Klimawandel: Von Kipp-Prozessen und anderen Unwägbarkeiten

12. Mai 2009

Warum es einfacher ist, Aussagen über das Klima in hundert Jahren zu machen als zutreffende Prognosen für das Wetter im nächsten Monat, erklärt Prof. Jochem Marotzke, Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie, im Interview.

Jochem Marotzke leitet am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg die Abteilung "Ozean im Erdsystem"

Herr Prof. Marotzke, das Max-Planck-Institut für Meteorologie hat vor zwei Jahren erstmals regionale Klimamodellrechnungen für Deutschland im Jahr 2100 vorgelegt. Danach kommen im wahrsten Sinne des Wortes heiße Zeiten auf uns zu.

Marotzke: Das ist klar. Es ist ja bekannt, dass sich die Welt im globalen Mittel erwärmen wird, aber von Interesse ist für die Menschen nicht, wie sich die Welt im globalen Mittel erwärmt, sondern: Was passiert in meiner Region? Inwieweit bin ich betroffen? Das sind die Fragen, die uns gestellt werden. Um solche Fragen beantworten zu können, muss man die Klimaänderungen im großen Detail darstellen können - im großen räumlichen Detail - und das ist mit unserem Modell jetzt endlich möglich.

Warum betrachten Sie in Ihren Modellen erst das kommende Jahrhundert? Eigentlich wäre es doch viel interessanter, eine Klimavorhersage für das kommende Jahrzehnt aufzustellen - das wäre so der Planungshorizont, der uns betrifft und in dem wir noch was machen können.

Marotzke: Das kommende Jahrzehnt vorherzusagen ist - so seltsam es klingt - viel schwieriger als das kommende Jahrhundert vorherzusagen. Eine Klimaprognose bis zum Ende des Jahrhunderts ist insofern einfacher als wir wissen, dass es in 100 Jahren deutlich wärmer wird als heute. Insofern haben wir zwar große Unsicherheiten bis zum Ende des Jahrhunderts, aber wir sind ganz sicher, dass wir die vom Menschen gemachte Erwärmung deutlich unterscheiden können von natürlichen Klimaschwankungen bis zum Ende des Jahrhunderts. Ganz anders sieht das aus, wenn wir uns das kommende Jahrzehnt anschauen. Über ein Jahrzehnt ist die Klimaerwärmung, die auf den Menschen zurückgeht, ungefähr so groß wie die natürliche Klimaschwankung. Wenn ich also zuverlässig etwas darüber sagen will, was in den nächsten zehn Jahren passiert, muss ich wissen, wie sich die natürliche Klimaschwankung entwickelt. Wir sind gerade jetzt soweit, das wir die Information aus Beobachtung und Modellen so zusammenfügen können, dass wir die Klimaänderungen über das nächste Jahrzehnt vorhersagen können.

Derzeit ist der Wissenschaftszug "Expedition Zukunft" in Deutschland unterwegs. Ihr Institut hat eine interaktive Station beigesteuert. Dabei geht es um Kipp-Prozesse im Klimageschehen. Was sind Kipp-Prozesse?

Marotzke: Kipp-Prozesse nennen wir solche Vorgänge, bei denen gewisse Schwellen überschritten werden. Nachdem eine Schwelle überschritten ist, verläuft das Klimageschehen vielleicht viel schneller als vorher und vor allem auf eine Weise, die nicht mehr umkehrbar ist. Ein Beispiel wäre die Eisbedeckung Grönlands. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass durch die globale Erwärmung der Eispanzer Grönlands komplett abschmelzen wird, und auch wenn die globale Erwärmung dann wieder zurückgeht - was sie bestimmt irgendwann tun wird - würde der Eispanzer nicht wieder neu wachsen. Man muss dazu sagen, wir wissen um die Möglichkeit solcher Kipp-Prozesse, aber wirklich definitiv bestätigen konnten wir bislang noch nicht, dass solche Kipp-Prozesse tatsächlich im wahren Klimageschehen vorliegen.

Trotz aller Unwägbarkeiten sind sich die Klimaforscher einig, dass wir mehr für den Klimaschutz tun müssen. Mit einem Ihrer Forscherkollegen haben Sie in einem Spiel die Bereitschaft des Einzelnen, in den Klimaschutz zu investieren, ausgetestet. Wie sahen die Ergebnisse aus?

Marotzke: Selbst dann, wenn die Spieler wussten, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr gesamtes Spielvermögen verlieren würden, wenn sie ein Klimaschutzziel verfehlen, schafften sie es oft nicht, das Klima effektiv zu schützen. Das fanden wir sehr ernüchternd. Andererseits haben wir aber auch gesehen, dass, wenn man auf geschickte Weise Eigennutz und Gemeinwohl miteinander kombinieren kann, es dann durchaus möglich ist, gemeinsame Klimaschutzziele zu erreichen. Dies wurde entscheidend durch die Reputation der einzelnen Spieler beeinflusst. Also kann man durchaus die Menschen dazu bringen, sich für das Klima zu engagieren.

Kann der Klimaexperte Prof. Marotzke optimistisch in die Zukunft schauen?

Marotzke: Die Anforderungen sind enorm, aber ich glaube doch letztendlich an die Lernfähigkeit der Menschheit und schaue von daher mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Michael Engel

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