Grammatik kann Wahrnehmung von Bewegung beeinflussen

28. Mai 2015

Unterschiedliche Sprachen können leicht unterschiedliche Effekte darauf haben, wie wir denken und wahrnehmen – ein Phänomen, das unter der Bezeichnung „sprachliche Relativität“ bekannt ist. In einem neuen Beitrag für das Fachjournal Cognition zeigen die Forscherin Monique Flecken vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik und ihre Kollegen, dass die Grammatik unserer Muttersprache die Wahrnehmung von Bewegungsereignissen sogar in Momenten beeinflussen kann, in denen wir gar nicht sprechen.

In der englischen Beschreibung dieses Bildes konzentriert sich die Grammatik gleichermaßen auf Verlauf und Endpunkt der Bewegung: „a woman is walking along the road/towards a building“. Im Deutschen dagegen werden Endpunkte betont („Eine Frau geht auf ein Gebäude zu.“)

Bewegungsereignisse werden in verschiedenen Sprachen unterschiedlich beschrieben. Bei einem Bewegungsablauf wie dem im Bild dargestellten konzentriert sich die englische Grammatik gleichermaßen auf Verlauf und Endpunkt der Bewegung („a woman is walking along the road/towards a building“). Die deutsche Sprache betont im Gegensatz dazu Endpunkte („Eine Frau geht auf ein Gebäude zu.“). In einem Experiment nutzten Monique Flecken und Kollegen diese Unterschiede zwischen den beiden Sprachen, um zu untersuchen, ob grammatische Strukturen Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung solcher Bewegungen haben können.

In der Studie beobachtete Flecken gemeinsam mit den Kollegen Panos Athanasopoulos (Lancaster University), Jan Rouke Kuipers (University of Stirling) und Guillaume Thierry (Bangor University) welche Aufmerksamkeit deutsche und englische Studienteilnehmer der Bewegungsbahn und dem Endpunkt von Bewegungsereignissen beimessen. Es ging dabei um eine Aufgabe, bei der nicht gesprochen werden musste. Den Probanden wurden Kurz-Animationen gezeigt, in denen sich ein Punkt entlang einer Bewegungsbahn auf eine geometrische Form (Endpunkt) zubewegte. Dem folgte ein Bild, das das Ereignis symbolisierte. Die Beziehung zwischen Animation und Bild wurde derart verändert, dass verschiedene Arten der Übereinstimmung repräsentiert waren: Manchmal hatte der Endpunkt die gleiche Form, manchmal die Bewegungsbahn und manchmal beide. So war es möglich zu beobachten, ob die Muttersprachler verschiedener Sprachen unterschiedlich auf diese Übereinstimmungen reagierten, was anhand von Unterschieden in ihren Gehirnaktivitäten mittels Elektroenzephalogrammen (EEG) gemessen wurde.

Im ersten Experiment zeigten deutsche Teilnehmer unter der Bedingung Endpunkt-Übereinstimmung eine stärker ausgeprägte P300-Gehirnwelle als unter der Bedingung Bewegungsbahn-Übereinstimmung. Bei englischsprachigen Teilnehmern war im Vergleich zwischen diesen beiden Bedingungen kein Unterschied in der P300-Amplitude festzustellen. Dies zeigt, dass die deutschsprachigen Probanden ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Endpunkte gerichtet haben als die englischsprachigen Teilnehmer – was mit den grammatischen Strukturen ihrer Sprache übereinstimmt. Frühere Arbeiten ließen vermuten, dass sprachliche Relativitätseffekte nur dann auftreten, wenn Menschen (leise) sprechen oder eine Sprechabsicht haben. In einem zweiten Experiment konnten Flecken und Kollegen nachweisen, dass dies unwahrscheinlich ist.

Flecken: „Frühere EEG-Studien haben sich hauptsächlich auf statische Domänen wie Farbe und Ort konzentriert. Unsere Arbeit liefert allerdings einen der eindeutigsten Nachweise dafür, dass sich die sprachliche Relativität auch auf den Bereich der nonverbalen Bewegungswahrnehmung auswirkt.“ Die grammatischen Merkmale einer Sprache, insbesondere die Art und Weise, wie Ereignisse normalerweise in Sätzen kodiert werden, beeinflussen also sogar im nonverbalen Kontext, wie Menschen Bewegungsereignisse wahrnehmen und behandeln.

Zur Redakteursansicht