Auge in Auge mit einer 350 Jahre alten Kuh

Ein wissenschaftliches Fotoshooting führt historische Präparate und das Originalmikroskop eines frühneuzeitlichen Forschers zusammen

24. Oktober 2019

Eine Fotokampagne wirft neues Licht auf die Entdeckungen eines frühneuzeitlichen Forschers, indem sie den Blick durch sein Originalmikroskop auf die historischen Präparate visuell dokumentiert. Die vielleicht frühesten erhaltenen mikroskopischen Objekte – Präparate des niederländischen Naturforschers Antoni van Leeuwenhoek aus dem 17. Jahrhundert – wurden für eine Fotokampagne mit einem seiner Originalmikroskope wieder zusammengeführt. Durch dieses Projekt konnten Wissenschaftshistoriker, den Blick der Wissenschaft zur damaligen Zeit nachvollziehen und erstmals in digitalen Filmen und mit hochauflösenden Farbfotos festhalten.

Unbekannter Künstler für Antoni van Leeuwenhoek. Querschnitt des Sehnervs einer Kuh, 4. Dezember 1674. Graphit und Tinte auf Papier. 303 x 215 mm. London, Archiv von The Royal Society, EL/L1/9

Der in Delft lebende Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) war einer der ersten, der Mikroskope ernsthaft nutzte. Er war bekannt dafür, dass er leistungsstarke Instrumente mit nur einer Linse nutzte, die es ihm ermöglichten, Präparate aus der Natur bis in die Größenordnung von einigen großen Bakterien zu beobachten. Als Nachweis für seine Beobachtungen aus den 1670er und 1680er Jahren, die er in Briefen an die Londoner Royal Society berichtete, schickte er eine Vielzahl seiner Proben mit: Sehnerven von Kühen, Teile von Kork und Holunder sowie "getrockneter Schleim aus einem Fass".

Im September 2019 wurden diese Materialien in ihren Originalverpackungen von der Royal Society über die Nordsee nach Leiden und ins Rijksmuseum Boerhaave, das niederländische Nationalmuseum für Wissenschafts- und Medizingeschichte, überführt und mit einem originalen Leeuwenhoek-Mikroskop zusammengeführt. Das Museum bot die Möglichkeit, unter dem Originalmikroskop zu fotografieren und bewegte Bilder aufzunehmen.

Organisatorin dieser Zusammenführung war Wissenschafts- und Kunsthistorikerin Sietske Fransen, Leiterin der Max-Planck-Forschungsgruppe "Visualizing Science in Media Revolutions" in der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte. Sie leitete die wissenschaftliche Auswertung der historischen Briefe von Leeuwenhoek, während der Fotograf Wim van Egmond und der Kurator des Rijksmuseums Boerhaave, Tiemen Cocquyt, mit der äußerst heiklen Aufgabe betraut waren, die Dreharbeiten durch das originale Silbermikroskop durchzuführen. Durch die Kombination von Wort und Bild erhofft sich das Team ein besseres Verständnis der bahnbrechenden Beobachtungen von Leeuwenhoek.

Querschnitt des Sehnervs einer Kuh. Dieses zusammengesetzte Bild wurde mithilfe der focus stacking-Technik aufgenommen, einer Kombination aus fotografischer Aufnahme- und digitaler Bildbearbeitungstechnik, mit der sich eine besonders hohe Tiefenschärfe erzeugen lässt.

Sachiko Kusukawa, Professorin am Trinity College der Universität Cambridge und Principal Investigator des Projekts "Making Visible", das sich dem Verständnis der illustrativen Praktiken der frühen Royal Society widmet, lobt die gute Kooperation: "Dieses Projekt ist Ergebnis eines Netzwerks von Wissenschaftlern. Hier wird deutlich, was durch echte europäische Zusammenarbeit erreicht werden kann, dank der Royal Society, des Rijksmuseum Boerhaave, der University of Cambridge und der Bibliotheca Hertziana – Max Planck Institut für Kunstgeschichte."

Auch wenn Antoni van Leeuwenhoeks Proben zuvor schon bildlich erfasst wurden, kamen hier zum ersten Mal neueste digitale Techniken bei den erhaltenen Präparaten zum Einsatz. Jedes Teil wurde mit Standbildern aufgenommen, bevor es mit einer modernen Kamera unter einem originalen Leeuwenhoek-Mikroskop gefilmt wurde. Diese bewegten Bilder ermöglichen es den Forschern, die sich ändernden Lichtverhältnisse und die Orientierung der Proben so zu reproduzieren, wie es mit einem der tragbaren Geräte von Leeuwenhoek möglich war. Es ist die bisher beste Nachbildung der historischen Arbeitsbedingungen des niederländischen Naturforschers.

Jan Verkolje, Porträt von Antoni van Leeuwenhoek, 1686. Mezzotint. 296 × 227 mm. London, Archiv der Royal Society.

Antoni van Leeuwenhoek wurde 1632 in der niederländischen Stadt Delft geboren, wo er lebte und arbeitete. Sein Interesse an der Herstellung optischer Linsen wurde möglicherweise dadurch angeregt, dass er als Textilhändler das Gewebe der Stoffe genauer betrachten wollte. So begann er, selbst Linsen anzufertigen und spezielle Mikroskope mit nur einer Linse zu bauen. Bei diesen kleinen Instrumenten war die Linse in Silber- oder Messingplatten befestigt. Die Proben wurden in eine ausgeklügelte Stift- und Schraubenanordnung eingespannt und das Instrument dann dicht vors Auge gehalten. Damit hatte van Leeuwenhoek ein leistungsstarkes Forschungsinstrument entwickelt. Nur wenige seiner Mikroskope sind heute noch erhalten. Sie gehören zu den Schätzen der frühneuzeitlichen Wissenschaft in europäischen Museen.

Leeuwenhoek schickte seine vielen Beobachtungen an die Royal Society in London zur Veröffentlichung in der Zeitschrift Philosophical Transactions. Leeuwenhoek verfasste die Beschreibungen selbst, er arbeitete aber auch mit Künstlern zusammen, um das, was er sah, in Zeichnungen festzuhalten, die anschließend zur weiteren Vervielfältigung gestochen wurden. In einem Zeitraum von fünfzig Jahren, zwischen den 1670er und 1720er Jahren, war Leeuwenhoek der erste oder einer der ersten, der neue Aspekte des Lebens sah: Er beschrieb "Tierkapseln" (Mikroorganismen wie Rädertierchen), menschliche und tierische Spermien und er untersuchte die Struktur von Pflanzen. Leeuwenhoek wurde 1680 Fellow der Royal Society.

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