger Mythen, mehr Evidenz

Erfolgt keine Anpassung an diese neue Realität, wird dies eine ökonomische Stagnation und einen Rückgang des Lebensstandards zur Folge haben. Diese Entwicklung ist jedoch nicht zwangsläufig, da die Menschen heute produktiver sind und gesünder leben als je zuvor — und wir diese Gelegenheit am besten nutzen können, indem wir gewährleisten, dass sich staatliche Eingriffe an den Ergebnissen sorgfältiger Forschung bezüglich der wahrscheinlichen Auswirkungen verschiedener Strukturreformen orientieren. Nur dann kann die Gesellschaft als Ganzes von diesen Veränderungen profitieren.

In einer Synthese anderer Arbeiten zeigte ein Forschungsbericht des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik, dass weit verbreitete Vorstellungen über das Altern mit den Daten nicht übereinstimmen4. Diese Ergebnisse stellen die Vorstellung in Frage, dass alternde Gesellschaften verarmen, ältere Arbeitnehmer weniger produktiv sind, der Ruhestand stets ein Segen ist, die Beschäftigung älterer Mitarbeiter der Grund für die Jugendarbeitslosigkeit ist oder Alt und Jung bei Wahlen gegen die Interessen der jeweils anderen stimmen.

Bibliographie:

1 World Population Ageing 2013 (United Nations, 2013).

2 Gruber, J. Wise & D. A. (Eds.) Social security programs and retirement around the world (The University of Chicago Press, Chicago, 2004).

3 Börsch-Supan, A. et al. Am. Econ. Rev. 104, in press (2014).

4 Börsch-Supan, A. J. Econ. Ageing 1-2, 3-15 (2013).

5 Case, A., Fertig, A. & Paxson, C. J. Health Econ. 24, 365–389 (2005).

6 Freedman, V. A. et al. Demography 50, 661–671 (2013).

7 Börsch-Supan, A. & Weiss, M. MEA Discussion Papers 148-07 (2013).

8 Göbel, C. & Zwick, T. De Economist 160, 35–37 (2012).

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