Forschungsbericht 2016 - Max Planck Digital Library (MPDL)

Endlich alles lesen - ein neuer Ansatz für den Umstieg auf Open Access

Autoren
Geschuhn, Kai
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Zusammenfassung
Seit mehr als zehn Jahren wird unter dem Stichwort „Open Access“ gefordert, dass wissenschaftliche Literatur frei im Internet verfügbar sein soll. Obwohl der Anteil der frei verfügbaren Fachartikel ständig wächst, fehlte es bislang an einer gemeinsamen Strategie zur standardmäßigen Umstellung. 2015 hat die Max Planck Digital Library eine vielbeachtete Studie vorgelegt, welche die Finanzierbarkeit eines Modellwechsels der bestehenden wissenschaftlichen Zeitschriften belegt. Es wurde eine internationale Initiative angestoßen, um den Umstieg auf Open Access in den nächsten Jahren herbeizuführen.

Seit mehr als zehn Jahren fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Bibliotheken und die Öffentlichkeit Open Access. Damit ist gemeint, dass wissenschaftliche Fachartikel frei im Internet verfügbar sein sollen. Denn das ist in der Regel nicht der Fall: Über 90 Prozent der international erscheinenden gut 20.000 wissenschaftlichen Zeitschriften können nur von denjenigen gelesen werden, die über ein Abonnement verfügen. Im Online-Zeitalter spricht man auch von Lizenzen oder Online-Subskriptionen, welche Universitäts- und Institutsbibliotheken Jahr für Jahr erwerben, um ihren Studenten und Wissenschaftlerinnen den Zugang zu ermöglichen. Befindet man sich nicht im Netzwerk einer wissenschaftlichen Einrichtung, oder ist keine Lizenz vorhanden, stößt man bei der Internetsuche nach wissenschaftlichen Arbeiten meist auf eine Bezahlschranke: Für den Download eines einzelnen Artikels verlangt ein Verlag dann nicht selten 20 Dollar oder mehr.

Ein alternatives Geschäftsmodell  

Die Max-Planck-Gesellschaft ist Mitbegründerin der internationalen Open-Access-Bewegung. Mit der Veröffentlichung der „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissenvom 22. Oktober 2003 und den sich daran anschließenden jährlichen Konferenzen wurde ein Prozess eingeleitet, der weltweit das Bewusstsein für das Thema Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Informationen geschärft hat.

Aber nicht nur auf der forschungspolitischen Ebene wird Open Access unterstützt. Es gibt immer mehr wissenschaftliche Zeitschriften, die ihr Geschäftsmodell entsprechend umgestellt haben. Sie finanzieren sich nicht mehr über die Subskriptionen ihrer Leser, sondern über eine Zahlung, die pro Veröffentlichung eines Artikels geleistet wird. Im Gegenzug sind alle Inhalte der Zeitschrift frei online verfügbar. Die Max Planck Digital Library organisiert seit mehr als zehn Jahren mittels zentraler Rahmenverträge mit Open-Access-Verlagen die Finanzierung dieses Publikationswegs für alle wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren der Max-Planck-Gesellschaft.

Im Jahr 2014 veröffentlichten Max-Planck-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler mehr als 10.000 Fachartikel. Gut 13 Prozent dieser Veröffentlichungen erschienen in Open-Access-Zeitschriften, was in etwa dem derzeitigen globalen Anteil entspricht. Die Max Planck Digital Library finanzierte davon über zentrale Verträge rund 400 Publikationen zu einem Durchschnittspreis von rund 1.300 Euro pro Artikel.

Die Grenzen der Bewegung

Auch wenn der Anteil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Open-Access-Zeitschriften beständig wächst, ist eine vollständige Ablösung des alten Modells bislang nicht in Sicht. Vielmehr scheint die Open-Access-Bewegung, wenngleich sie auch fester Bestandteil jeder forschungspolitischen Diskussion ist, zu stagnieren. Das ursprüngliche Ziel des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen wird mittlerweile außerdem von vielen weiteren Aspekten überlagert. Hierzu gehören beispielsweise die weitaus komplexere Diskussion über die Offenlegung von Forschungsdaten, Urheberrechtsfragen oder auch − unter dem Stichwort „Open Science“ − das gesamte Themenfeld der Offenheit von Wissenschaft an sich.

