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Prof. Dr. Peter Berthold
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Der Autor

Peter Berthold

Jahrgang 1939, studierte Biologie, Chemie und Geografie. Im Jahr 1972 habilitierte er sich an der Universität Konstanz. 1998 wurde er als Direktor an das Max-Planck-Institut für Ornithologie berufen und war bis zu seiner Emeritierung 2004 Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Im Jahr 2005 wurde er in den Stiftungsrat der Heinz Sielmann Stiftung aufgenommen. Berthold engagiert sich für den Naturschutz und zählt zu den führenden Wissenschaftlern der Vogelzugforschung.

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Rote Listen für mehr Vogelschutz

16. Mai 2017

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Ökologie

Jeder Gemeinde ihr Biotop

Deutschland bietet immer weniger Tieren und Pflanzen Lebensraum und Nahrung – ein bundesweiter Biotopverbund soll deshalb den rasanten Rückgang der Artenvielfalt stoppen

16. Mai 2017

Deutschland hat innerhalb weniger Jahrzehnte einen Großteil seiner Pflanzen und Tiere verloren, vor allem bei Vögeln und Insekten sind die Rückgänge erschreckend. Schon Anfang der 1960er Jahre warnte die US-Biologin Rachel Carson in einem Buch vor einem stummen Frühling. Ein halbes Jahrhundert später könnte diese Vision Realität werden, wenn wir der Natur nicht wieder Raum zur Entfaltung zu geben.

Text: Peter Berthold

Ein Drittel aller Amphibien in Deutschland ist bedroht. Der Laubfrosch beispielsweise steht in vielen Teilen Deutschlands kurz vor dem Aussterben. Gefährdet wird er vor allem durch intensive Landwirtschaft, durch das Ausssetzen von Fischen und die Zerstörung von Feuchtgebieten. Bild vergrößern
Ein Drittel aller Amphibien in Deutschland ist bedroht. Der Laubfrosch beispielsweise steht in vielen Teilen Deutschlands kurz vor dem Aussterben. Gefährdet wird er vor allem durch intensive Landwirtschaft, durch das Ausssetzen von Fischen und die Zerstörung von Feuchtgebieten.

In diesem Frühling zwitschern wieder die Vögel, die Blumen blühen und die Insekten summen – die Natur in Deutschland scheint also in Ordnung. Doch der Schein trügt. Drei Beispiele: Rund die Hälfte der Grundwasservorräte in Deutschland ist inzwischen so hochgradig mit Stickstoff vor allem aus der Landwirtschaft belastet, dass ungewiss ist, ob wir es in einigen Jahrzehnten noch ohne aufwändige Aufbereitung zu uns nehmen können. Von den selbstgesteckten Zielen zum Kampf gegen den Klimawandel sind wir immer noch weit entfernt. Und geradezu dramatisch schlecht steht es um den Erhalt der Artenvielfalt.

Die vielfach zitierte Biodiversitätskrise ist längst zu einer für uns lebensbedrohlichen Biodiversitätskrankheit geworden. Sie hat inzwischen derartige Ausmaße angenommen, dass sie selbst von Politikern kaum angesprochen wird – aus gutem Grund: Ernsthaft diskutiert würde schnell klar, dass wir unseren auf Raubbau an der Natur fußenden Wohlstand schlagartig stark reduzieren und für den Erhalt der für unser Überleben notwendigen Artenvielfalt Milliarden Euro aufwänden müssten. Solche Konsequenzen möchte kein Politiker, der wiedergewählt werden möchte, seinen Wählern zumuten!

Dramatische Rückgänge bei Vögeln und Insekten

Monokulturen prägen heute vielerorts die Landschaft in Deutschland. Solche Flächen werden intensiv gedüngt und mit Insekten- und Pflanzenvernichtungsmitteln besprüht. Wildpflanzen und -tiere gibt es hier kaum noch. Bild vergrößern
Monokulturen prägen heute vielerorts die Landschaft in Deutschland. Solche Flächen werden intensiv gedüngt und mit Insekten- und Pflanzenvernichtungsmitteln besprüht. Wildpflanzen und -tiere gibt es hier kaum noch. [weniger]

Dabei ist die Lage inzwischen so dramatisch, dass der Fortbestand von mehr als der Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten in Deutschland fraglich bis unwahrscheinlich ist. Im Vergleich zum Jahr 1800 leben heute 80 Prozent weniger Vögel in Deutschland, allein seit 1965 ist die Individuenzahl der Vögel in einer Art galoppierender Schwindsucht um 65 Prozent zurückgegangen. Von unseren 268 Brutvogelarten sind zehn bereits ausgestorben, 20 Arten sind in den letzten 25 Jahren um mehr als 50 Prozent geschrumpft. Über die Hälfte der heute noch in Deutschland brütenden Vogelarten nimmt im Bestand ab, darunter sind selbst ehemalige Allerweltsarten wie Star und Spatz. Bei einigen einst häufigen Arten wie dem Braunkehlchen und Rebhuhn sind über 90 Prozent verschwunden – sie sind in den meisten Gebieten ihrer ehemaligen Verbreitung inzwischen ausgestorben.

