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Wolfgang Fiedler, Ornithologe an der Vogelwarte in Radolfzell, plädiert für mehr Forschung, um Übertragungswege besser zu verstehen.

„Wir wissen noch viel zu wenig über die Vogelgrippe“

22. Dezember 2016

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Auf einem Blick

Fakten zur Vogelgrippe

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick

 

Vogelgrippe, Geflügelpest, Aviäre Influenza ... was ist was?

Was bedeuten H und N bei den Virusbezeichnungen?

Wie breiten sich die Viren aus?

Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für den Mensch?

Wann droht eine Pandemie?

Was ist auf Reisen zu beachten?

Weitere Informationen

Vogelgrippe, Geflügelpest, Aviäre Influenza ... was ist was?

Die drei Namen stehen für dieselbe Krankheit. Oder besser gesagt, denselben Krankheitskomplex: Denn ‚die‘ Vogelgrippe gibt es nicht.

Vogelgrippe wird durch Influenzaviren vom Typ A verursacht. Wildvögel, in erster Linie Wasservögel, tragen die Viren in sich, meist im Magen-Darmtrakt aber auch in den Atemwegen, und erkranken selbst nicht oder nur sehr schwach daran. Die Viren liegen in einer niedrig pathogenen Form vor (NPAI, niedrig pathogene aviäre Influenza).

Man nimmt an, dass diese wenig ansteckenden Viren auf Hausgeflügel übertragen werden können und dann unter engen Kontakten zwischen den Individuen zu hochpathogenen, aggressiven Formen (HPAI) mutieren können. Werden diese wieder auf Wildvögel übertragen, können diese über den Vogelzug weiterverbreitet werden. Oft sterben dann auch sehr viele Wildvögel an den Erregern, aber längst nicht alle, die sich mit dem Virus infiziert haben. 

Was bedeuten H und N bei den Virusbezeichnungen?

Influenza-A-Viren werden nach ihrer Struktur benannt und in Subtypen unterteilt. Sie unterscheiden sich in ihren Oberflächenproteinen: H steht für Hämagglutinin- und N für Neuraminidase-Proteine.

Man kennt 16 verschiedene H- und neun verschiedene N-Subtypen, aus denen sich zahlreiche Kombinationen ergeben können:

  • H1, H2, H3 sind die Erreger der humanen Grippe.
  • Die Subtypen H5 und H7 lösen die Vogelgrippe aus, die vor allen Hausgeflügel befällt.
  • Wildvögel sind ein Reservoir für alle diese Influenzaviren.

Einige Typen des Influenza A-Virus treten artspezifisch beispielsweise bei Schweinen, Walen, Pferden, Seehunden und beim Menschen auf.

Wie breiten sich die Viren aus?

Aviäre Influenza-A-Viren werden vor allem über Kot infizierter Vögel ausgeschieden und können dann im Wasser oder feuchtem Schlamm ihre Pathogenität über längere Zeit behalten. Über den Mund und die Nasenöffnungen infizieren sie das nächste Tier, nisten sich dort in die Schleimhäute ein und vermehren sich weiter.

In der Praxis bedeutet dies, dass Viren beispielsweise mit dem Kot ins Wasser abgegeben werden und dann von anderen Individuen wieder aufgenommen werden. Darüber hinaus ist eine Infektion über das Einatmen von virenbelastetem Staub oder durch Tröpfcheninfektion möglich.

Influenza A-Viren kursieren üblicherweise innerhalb einer Art, können aber die Artgrenze überspringen und z.B. vom Menschen auf Schweine oder wie im aktuellen Fall von Wildvögeln auf Hausgeflügel übertragen werden. Auch der umgekehrte Weg ist möglich.

Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für den Mensch?

Der Subtyp H5N8, der derzeit in Deutschland kursiert, wurde weltweit schon bei verschiedenen früheren Ausbrüchen nachgewiesen. Menschen sind dabei noch nie erkrankt. Infektionen können allerdings auch nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden.