Hinzu kommt, dass sich viele Open-Access-Initiativen und -Aktivitäten bislang weniger auf einen Modellwechsel konzentrieren, sondern vielmehr auf die Herbeiführung eines Kulturwandels innerhalb der Wissenschaft selbst: Zahlreiche Förder- und Anreizmechanismen, wie etwa Informationsveranstaltungen, Aktionstage und Auflagen von Forschungsförderorganisationen, zielen in ihrem Kern darauf ab, das Publikationsverhalten wissenschaftlicher Autorinnen und Autoren zu verändern. Dabei wird jedoch die Bedeutung und zum Teil sogar die Alternativlosigkeit der etablierten (Nicht-Open-Access-) Zeitschriften für die Wissenschaft unterschätzt: Die Entscheidung darüber, bei welcher Zeitschrift eine wissenschaftliche Arbeit zur Veröffentlichung eingereicht wird, fällen Wissenschaftlerinnen in der Regel nicht nach dem Kriterium des freien Zugangs. Vielmehr spielen Reputationsversprechen und Anerkennung des Journals im jeweiligen Forschungsgebiet eine Rolle.

Ein starker Hebel

Obwohl die steigenden Preise für Online-Subskriptionen ursprünglich einer der Hauptgründe für den Ruf nach Open Access waren, besteht dieses Geschäftsmodell trotz der vielfältigen Open-Access-Maßnahmen nahezu unverändert weiter. Immer noch verwenden Bibliotheken weltweit beträchtliche Anteile ihrer Budgets auf den Kauf von Zugangslizenzen zu Zeitschriften von oft nur einigen wenigen Verlagen und sind dabei mit von Jahr zu Jahr steigenden Kosten konfrontiert. Dabei muss bedacht werden, dass sowohl das Verfassen der wissenschaftlichen Literatur als auch viele Dienstleistungen im Rahmen des Veröffentlichungsprozesses, etwa die Begutachtung und die Herausgeberschaft, von Forscherinnen und Forschern geleistet werden, deren Arbeit von der Öffentlichkeit finanziert wird. Eine Vergütung dieser Leistungen durch die Verlage findet in der Regel nicht statt.

Für die Umsetzung von Open Access sind diese finanziellen Zusammenhänge von entscheidender Bedeutung. Die Max Planck Digital Library erwirbt seit mehr als zehn Jahren zentral für alle Standorte der Max-Planck-Gesellschaft elektronische Informationsressourcen. Mittlerweile zählt sie zu den größten Erwerberinnen wissenschaftlicher Online-Literatur weltweit und verfügt damit über eine umfassende Marktexpertise. Darüber hinaus kennt sie nicht nur die Kosten des Informationsbedarfs der Max-Planck-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler, sondern analysiert auch seit vielen Jahren ihr Publikationsverhalten, sowohl in der Gesamtschau als auch in der Verteilung über die verschiedenen Verlage.

Die Erkenntnisse aus diesen beiden Welten haben zu modellhaften Kalkulationen im Hinblick auf ein Open-Access-Geschäftsmodell geführt: Ist es möglich, mit den jetzt für den Literaturerwerb eingesetzten Finanzmitteln alle jährlich erscheinenden Publikationen der Max-Planck-Gesellschaft zu finanzieren, damit sie nach dem Open-Access-Modell veröffentlicht werden können? Und wie viel dürfte dann ein einzelner Artikel kosten?

Das „Whitepaper“ und die Folgen

Im April 2015 veröffentlichte die Max Planck Digital Library eine Studie [1], welche diese Kalkulationen auf der Basis von Publikationsdaten einerseits und den Umsatzzahlen wissenschaftlicher Verlage andererseits auf globaler Ebene und für einzelne Länder darstellt. Marktanalysen zufolge erzielen wissenschaftliche Verlage über den Verkauf von Subskriptionen weltweit Umsätze in einer Größenordnung von 7,6 Milliarden Euro jährlich. Einschlägigen Datenbanken lässt sich entnehmen, dass sich die Anzahl der jährlich veröffentlichten Fachartikel in international erscheinenden Zeitschriften auf etwa 1,5 Millionen beläuft. Daraus folgt, dass derzeit genug finanzielle Ressourcen im Einsatz sind, um diese Veröffentlichungen nach dem Open-Access-Modell zu publizieren, und zwar theoretisch zu Preisen von bis zu 5.000 Euro pro Artikel. Der oben angeführte Durchschnittspreis von 1.300 Euro für Open-Access-Publikationen in Zeitschriften, die jetzt schon nach diesem Modell agieren, legt jedoch nahe, dass die vollständige Umstellung des Geschäftsmodells für wissenschaftliche Zeitschriften erhebliche Kostenreduzierungen im Vergleich zum jetzigen Modell zur Folge haben kann.

