Wie wir mit Sprache malen

20. Februar 2014

In den Sprachen der Welt werden Wörter vor allem in der zwischenmenschlicher Interaktion gebraucht, in Kombination mit Gesten und Mimik. Das zeigt besonders das Studium von Ideophonen, anschaulich-sinnlichen Wörtern, die überall auf der Welt verwendet werden. Mark Dingemanse untersucht am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, wie präzise diese Lautbilder Kommunikation über sensorisches Wissen ermöglichen. „Menschen können mit Sprache malen“, sagt der Linguist. „Lautmalerei, die manchmal als kindlich abgetan wird, ist ein bedeutendes Ausdrucksmittel, über das alle verfügen“.

Text: Mark Dingemanse

Während es in europäischen Sprachen nur wenige Lautmalereien gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, verfügen viele andere Sprachen auf der Welt über Hunderte oder gar Tausende Ideophone. Sie decken ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen ab.

Wenige Berufe sind so vertraut mit dem Wesen der Wörter wie die akademischen. Wörter sind das A und O unserer Profession. Sie halten unseren Fortschritt fest, an ihnen wird unsere Produktivität gemessen, wenn wir Ideen mit Hilfe von Büchern, Zeitschriften und Open-Access-Portalen verbreiten. Wie leicht verliebt man sich in das gedruckte Wort, in schwarze Symbole auf einem weißen Blatt mit ordentlichen Abständen, die die einzelnen Gedanken voneinander abgrenzen.

Aber wie anders ist doch unser alltäglicher Umgang mit Wörtern. Wir rollen sie auf unserer Zunge, wenn wir sprechen, flüstern oder schreien. Sie werden geschmeidig, wenn wir sie vortragen, verlängern und wiederholen. Wir schmücken sie mit subtilen Meinungsschattierungen aus, wenn wir Kontrolle auf Tonhöhe, Schallstärke und Dauer ausüben. Wir verbinden sie meisterlich mit Gestik und Mimik. Lange Zeit wurde das alles als Parasprache ausgegrenzt, als nicht Eigentliches, sondern als etwas am Rande, das uns nur ablenkt von der Wahrheit und Schärfe einer idealisierten, formalen Sprache. Bei den Betrachtungen des Philosophen Gottlieb Frege über Sprache stehen ästhetische Freude und Streben nach Wahrheit im Gegensatz.

Aber diese Ansicht ist inzwischen überholt, weil Linguisten mehr und mehr klar wird, dass das geschriebene Wort nur ein mangelhaftes Modell für unsere wirkliche kommunikative Kompetenz ist. Sprache entstand in einer facettenreichen Umgebung. Sie hat schon immer mehr geliefert als lediglich entkörperlichte Information. Wir Menschen benutzen Sprache, um soziale Beziehungen aufzubauen, um Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen und Einstellungen auszudrücken. Wir informieren nicht nur, wir stellen dar. Dies erfordert eine erneute Untersuchung darüber, was Wörter wirklich leisten.

„Holterdiepolter“ und „ticktack“: die Rolle von Ideophonen

Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik sammeln neue Primärdaten über wenig bekannte Sprachen. In der Abteilung “Sprache und Kognition” betreiben Wissenschaftler Langzeit-Feldforschung an mehr als zwanzig Standorten überall auf der Welt. Im Laufe der letzten Jahre wurden mehrere Untersuchungen zu Wörtern durchgeführt, die als Ideophone bekannt sind. Mit ihrer charakteristischen Lautmalerei, der Onomatopoesie, kommen diese Wörter dem "Malen beim Sprechen" am nächsten. Sie galten lange als exotische und ungewöhnliche Wörter, aber neue Untersuchungen haben gezeigt, dass sie in Unterhaltungen überall auf der Welt verwendet und in unerwarteter Art und Weise gebraucht werden.

Ideophone sind Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Bekannte Beispiele aus dem Englischen sind Wörter wie kerplop und boom, oder im Deutschen Wörter wie holterdiepolter und ticktack.

Während es in europäischen Sprachen nur wenige solcher Wörter gibt, die meistens auf die Imitation von Geräuschen beschränkt sind, gibt es viele andere Sprachen auf der Welt, die über Hunderte oder gar Tausende solcher Ideophone verfügen, die ein weit größeres Spektrum an sinnlichen Bedeutungen abdecken.

Hier einzelne Beispiele:

  • tunjil-tunjil (dümpeln, treiben),
  • ulakpulak (unausgeglichene, schreckerregende Erscheinung) und
  • c’onc’on (dichtgewebt) aus dem Koreanischen;  oder
  • dhdnoh (wie immerwährendes Nicken),
  • praduk pradek (Geräusche vereinzelnter kleiner Regentropfen) und
  • greep (knusprig klingend)  aus dem Semai, einer Sprache, die auf der Halbinsel Malaysia gesprochen wird.
  • Wortmalereien wie mukumuku (murmelnde Mundbewegungen),
  • fuefue (elastisch, flexibel) und
  • kpotoro-kpotor (Gehen wie eine Schildkröte) stammen aus dem Siwu, einer Sprache, die im Osten Ghanas gesprochen wird.

