Wer sind die Ungeimpften?

Eine Studie zeigt bei älteren Menschen in verschiedenen europäischen Ländern und Israel deutliche Unterschiede in der Impfbereitschaft gegen Corona

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik hat untersucht, welche demografischen, sozioökonomischen und gesundheitlichen Faktoren bei der Entscheidung, sich gegen Corona impfen zu lassen, eine Rolle spielen. Dazu nutzten sie den Survey on Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), der in 27 europäischen Ländern und Israel Daten über die Impfbereitschaft in der Risikogruppe 50+ erhoben hat. Auffällig war, dass in Osteuropa die Impfunsicherheit und -verweigerung stärker ausgeprägt ist als in den anderen Regionen. Menschen mit geringerem Einkommen oder niedrigerem Ausbildungsniveau lassen sich seltener impfen. Zudem korrelieren die körperliche Gesundheit und die direkte Betroffenheit von Covid-19 im persönlichen Umfeld mit der Impfbereitschaft.

Deutliche Unterschiede: Eine Befragung von Menschen der Altersgruppe 50+ zeigt, dass die Impfbereitschaft in osteuropäischen und baltischen Ländern deutlich geringer ist als in den übrigen eurpäischen Staaten und Israel. 

Die Untersuchung zur Impfbereitschaft älterer Menschen basiert auf einer Befragung von rund 47 000 Personen in 27 europäischen Ländern und Israel. Dabei ergaben sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. Bis zum Erhebungszeitraum im Sommer 2021 gaben im Gesamtdurchschnitt 18 Prozent der Befragten an, nicht geimpft worden zu sein. An der Spitze stehen Malta, Dänemark und Spanien mit einem Anteil an Geimpften von über 95 Prozent in der Altersgruppe über 50, während es in Rumänien und Bulgarien nur 28 bzw. 21  Prozent waren.

Von den nicht geimpften Befragten aus allen Ländern gaben 33 Prozent an, noch unentschlossen zu sein, während 45 Prozent erklärten, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. In Rumänien und Bulgarien, den Ländern mit den niedrigsten Gesamtimpfungsraten, waren etwa 40 Prozent der Befragten unentschlossen. In Rumänien gaben 54 Prozent an,  dass sie sich überhaupt nicht impfen lassen wollen, in Bulgarien 45 Prozent.

Selbst wenn eine beträchtliche Zahl der Unentschlossenen dazu bewegt werden könnte, sich impfen zu lassen, wäre es aufgrund der hohen Zahl der Impfverweigerer sehr schwierig , in diesen beiden Ländern die Herdenimmunität durch Impfung zu erreichen. Das Gleiche gilt für andere Länder in denen der Anteil der Impfverweigerer bezogen auf alle ungeimpften Über-50-Jährigen in einem Land recht hoch ist, wie etwa auch in Lettland (46 Prozent) oder Litauen (43 Prozent).

Wirtschaftliche Situation als wesentlicher Faktor

In einem nächsten Schritt untersuchten die Forschenden die demografische, sozioökonomische und gesundheitliche Situation der Befragten, die angaben, noch unentschlossen zu sein, oder die Impfung ablehnten. Dabei fanden die Forscher heraus, dass die wirtschaftliche Situation einen sichtbaren Einfluss hat: Personen im unteren Viertel der Einkommensverteilung wollten sich häufiger nicht impfen lassen oder waren unentschlossen, während für die höheren Einkommensviertel das Gegenteil zutraf. Dieses Ergebnis wird durch die subjektive Einschätzung der Menschen gestützt: Diese wurden gefragt, wie schwer es für sie ist, „über die Runden zu kommen". Nahezu 30 Prozent der Personen, die angaben, nur „mit großen Schwierigkeiten" über die Runden zu kommen, waren unentschlossen oder lehnten die Impfung ab, während es bei denjenigen, die angaben, „leicht" über die Runden zu kommen, nur 7,8 Prozent waren. Dieses klare Muster blieb auch bei der Betrachtung der Länderunterschiede bestehen.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass der Berufsstatus einen Einfluss auf die Impfbereitschaft zeigte. Der größte Unterschied wurde zwischen den arbeitslosen Befragten, von denen 28,5 Prozent eine Impfung ablehnten oder noch unentschlossen waren, und Befragten im Ruhestand deutlich, von denen lediglich 11,5 Prozent eine Impfung ablehnten oder unentschlossen waren. Eine Erklärung kann hierbei allerdings der Alterseffekt sein, da Rentnerinnen und Rentner im Durchschnitt älter sind.

Während der Anteil der Unentschlossenen und Impfverweigerer in der Gruppe der Personen mit niedriger Schulbildung bei knapp15 Prozent liegt, beträgt er in der Gruppe der Personen mit mittlerer Schulbildung etwas mehr als 16 Prozent, in der Gruppe der Personen mit höherer Schulbildung jedoch nur gut 9 Prozent. Die Unterschiede sind also am deutlichsten , wenn man die höher Gebildeten mit den beiden anderen Gruppen vergleicht. Personen mit mittlerem Ausbildungsniveau stehen der Impfung am skeptischsten gegenüber. Dieser Befund war in Bulgarien, Rumänien und der Slowakei am stärksten ausgeprägt.

Einflüsse von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand

Auch das Alter spielt eine Rolle: Personen zwischen 50 und 65 Jahren lehnen den Impfstoff eher ab als ältere Befragte, dies gilt für fast alle Länder. Auch das Geschlecht hat in den meisten Ländern einen Einfluss: Frauen sind eher zögerlich als Männer. Im Durchschnitt sind 14,5 Prozent der Frauen unentschlossen oder lehnen die Impfung ab, während es bei den Männern knapp 13 Prozent sind. Aber das gilt nicht für alle Länder: In Ungarn, Portugal und der Schweiz gaben mehr Männer an, noch unentschlossen zu sein oder sich nicht impfen zu lassen.

Was den Gesundheitszustand betrifft, so war die Wahrscheinlichkeit, dass Befragte ohne diagnostizierte körperliche Krankheit unentschlossen waren oder sich nicht impfen lassen wollen, mit knapp 17 Prozent höher als bei Befragten mit mindestens einer diagnostizierten Krankheit (12,4 Prozent). Dieser Unterschied war am stärksten in Ungarn, Litauen, Luxemburg und der Schweiz zu beobachten.

Personen, die an Covid-19 erkrankte Menschen kennen, lassen sich eher impfen

Die Forscher fanden zudem einen Unterschied zwischen den Personen, die angaben, niemanden zu kennen, der an COVID-19 erkrankt ist, und denen, die jemanden kennen. Von denjenigen, die keine Betroffenen kennen, gaben rund 15 Prozent an, unentschlossen oder nicht bereit zu sein, sich impfen zu lassen. Dieser Anteil sinkt um einen Prozentpunkt, wenn die Personen jemanden kennen, der leicht erkrankt war (keine Symptome oder positiver Test) und erreicht den Wert von gut 10 Prozent bei Personen, die jemanden kennen, der schwer an COVID-19 erkrankt ist. 

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