Damit könnte es bald mehr Menschen als Vögel im Lande geben. Und kaum zu glauben: Sogar das einstige Milliardenheer von Insekten haben wir binnen 30 Jahren um unglaubliche 80 Prozent dezimiert. Die früher bei Fahrten im Sommer regelmäßig mit aufgeprallten Insekten zugekleisterten Windschutzscheiben, die heute kaum noch betroffen werden, geben beredtes Zeugnis davon.

Hauptursachen für diese katastrophalen Artenverluste sind die Intensivierung der Landwirtschaft (auf rund der Hälfte unserer Landesfläche), Flächenverlust durch Überbauung, Besiedlung und Verkehr (auf etwa 15 Prozent) sowie andere Nutzungsformen auf rund 95 Prozent der Fläche. Bei Insekten kommen noch Auswirkungen der flächendeckenden Lichtverschmutzung hinzu.

Bisher ist es nicht gelungen, den Artenschwund zu stoppen – weder durch Naturschutzgesetze, Verordnungen, Einrichtung von Schutzgebieten usw. Die Roten Listen gefährdeter Arten werden jedes Jahr länger. Nur wenige Arten wie Biber, Luchs, Wolf, Kranich, Seeadler und Wanderfalke haben sich in den letzten Jahren wieder vermehrt oder neu angesiedelt.

Diese Entwicklung ist nicht nur für Naturfreunde beklagenswert, die Menschheit als Ganzes wird darunter zu leiden haben. Ohne Vielfalt an wildlebenden Arten und gezüchteten Sorten lassen sich die für uns als Lebensgrundlage erforderlichen Kulturen von Wiesen, Getreide, Mais, Kartoffeln, Gemüse, Obst- und Weinplantagen als Mini-Ökosysteme auf Dauer nicht erhalten und stabilisieren. Schon teilweise Zusammenbrüche dieser Kulturen können für Millionen von Menschen den Hungertod bedeuten, wie Beispiele aus der jüngeren Geschichte zeigen. Geht zum Beispiel das Sterben von Honig- und Wildbienen, Hummeln und weiteren Bestäubern vieler unserer Nutzpflanzen weiter wie bisher, wäre zwar Bestäubung von Hand – wie in China und Kalifornien bereits erforderlich – ein möglicher Ausweg, aber auf Dauer kaum praktikabel.

Utopie Renaturierung

Der Weißstorch findet seine Nahrung vor allem in feuchten, extensiv genutzten Wiesen. Die gibt es jedoch immer seltener: Ehemals feuchtes Grünland wird entwässert und intensiv landwirtschaftlich genutzt. Selbst dort, wo die Landschaft noch grün und naturnah erscheint, gibt es meist nur noch überdüngte eintönige Grasflächen. Bild vergrößern
Der Weißstorch findet seine Nahrung vor allem in feuchten, extensiv genutzten Wiesen. Die gibt es jedoch immer seltener: Ehemals feuchtes Grünland wird entwässert und intensiv landwirtschaftlich genutzt. Selbst dort, wo die Landschaft noch grün und naturnah erscheint, gibt es meist nur noch überdüngte eintönige Grasflächen. [weniger]

Diese Entwicklung lässt sich aber aufhalten: Die Artenvielfalt in unserem Land ließe sich in wenigen Jahrzehnten wieder auf den Stand von 1950 anheben, wie eine Renaturierungsmaßnahme auf dem „Land des Friedens“ bei Würzburg durch die Gabriele-Stiftung mit Rückkehr zur Dreifelderwirtschaft mit Brachen, ausgedehnten Feldhecken, Tümpeln, Blühstreifen entlang von Äckern zeigt.

In großem und damit für die Artenvielfalt im Land notwendigen Maßstab bleibt eine solche Entwicklung leider Illusion. Hat schon die Lebensmittelproduktion an sich einen enormen Druck auf die landwirtschaftlichen Flächen hin zu einer Ertragsmaximierung ausgeübt, so hat sich dieser in letzter Zeit durch die Bioenergieproduktion nochmals erhöht. Die immer noch zunehmende „Vermaisung“ der Landschaft macht das für jedermann sichtbar.

