Unerschrocken zum Touchdown

15. März 2012

Auf dem College nannten sie ihn wegen seiner Figur und seines ausgeprägten Willens einfach stump – Baumstumpf. Heute ist der ehemalige Footballspieler Samuel Young ein anerkannter Neurowissenschaftler. Mit innovativen Werkzeugen und ausgefeilten Techniken möchte er herausfinden, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren. Der Nachwuchsgruppenleiter am
Max Planck Florida Institute ist Forscher durch und durch. Doch seine Karriere verlief ungewöhnlich.

Auch Wissenschaft braucht Teamarbeit: Sam Young analysiert heute keine Spielzüge mehr, sondern Ionenströme und Potenzialänderungen.

In Nehers Labor begann Young erstmals mit jener Synapse zu arbeiten, die ihn bis heute begleitet: die Calyx von Held. Diese Riesensynapse im auditorischen Hirnstamm von Ratte und Maus erreicht bis zu 0,02 Millimeter Durchmesser. Auch hier betrat der Forscher wieder Neuland. Er musste eine neue Technik konzipieren und spezielle rekombinante Adenoviren entwickeln.

Gleichzeitig entwickelte er eine Operationsmethode, um die rekombinanten Viren gezielt in die Calyx von Held im auditorischen Hirnstamm neugeborener Ratten zu injizieren. So konnte er die Viren als Transportvehikel benutzen, um neue Gene in die Nervenzellen einzubringen, damit die molekularen Abläufe an der Synapse zu manipulieren und so Auskunft über die Funktionsweise zu erhalten.

Erfolg in letzter Minute

Die ersten zwei Jahre allerdings funktionierte kein einziger seiner Versuche.
Dann, 2007, ging Young eines Tages mit Erwin Neher zum Mittagessen und eröffnete ihm, dass, wenn das nächste Experiment nicht klappen werde, das ganze Projekt gescheitert sei. Zudem war seine Frau damals im fünften Monat schwanger – und als verantwortungsvoller Familienvater wollte Young unbedingt einen Erfolg vorweisen, der auch seine berufliche Zukunft sichern würde. Alles hing davon ab, ob die fremden Gene, die er mittels Viren in die Calyx-Synapse einbrachte, auf einem so hohen Niveau aktiviert würden, dass die molekularen Prozesse dort gestört würden.

Das entscheidende Experiment wollte er noch vor der Geburt seiner Tochter machen. Doch kurz vor der ersten elektrophysiologischen Messung ging der Mikromanipulator kaputt. So musste er sich noch ein paar Wochen gedulden: Dann aber hatte er die Synapsenfunktion erfolgreich manipuliert. Der Wissenschaftler entdeckte, dass Synaptotagmin – ein in der Zellmembran lokalisiertes Protein – hilft, synaptische Vesikel an der aktiven Zone zu positionieren und ihre simultane Freisetzung mit zu ermöglichen.

Noch bevor die Publikation erschien, machte sich Young erneut Gedanken um seine Zukunft und führte Gespräche mit mehreren Universitäten in den USA. „Die Staaten sind mein Zuhause und das meiner Familie. In Deutschland zu bleiben war deshalb keine Option.“ Ganz ging er dem Land nicht verloren – denn mit einem Mal bot sich die Gelegenheit für eine Bewerbung als Nachwuchsgruppenleiter am neu gegründeten Max Planck Florida Institute.

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