Das Influenza-A-Virus H5N1 hingegen kann bei Menschen eine schwere Erkrankung und Lungenentzündung hervorrufen. Es stammt von infiziertem Geflügel und kann über engen Kontakt mit diesem in Einzelfällen auf den Menschen übertragen werden.

Vorsicht ist vor allem in diesem Fällen geboten:

  • Bei direkten Kontakt von Vogel und Mensch, z.B. in Geflügelbetrieben oder beim Umgang mit toten Vögeln.
  • Beim Umgang mit Zwischenwirten, z.B. Schweinen. Bisher waren sämtliche Fälle, in denen es zu einer Ansteckung mit dem H5N1-Erreger kam, mit sehr engem Kontakt mit Hausgeflügel oder Schweinen verbunden. Die Infektion von „Unbeteiligten“, z.B. durch den Aufenthalt in der Nähe von Geflügelfarmen, wurde bisher nie beschrieben.
  • Beim Verzehr von Geflügelfleisch oder Eiern.

Auch wenn Übertragungen über Lebensmittel sehr unwahrscheinlich sind, sollten Speisen während eines H5N1-Ausbruches mindestens fünf Minuten über 70 Grad erhitzt werden.

Wann droht eine Pandemie?

Genetische Informationen von Influenzaviren können sich zu einem neuen Virus mischen, wenn zwei Viren, die eigentlich in unterschiedlichen Arten vorkommen, zum Beispiel im Schwein und im Menschen, in einem Organismus zusammentreffen. Dies kann ebenfalls durch kontinuierliche Mutationen eines Virus geschehen.

Mit seinen neuen Oberflächeneigenschaften würde ein solches Virus beim Menschen auf ein Immunsystem treffen, das auf diesen Erreger überhaupt nicht oder völlig unzureichend vorbereitet wäre. Löst das neue Virus Krankheitssymptome aus und kann es leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, zum Beispiel durch Händeschütteln oder Niesen, droht eine Pandemie: Sehr viele Menschen würden innerhalb kürzester Zeit weltweit erkranken.

Da Wissenschaftler die Eigenschaften eines solchen neuen Virus nicht vorhersagen können, ist die Entwicklung eines spezifischen Impfstoffs nicht möglich. Ebenfalls nicht vorhersagbar ist, wo eine solche Vermischung stattfinden könnte.

Für Beunruhigung sorgt seit Längerem die Tatsache, dass in Schweinen in Südchina, einem der Hauptausbruchsgebiete des hochinfektiösen H5N1-Types, zugleich der Humangrippe-Erreger H3N2 vorkommt. Das Risiko, dass hier beide Viren aufeinandertreffen und sich das Erbgut mischt, ist dadurch deutlich erhöht.

Was ist auf Reisen zu beachten?

Fernreisende, die in Länder mit H5N1-Fällen reisen, sollten sich vorab über die aktuelle Situation vor Ort informieren, z.B. über die Internetseiten des Auswärtigen Amtes, der WHO, des Robert-Koch-Institutes oder des Friedrich-Löffler-Institutes.

  • Generell gilt es, Kontakt zu Geflügel und Schweinen auf Märkten oder Farmen zu vermeiden und sich regelmäßig die Hände zu waschen.
  • In betroffene Regionen sollten darüber hinaus Desinfektionsmittel, Fieberthermometer und gegebenenfalls antivirale Medikamente mitgenommen werden.
  • Bei Symptomen, die einen Verdacht auf Vogelgrippeinfektion begründen, muss sofort ein Arzt aufgesucht und die Botschaft eingeschaltet werden.
  • Der Abschluss einer Zusatzversicherung für den Rücktransport im Erkrankungsfall kann sinnvoll sein.
  • Nach der Rückkehr sollte für zehn Tage auf Symptome und Körpertemperatur geachtet werden und im Verdachtsfall umgehend ein Arzt aufgesucht werden.
  • Es gilt ein absolutes Importverbot für Vögel, Federn oder Eier.

Weitere Informationsquellen

Friedrich-Löffler-Institut (FLI)

Robert-Koch-Institut (RKI)

Bundesamt für Risikobewertung (BFR)

Landesbund für Vogelschutz (LBV)

BA

 
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