Wohngebiete für Pflanzen und Tiere

Da in Deutschland heute so gut wie keine ungenutzten Flächen mehr vorhanden sind, haben zwei Kollegen und ich bereits 1988 einen neuen Weg zur Rettung der Artenvielfalt vorgeschlagen: Die Renaturierung von für die Landwirtschaft wenig ergiebigen Flächen auf den Gemarkungen aller rund 11000 politischen Gemeinden Deutschlands. Neben den menschlichen Siedlungen könnten so aus diesen „Oasen aus Menschenhand“ Wohngebiete für Tiere und Pflanzen auf rund 15 Prozent der Gemeindeflächen geschaffen werden.

Auf diese Weise würde ein deutschlandweiter Biotopverbund entstehen. Die Abstände der einzelnen Lebensräume würden rund zehn Kilometer betragen – eine Distanz, die die meisten Tiere und Pflanzen überbrücken können, um vom einen zum anderen zu gelangen. Dadurch könnten sich stabile Populationen mit hoher genetischer Vielfalt bilden.

Ein solcher Biotopverbund für Deutschland würde rund 3000 Renaturierungsmaßnahmen erforderlich machen. Die Kosten dafür sind mit rund einer Milliarde Euro zu veranschlagen, die nach meinen Erfahrungen relativ leicht über Stiftungen, private Spender usw. zu beschaffen sind.

Biotopverbund Bodensee

Der Heinz-Sielmann-Weiher in der Gemarkung Billafingen war einer der ersten neuen Lebensräume des Biotopverbundes Bodensee. Rund um den 1,3 Hektar großen Weiher mit angrenzenden Schilfflächen, Feuchtwiesen und Hecken leben zehn Jahre nach seiner Fertigstellung eine Vielzahl von Planzen- und Tierarten: 340 Blütenpflanzen, 33 Libellen, 25 Tagfalter, 23 Säuger, 14 Amphibien und 3 Reptilien. Die Zahl der Brutvogelarten stieg von 115 auf 179. Bild vergrößern
Der Heinz-Sielmann-Weiher in der Gemarkung Billafingen war einer der ersten neuen Lebensräume des Biotopverbundes Bodensee. Rund um den 1,3 Hektar großen Weiher mit angrenzenden Schilfflächen, Feuchtwiesen und Hecken leben zehn Jahre nach seiner Fertigstellung eine Vielzahl von Planzen- und Tierarten: 340 Blütenpflanzen, 33 Libellen, 25 Tagfalter, 23 Säuger, 14 Amphibien und 3 Reptilien. Die Zahl der Brutvogelarten stieg von 115 auf 179. [weniger]

2004 habe ich mit Unterstützung der Heinz Sielmann Stiftung den Biotopverbund Bodensee gestartet. Inzwischen haben wir dafür im nördlichen Bodenseeraum über 100 Biotope neu geschaffen oder bestehende aufgewertet. Eine Vielzahl neu angelegter Weiher, Tümpel, Feuchtgebiete sowie aufgewerteter Viehweiden, Streuobstwiesen und Trockenrasen zeigt eine geradezu verblüffende Wiederbelebung der Artenvielfalt.

Der Großversuch Biotopverbund Bodensee hat besonders eines ganz klar gemacht: Noch lohnt sich der Einsatz für den Erhalt von Biodiversität – viele der verbliebenen Restbestände wildlebender Pflanzen und Tiere sind noch regenerationsfähig. Aber Eile und enormer Einsatz sind dennoch geboten – denn klar ist auch: Mit jedem Tag verringert unsere derzeitige Raubbau-Gesellschaft die Regenerationsfähigkeit der Artengemeinschaft weiter.

Jeder Gemeinde ihr Biotop

Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, hat die Heinz Sielmann Stiftung auf mein Betreiben 2016 begonnen, einen Biotopverbund nach dem Motto „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ für ganz Deutschland auf den Weg zu bringen. Da in Deutschland Naturschutz vor allem Ländersache ist, haben wir zunächst alle Bundesländer kontaktiert und zur Mitarbeit aufgerufen. Fast alle haben inzwischen zugesagt. Auf einem ersten Arbeitstreffen in Frankfurt im Februar dieses Jahres konnten Pilotprojekte mit Vertretern von acht Bundesländern vorbereitet werden. Sie sollen ab 2018 in einem Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben des Bundesumweltministeriums finanziert werden.

Damit fällt hoffentlich der Startschuss für ein Großprojekt, das große Teile unserer Artenvielfalt vielleicht doch noch retten könnte. Wenn der Biotopverbund richtig in Gang kommt, könnte er einen wichtigen Beitrag für den Erhalt der Biodiversität in unserem Land leisten und verhindern, dass wir wirklich eines Tages einen „stummen Frühling“ erleben werden.

 
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