Mit dieser im Prinzip einfachen Rechnung kann die häufig angeführte Sorge, Open Access sei nicht finanzierbar, widerlegt werden. Auch auf Länderebene, zum Beispiel für das Publikationsaufkommen von Frankreich, Großbritannien und Deutschland, zeigt sich das gleiche Bild. Das Whitepaper bricht damit eine Lanze für die Umwidmung der im Markt vorhandenen Finanzmittel im Sinne von Open Access. Anstelle eines allmählichen Aufbaus von neuen Open-Access-Zeitschriften oder des Versuchs, über Zweitpublikationen auf Institutsservern möglichst viel wissenschaftlichen Inhalt frei verfügbar zu machen, könnten die bestehenden Zeitschriften auf Open Access umgestellt werden, und zwar ohne finanzielles Risiko.  

Das Whitepaper hat neuen Schwung in die internationale Open-Access-Diskussion gebracht. Rund 18.000 Mal wurde die Studie schon vom Publikationsserver der Max-Planck-Gesellschaft heruntergeladen. Nicht nur in den sozialen Medien wurde diskutiert, auch die Wissenschaftsrubriken etablierter Medien griffen das Thema auf. Selbstverständlich stehen manche Akteure der grundsätzlichen Stoßrichtung auch kritisch gegenüber, insgesamt ist jedoch deutlich spürbar, dass die Zeit für einen neuen, pragmatischen und umfassenden Ansatz zur Realisierung von Open Access reif ist.

Ein internationales Netzwerk

Mit der Unterstützung des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, konnte die Max Planck Digital Library im Jahr 2015 eine Projektgruppe aufbauen, die das Ziel des großflächigen Umbaus der Verlagslandschaft zu Open Access strategisch und praktisch verfolgen wird. Notwendig hierfür ist zunächst der Aufbau eines internationalen Unterstützernetzwerks, insbesondere aus dem Kreis der Wissenschaftseinrichtungen. Auch die wissenschaftlichen Bibliotheken weltweit müssen beginnen, nach einer neuen Logik zu denken und zu agieren. Datenkenntnis spielt hierbei eine wichtige Rolle: Bei welchen Verlagen publizieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer Einrichtung? Wie hoch sind die jetzigen Lizenzkosten, und lassen sich damit Open-Access-Publikationen finanzieren?

Die Erprobung dieses neuen Modells kann selbstverständlich nur in der Zusammenarbeit mit den Verlagen erfolgen. Als erste Einrichtung in Deutschland hat deshalb die Max Planck Digital Library im November 2015 mit dem Verlag Springer Nature einen Vertrag nach dem sogenannten „Offsetting“-Model verhandelt. Alle Publikationen der Max-Planck-Autorinnen und -Autoren in mehr als 1.600 Zeitschriften des Verlags erscheinen nun Open Access, ohne dass zusätzliche Zahlungen pro Artikel notwendig sind. Der neue Lizenzvertrag, der bisher nur sichergestellt hat, dass diese Zeitschriften in der Max-Planck-Gesellschaft gelesen werden können, deckt nun auch das Open-Access-Publizieren ab.

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12. Berlin Open Access Conference im Dezember 2015

Diese und weitere modellbildende Konzepte müssen in den nächsten Jahren weltweit Schule machen und in Partnerschaft mit Verlagen und Wissenschaftseinrichtungen fair und transparent ausgestaltet werden. Um zunächst die Wissenschaftseinrichtungen der Welt an einen Tisch zu holen und den neuen Ansatz zu diskutieren, organisierte die Max Planck Digital Library Anfang Dezember 2015 unter Schirmherrschaft des Präsidenten und unter Vorsitz des Max-Planck-Direktors Ulrich Pöschl einen zweitägigen internationalen Workshop zum Thema der großflächigen Open-Access-Transformation von Subskriptionszeitschriften. Unter den rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 19 Ländern, darunter China, USA und Südkorea, zeigte sich eine breite Zustimmung und Entschlossenheit zur Unterstützung. Die Max Planck Digital Library kann nun, aufbauend auf diesem Netzwerk, in den kommenden Jahren den eingeschlagenen Weg im Rahmen einer internationalen Initiative weitergehen.

Literaturhinweise

1.
Schimmer, R.; Geschuhn, K. K.; Vogler, A.
Disrupting the subscription journals' business model for the necessary large-scale transformation to open access
MPG PuRe
DOI

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