Erstmal gucken

Hierarchie der Sinne: Studie am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen liefert neue Ergebnisse

15. Januar 2015

Wenn sich Menschen in ihrem Alltag unterhalten, sprechen sie zwar auch über das, was sie hören, riechen, schmecken oder fühlen. An erster Stelle aber reden sie über ihre visuellen Wahrnehmungen, haben Wissenschaftler um Lila San Roque, Kobin H. Kendrick, Elizabeth Norcliffe und Asifa Majid vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen bei einer Studie an 13 Sprachen aus aller Welt herausgefunden. Hinweise auf eine festgelegte Reihenfolge der übrigen Sinneswahrnehmungen im Sprachgebrauch der Menschen fanden sie jedoch nicht. Daraus schließen sie, dass sowohl biologische Dispositionen wie auch kulturelle Einflüsse die Hierarchie der Sinneswahrnehmungen bedingen.

original
Alltagsplausch beim Haaremachen: Auch hier gilt, dass visuelle Wahrnehmung viel öfter Gegenstand von Gesprächen ist als alles, was mit Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen zu tun hat.

Das Material, das San Roque und ihre Kollegen dabei verwendeten, wurde über einen Zeitraum von mehreren Jahren von Wissenschaftlern des Instituts bei ihren Feldforschungen rund um den Globus gesammelt. Darunter befinden sich verbreitete Sprachen wie Englisch, Italienisch, aber auch eher solche, die von vergleichsweise wenigen Menschen gesprochen werden wie Chintang mit seinen 4000 Sprechern in Nepal oder Whitesands, das auf der südpazifischen Insel Vanuatu von gerade einmal 7500 Menschen gesprochen wird.

„Dank der Unterstützung von Sprechern in den jeweiligen Ländern vor Ort, ist es uns über die Jahre hinweg gelungen, einzigartiges Material über das tägliche Leben und Sprachgewohnheiten in unterschiedlichen Kulturen aufzunehmen“, so San Roque über die Bedeutung dieser Datensammlung, die auch anderen Kollegen am Institut Grundlagen für ihre sprachwissenschaftlichen Studien liefert. So fanden sie nicht nur genügend Menschen in Ghana, Italien, auf der malayischen Halbinsel, in Papua Neuguinea und neun weiteren Ländern, die bereit waren, sich über einen längeren Zeitraum bei ihren alltäglichen Plaudereien mit Kamera und Mikrophon aufzeichnen zu lassen. Es standen überdies Muttersprachler mit Expertise in Transkription und Übersetzung zu Verfügung.

Bei der Auswertung ihrer Materialsammlung zählten San Roque und ihre Kollegen, wie häufig die Sprecher in diesen Alltagsgesprächen Verben verwendeten, die sich auf eine der fünf Sinneswahrnehmungen bezogen, um dann den jeweiligen Stellenwert zu ermitteln. Dabei notierten sie auch, wenn solche Verben sich nicht direkt auf einen Sinneseindruck bezogen, sondern wie in der als Bestätigung gemeinten Redewendung "Ich sehe das genauso" im übertragenen Sinne eingesetzt wurden.

Unterm Strich bestätigt das Ergebnis der Studie aus Nijmegen eine Hypothese des Linguisten Åke Viberg. Dieser hatte schon zu Beginn der 1980er Jahre aus breitangelegten Untersuchungen von 50 verschiedenen Sprachen geschlossen, dass in allen Sprachen das Sehvermögen die wichtigste Sinneswahrnehmung ist. Nach Viberg folgt das Hören an zweiter Stelle, erst danach kommen als untergeordnete Wahrnehmungen der Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn.

original
Gesprächssituation im Büro: Verben, die mit Sehen zu tun haben, dominieren.

Wenn sich Wissenschaftler mit sprachlichen Phänomenen befassen, geht es ihnen nicht bloß um eine reine Bestandaufnahme. Vielmehr zielen sie auf Grundfragen der menschlichen Existenz. Denn letztlich geht es bei diesen Studien darum, das Verhältnis von Sprechen, Denken und Wirklichkeit herauszufinden und so etwas mehr darüber zu erfahren, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen, sie erleben, erfahren und verstehen. So ist es nach Auffassung der Sprachwissenschaftler aus Nijmegen durchaus möglich, dass die Vorherrschaft der Verben zur visuellen Wahrnehmung allgemeine Grundzüge menschlicher Erfahrung und Erkenntnis widerspiegelt, die in der spezifischen Biologie des menschlichen Wahrnehmungsapparates begründet ist. Diese Theorie, die von einigen Sprachwissenschaftlern seit rund zehn Jahren diskutiert wird, decke sich durchaus mit aktuellen Erkenntnissen aus der Hirnforschung, so San Roque. Schätzungen zufolge sind 50 Prozent des Cortex in visuelle Funktionen involviert.

Allerdings halten San Roque, Kendrick, Norcliffe, and Majid durchaus auch andere Erklärungen für plausibel. So könnte die Tatsache, dass Menschen in aller Welt am häufigsten über Gesehenes plaudern, ebenso daran liegen, dass es schlicht und einfach mehr Möglichkeiten zu visuellen Erfahrungen gibt als zum Beispiel zu Geschmackserlebnissen - schließlich kann man viel sehen, aber nicht alles probieren.

Auch wenn ihre Ergebnisse in diesem Punkt die Hypothese von der Dominanz des Visuellen als universales Merkmal aller Sprachen bestätigten, fanden sie jedoch keine Hinweise auf eine festgelegte Reihenfolge der übrigen vier Sinne, die für alle Sprachen der Welt gilt. Zwar stand in den meisten untersuchten Sprachen das Hören auf Platz zwei, doch gab es auch Ausnahmen von dieser Regel. Zum Beispiel in Semai. In dieser Sprache, die von einigen Sprechern auf der malayischen Halbinsel verwendet wird, kamen verbale Referenzen auf Geruchseindrücke häufiger vor als jene, die sich auf Gehörtes beziehen. „Damit deckt sich unser Ergebnis mit Studien, die über die Schlüsselrolle von Gerüchen in einigen Gesellschaften berichtet haben“, so Majid. Auch in den mit dem Semai verwandten Jahai oder Maniq spielen olfaktorische Wahrnehmungen eine größere Rolle als in den meisten anderen Sprachen. Wie Majid und seine Kollegen schon in früheren Studien herausgefanden, besitzen die Maniq, ein Volk von Jägern und Sammlern im Süden Thailands, ein Dutzend verschiedene abstrakte Ausdrücke, mit denen sie Gerüche beschreiben können.

Auch bei den übrigen Sinnen konnten San Roque und ihre Kollegen keinen festgelegten Listenplatz beobachten. Zum Beispiel standen Verben, die sich auf taktile Wahrnehmung bezogen, in Sprachen wie Whitesands, Avatime und Mandarin auf dem dritten Platz. In Cha'palaa und Duna dagegen rangierte der Geruch an dritter Stelle, wohingegen auf Italienisch oder Spanisch der Geschmack an dieser Stelle steht. Für die Forscher aus Nijmegen sind diese Resultate ein Hinweis darauf, dass der menschliche Sprachgebrauch beides ist: ein Produkt des biologischen Erbes und ein Produkt einer speziellen Kultur.

SB/BF

Zur Redakteursansicht