"Geduld zahlt sich aus"

15. November 2018

„Weiter, immer weiter!“ hieß die Devise des Nationaltorwarts Oliver Kahn. Matthias Sutter vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn hat das, was Erfolg ausmacht, nun wissenschaftlich untersucht und Erfolgsbedingungen definiert, die von Kahns Motto gar nicht so weit entfernt sind. Welche Eigenschaften jemand mitbringen muss und wie man sie am besten lernt, erklärt er im Interview.

Matthias Sutter, 50, ist seit August 2017 Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern Bonn. Der Österreicher forscht im Kernbereich Experimentelle Wirtschaftsforschung mit den Schwerpunkten Teamentscheidungen und Entwicklung des ökonomischen Entscheidungsverhaltens bei Kindern und Jugendlichen.

Herr Sutter, Sie sagen: Erfolg hat, wer geduldig ist. Sind Sie ein geduldiger Mensch?
Beim Verfolgen meiner wissenschaftlichen Projekte auf jeden Fall. Und darauf kommt es beruflich an. Beim Zusammenbauen von Ikea-Schränken deutlich weniger. Dort muss ich noch an Geduld arbeiten.

Was ist eigentlich „Geduld haben“?

Beim Abwägen zwischen einer kleineren Belohnung in der Gegenwart und einer größeren Belohnung in der Zukunft jene in der Zukunft zu wählen.

Warum ist Geduld für den beruflichen Erfolg überhaupt wichtig?

Wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, ist Geduld ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt. Konkret hilft Geduld beim Verfolgen langfristiger Ziele und sie lässt einen auch weitermachen, wenn es einmal nicht so glatt läuft. Beruflicher Erfolg stellt sich aber fast nie über Nacht ein, sondern braucht langfristiges Durchhaltevermögen. Dabei hilft Geduld.

Geduld und Leistungsbereitschaft: Inwiefern hängt das zusammen?

Ohne Leistungsbereitschaft nutzt Geduld auch nichts. Sonst wird sie zu „Kohl‘schem Aussitzen“, indem man einfach hofft, dass sich die Probleme von selbst erledigen. So ist Geduld nicht gemeint, sondern man muss aktiv an der Verwirklichung langfristiger Projekte arbeiten.

Wovon hängt die Ausdauer bei der Bewältigung schwieriger Probleme ab?

Diverse Studien zeigen, dass Ausdauer leichter fällt, wenn es verlässliche Rahmenbedingungen gibt, weil man dann mit hinreichend hoher Wahrscheinlichkeit erwarten kann, dass sich der Einsatz auszahlt, auch wenn schwierige Probleme zu bewältigen sind. Außerdem ist natürlich Frustrationstoleranz wichtig, denn bei größeren Projekten gibt es immer wieder auch Phasen mit Fehlschlägen.

In Ihrem Buch sagen Sie: „Ausdauer schlägt Talent! Und: „Alle denken, Erfolg hängt allein von der Intelligenz oder der familiären Herkunft ab. Dabei ist Beharrlichkeit mindestens ebenso wichtig.“ Ist das nicht nur ein Mutmacher-Satz für sozial Benachteiligte?

Nein, in keiner Weise. Ausdauer und Beharrlichkeit beim Verfolgen von Zielen kann Startnachteile bei IQ und familiärem Hintergrund wettmachen. Darum ist es so bedeutsam, jungen Menschen in Schulen die Fähigkeit zu Geduld beizubringen. Daraus folgt nämlich, dass die Bildungspolitik Möglichkeiten hat, die Startnachteile von Kindern aus schwächeren Familien auszugleichen oder zumindest zu verringern.

„Erfolg oder Misserfolg haben“ zeigt sich also schon im frühen Alter. Wie?

Das darf man nicht zu sehr auf Schwarz-Weiß, also Erfolg und Misserfolg, reduzieren. Ausdauer und Geduld, die sich im frühen Alter ausprägen, helfen im weiteren Leben sehr stark. Sie machen Erfolg wahrscheinlicher. Das ist jedoch lediglich eine statistische Aussage und gilt nicht für jeden.

Warum ist die Geduld heute aus der Mode geraten?

Tja, unter anderem, weil uns die Werbung einbläut, dass wir alles sofort haben müssen. Wer wartet da schon gerne auf etwas und übt sich in Geduld?

Wie können ungeduldige Kinder Geduld lernen?

Eine aktuelle Studie der beiden Forscher Sule Alan und Seda Ertac zeigt, dass Kinder profitieren können, wenn sogenannte Szenario-Techniken im Lehrplan verwendet werden. Dabei müssen sie sich zwei potenzielle Szenarien so anschaulich wie möglich vorstellen und dann beide Szenarien bewerten. In einer Situation spart ein Kind sein gesamtes Taschengeld, um sich in einem halben Jahr ein Fahrrad leisten zu können, um den mühsamen Schulweg zu verkürzen. In dieser Zeit kann sich das Kind aber keine sonstigen Vergnügungen leisten, zum Beispiel einen Kinobesuch.

Gleichzeitig gibt es ein anderes Szenario, in dem das Kind nur wenig spart, den üblichen Vergnügungen nachgeht, aber nach einem halben Jahr kein Fahrrad und weiterhin einen mühsamen Schulweg hat. Die Szenario-Technik verlangt dann, dass man die beiden möglichen Situationen nach einem halben Jahr beschreibt und sich hineinversetzt, wie zufrieden man mit der jeweiligen Situation wäre. Das kann die Zukunftsorientierung von Kindern nachweislich stärken.

Was meinen Sie mit  „Zukunftsorientierung“?

Unter Zukunftsorientierung versteht man, dass Kinder, nachdem sie sich in solche Szenarien hineinversetzt haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit elf Euro morgen als zehn Euro heute wählen.

Wie läuft das Geduldlernen bei Erwachsenen ab?

Bei Erwachsenen hilft oft Selbstbeschränkung. Beispielsweise hat mir eine Journalistin einmal erzählt, dass sie von September bis Juni immer einen fixen Betrag auf ein „Urlaubs-Sparbuch“ abbuchen lässt und dann mit den Erträgen im Sommerurlaub schön essen geht. Wenn sie das nicht täte, wäre das Geld sonst am Ende des Monats verbraucht.

Und wie ist es letztlich bei Ihnen: Was sind Ihre Erfolgsfaktoren?

In meinem Fall würde ich sagen, dass es großer Fleiß und Beharrlichkeit beim Verfolgen meiner Ziele sind. Darüber hinaus glaube ich, dass ich in Teams gut arbeiten und Teammitglieder für die gemeinsamen Projekte begeistern kann. Dass mir bei all dem eine schnelle Auffassungsgabe hilft, ist erfreulich, damit alleine wäre ich aber sicher nicht so erfolgreich gewesen.

Herr Sutter, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Martin Roos

BA

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