Plauderei aus dem Nistkästchen

Peter Berthold, Mein Leben für die Vögel und meine 60 Jahre mit der Vogelwarte Radolfzell
216 Seiten, Franckh Kosmos Verlag, Stuttgart 2016, 19,99 Euro

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Zittau, 19. November 1952. Auf einem Fensterbrett im Hause Berthold schnappt eine Falle zu, fachkundig konstruiert aus einer Zigarrenkiste und einem Schlagnetz. Der Fang: eine Kohlmeise mit einem Aluminiumring am Bein, darauf die Prägung „H69870 Radolfzell Germania“.

Für den jugendlichen Fallensteller markiert der kleine Vogel den Beginn einer Leidenschaft. Von nun an will der 13-jährige Peter Vogelforscher werden und eines Tages an dem verheißungsvollen Ort namens Radolfzell arbeiten. Dieses Ziel verfolgt er fortan konsequent und mit viel Ehrgeiz.

Nach dem Abitur absolviert Peter Berthold ein Biologiestudium, ergänzt durch Chemie und Geografie. Nebenbei arbeitet er bereits seit seiner Schulzeit wie besessen als Vogelberinger. Allein im Jahr 1961 beringen er und sein Vater – von Beruf Polizist − „4022 Individuen 86 verschiedener Arten (!)“, darunter Rohrsänger, Raubwürger, Schwarzhalstaucher und eine Doppelschnepfe. Nach den Bestandsrückgängen der letzten Jahrzehnte heute undenkbar.

Berthold klettert die akademische Leiter empor, wird studentische Hilfskraft, Doktorand, Postdoc, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Örtlicher Leiter und schließlich Direktor der Vogelwarte Radolfzell. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Erforschung des Vogelzugs. In einem beispiellosen Großprojekt untersuchen er und seine Kollegen das Zugverhalten von Mönchsgrasmücken. Dafür errichten die Wissenschaftler die Volierenanlage „Blackcap-City“, in der die Vögel erfolgreich brüten. Im Laufe der Jahre ziehen sie rund 3000 Jungtiere von Hand groß – ein Aufwand, den sich weltweit kein anderes Institut leistet. Das Mammutprojekt soll Kernfragen der Vogelzugforschung klären. Es liefert etwa die Erkenntnis, dass die Zugaktivität ein populationsspezifisches, genetisch festgelegtes Merkmal ist, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Mein Leben für die Vögel ist ein sehr persönliches Buch, gewissermaßen eine Plauderei aus dem Nistkästchen, wie der Verlag ankündigt. Der Autor, der sich selbst als „Ornithomane, vielleicht sogar Ornithopath“ bezeichnet, verknüpft darin seine Memoiren mit der Geschichte seiner Wirkungsstätte. Diese nimmt ihren Anfang in der 1901 gegründeten Vogelwarte Rossitten. Im Jahr 1946 geht daraus die Vogelwarte Radolfzell hervor, Teilinstitut des Max-Planck-Instituts für Ornithologie.

Seinen Werdegang schildert Peter Berthold sehr selbstbewusst und mit provokanter Offenheit. Er zeichnet seinen Weg in die Wissenschaft nach, erzählt von seiner Arbeit als (Feld-)Ornithologe und gibt so manche Anekdote aus seinem mitunter feuchtfröhlichen Studentenleben zum Besten. Sprachlich mag er es überbordend: „Der Höhenflug in die hehren Sphären unserer Scientia amabilis vollzog sich über eine Art Himmelsleiter Sprosse für Sprosse“, heißt es etwa im Kapitel „Höhenflug und Absturz“. Mit Hang zum Detail und aus seinem ganz eigenen Blickwinkel schildert der Autor auch institutsinterne Querelen und Probleme.

Das Buch schließt mit einem Plädoyer für den Naturschutz. Mit unermüdlichem Eifer setzt sich Peter Berthold etwa für die Ganzjahresfütterung von Wildvögeln oder das Projekt „Biotopverbund Bodensee“ ein und tritt auch in Radio und Fernsehen auf. Jede Zeile seiner Autobiografie ist Ausdruck seiner unbändigen Leidenschaft für die Welt der Vögel.

Elke Maier

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