„Der Bedarf von Kommunen ist enorm“

Der globale Klimawandel hat mehr Einfluss auf regionale Wasserressourcen, auf die Energie- und Landwirtschaft in Deutschland als bislang angenommen.

27. März 2017

Die Auswirkungen, die in einzelnen Regionen schon deutlich spürbar sind, stellen Behörden, Industrie und Landwirtschaft vor neue Herausforderungen: Wie können sich Städte auf künftige Hochwasser einstellen? Wie planen Energieversorger mit erhöhten Wassertemperaturen, wenn es gilt Atomkraftwerke zu kühlen? Wie lässt sich der Wasserbedarf in der Landwirtschaft reduzieren? Diese Fragen adressiert ein neuer Bericht des Climate Service Center Germany (GERICS), der klimatische Studien der Jahre 2009 bis 2013 zusammenfasst. Wir sprachen dazu mit Stefan Hagemann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, der in dem interdisziplinären Team aus Naturwissenschaftlern, Ökonomen und Bauingenieuren mitgearbeitet hat.

Tobias Stacke, Stefan Hagemann und Tanja Blome (von links) haben das Zusammenspiel zwischen Wasserkreislauf und Klima erforscht.

An wen richtet sich die Studie?

Stefan Hagemann: Die Empfehlungen des Berichts stellen eine Hilfestellung für Entscheidungsträger dar, die sich mit den Folgen des Klimawandels auf Flüsse, Seen und Moore in Deutschland beschäftigen. Das sind vor allen Akteure in Wasserwirtschaftsämtern, in Energie-Unternehmen oder Umwelt- und Naturschutzbehörden. Wir liefern Hilfestellungen und transportieren die Erkenntnisse der Wissenschaft in die Praxis.

Wie hoch ist der Bedarf nach Beratung?

Er ist enorm. Entscheidungsträger haben selten Zeit, sich durch meteorologische Messreihen zu arbeiten oder wissenschaftliche Publikationen zu lesen. Grafische Darstellungen, Diagramme und konkrete Beispiele im Bericht erleichtern eine schnelle Einarbeitung ins Thema. Gleichzeitig erklären wir die Modelle und Unsicherheiten, mit denen Klimaprojektionen behaftet sind.

Wie hoch sind die Unsicherheiten?

Während das Wetter nur etwa zehn Tage in Voraus vorhergesagt werden kann und schon geringe Änderungen dazu führen, um vollständig andere Ergebnisse zu erzielen, werden regionale Klimaprojektionen mit Modellketten des globalen und regionalen Klimasystems erstellt. Mit diesen globalen und regionalen Klimamodellen können die Veränderungen der Energiebilanz der Erde und die Auswirkungen auf die Zirkulation in der Atmosphäre in Wechselwirkung mit dem Ozean, dem Meereis, dem Land und weiteren Komponenten des Klimasystems ermittelt werden.

Je weiter der simulierte Zeitraum in die Zukunft reicht, desto mehr werden die Ergebnisse durch externe Faktoren wie solare Einstrahlung oder anthropogene, das heißt Menschen gemachte, Faktoren wie Emissionen und Landnutzung beeinflusst. Um die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten zu untersuchen, werden verschiedene Annahmen zur Entwicklung der Bevölkerung, der Technologie und Wirtschaft gemacht, auf deren Basis Veränderungen der Atmosphäre abgeleitet werden.

Wie sicher sind Klimaprojektionen überhaupt?

Die Aussagen sind belastbarer als man denkt. In der Klima- und Klimafolgenforschung ist es „Stand der Wissenschaft“, dass man nur anhand aller verfügbaren, plausiblen Klimasimulationen robuste Aussagen über Klimaveränderungen trifft. Deshalb gibt man nicht nur einen einzelnen Wert für eine zukünftige Entwicklung an, sondern Bandbreiten möglicher Entwicklungen. Dadurch können sowohl Einschätzungen über maximale und minimale Änderungsmöglichkeiten erfolgen, aber auch durchschnittlich zu erwartende Änderungen für ein gegebenes zukünftiges Emissions-Szenario abgeleitet werden.

Ist permanentes Monitoring entscheidend für eine gute Datenlage?

Regelmäßiges Monitoring ist entscheidend, um die Klimamodelle zu evaluieren. Die Datenlage in Deutschland ist hier sehr gut. Besonders an den Flüssen gibt es zahlreiche Messstationen, die hydrologische Daten bereits über lange Zeiträume erheben. So ist es uns möglich, valide Aussagen über mögliche Hochwasserrisiken und mögliche Trockenperioden an Rhein, Elbe und Donau zu treffen. Darüber hinaus können wir auf die Messungen des Deutschen Wetterdienstes zurückgreifen.

Da Extremwetter-Ereignisse jedoch nicht an Ländergrenzen halt machen, ist es wichtig, dass auch Einzugsgebiete mit berücksichtigt werden. Hier ist es nötig, dass alle Anrainer-Staaten über ein gutes Netz an Messstationen verfügen und Daten austauschen, um in Krisensituationen gewarnt und gewappnet zu sein.

Herzlichen Dank für das Interview!

Das Gespräch führte Barbara Abrell

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