Bei der Analyse von auf Video aufgenommenen Unterhaltungen in solchen Sprachen sieht man, dass diese Wörter mit ihren eigentümlichen Formen und anschaulichen Bedeutungen nicht wie gewöhnliche Wörter gesprochen werden. Sie werden wie auf einer Bühne gesprochen. So machen sie Ereignisse auf eine Art und Weise lebendig, wie das gewöhnliche Wörter niemals tun. Wenn man ihren Gebrauch beobachtet, dann bekommt man einen Eindruck davon, was Karl Bühler gemeint hat, als er schrieb: “Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

Wie können die Menschen mit der Sprache malen?

Die Ideophon-Systeme in den Sprachen der Welt verfügen über drei Möglichkeiten, wie Sprechen genutzt wird, um sinnlich, sensorische Bilder darzustellen – nämlich in drei Typen von Ikonizität.

Durch Video-Aufnahmen fremder Sprachen – hier Unterhaltung beim Herstellen von Palmöl in Akpafu-Mempeasem, Ghana, – analysieren die Wissenschaftler alltägliche Gespräche, in denen Lautmalereien vorkommen.

Die erste Möglichkeit besteht darin, ein Geräusch mit einem Laut zu imitieren, wie im Englischen boom als Geräusch einer Explosion. Dieser Typ wird „direkte Ikonizität“ genannt. Es ist die einfachste Möglichkeit, aber auch die am meisten beschränkte. Schließlich sind nicht alle Ereignisse mit Geräuschen verbunden. Was aber alle Ereignisse gemeinsam haben, ist eine interne zeitliche Struktur.

Hier kommt nun die zweite Möglichkeit ins Spiel: Die Struktur der Wörter kann der Struktur der Ereignisse gleichen. Bühler hatte das erkannt, als er notierte, dass Wörter “gestalt-treu” sind in Hinsicht auf die Ereignisse, die sie repräsentieren. Deshalb wird dieser Typ „Gestalt-Ikonizität“ genannt. Wörter können zum Beispiel verlängert werden, um Dauer auszudrücken, geschlossene Silben können das Ende von etwas hervorrufen und wiederholte Silben können Wiederholungen evozieren – wie in vielen der oben angeführten Beispiele.

Drittens und letztens werden manchmal ähnliche Wörter für ähnliche Ereignisse gebraucht, wie zum Beispiel die folgenden drei Wörter aus dem Semai: greep (Früchte kauen), graap (Knuspriges kauen), griip (Cassava kauen). Sie teilen sich die gemeinsame Matrize gr_p, die man als ‘knuspriges Geräusch’ charakterisieren kann. Weil ähnliche Wörter auf ähnliche Ereignisse passen, wird dieser Typ „relative Ikonizität“ genannt. Gemeinsam konstituieren diese drei Arten der Meinungs-Assoziationen den Malkasten des Wortmalers. Sie erlauben darstellenden Wörtern wie Ideophonen, wahrnehmbare Analogien zu Ereignissen zu bilden.

Aber woher weiß man, ob eine bestimmte Sprecheinheit als Ideophon – als ein Lautbild – intendiert ist und nicht als ein gewöhnliches Wort? Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich hier Sprachen in bemerkenswerter Weise gleichen. So klingen Ideophone in allen Sprachen außergewöhnlich, weil sie besondere Freiheiten im Hinblick auf andere Wörter genießen. Sie verfügen über eine größere Bandbreite möglicher Silbenstrukturen und Wortformen und sie sind auf bemerkenswerte Art und Weise empfänglich für spielerische Wortbildungsprozesse, wie zum Beispiel Reduplikation und Dehnung.

Wortmalereien fallen in gesprochenen Äußerungen auf, weil sie ein großes Maß an syntaktischer Unabhängigkeit aufweisen. Darüber hinaus werden sie in vielen Sprachen mit Quotativmarkierungen, wie zum Beispiel mit “sagen” oder “tun” eingeführt, die ihre performative Eigenschaft hervorheben. All diese Merkmale tragen dazu bei, Ideophone als Darstellungen zu markieren, vergleichbar einem Rahmen um ein Gemälde, der uns sagt, dass wir es als Gemälde und nicht als Tapete interpretieren müssen.

Keinesfalls stilistische Schnörkel und Floskel

Sprache geht immer einher mit Gesten: Hier macht der Redner deutlich einen Punkt.

In der Abteilung “Sprache und Kognition” am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik studieren Wissenschaftler Ideophone im Rahmen von Feldforschungen in etlichen Sprachen der Welt. Um zu untersuchen, wie diese Wörter sensorische Wahrnehmungen kodieren, benutzen sie speziell entwickelte und gestaltete Stimulus-Materialien. Sie machen dabei Video- und Audio-Aufnahmen von alltäglichen Gesprächen, um zu verstehen, wie Menschen diese Wörter in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht gebrauchen – in der Situation also, in der Sprache entstanden ist und in der sie sich stets weiter entwickelt.

Im Verlauf unserer Untersuchungen zeigte sich, dass Ideophone keinesfalls die stilistischen Schnörkel und Floskeln sind, für die sie einmal gehalten wurden. Sie werden benutzt, um Expertenwissen während gemeinsamer Arbeit zu kommunizieren und um Erfahrungen beim Erzählen von Geschichten zu teilen und zu interpretieren. In Sprachen, die über Tausende von Ideophonen verfügen, gilt ihr Gebrauch als Zeichen höchster Eloquenz.

Ideophone fordern uns dazu heraus, Sprachtheorien und Methoden zu überdenken, und bestärken uns darin, uns von einer Betrachtung der Sprache abzuwenden, die auf ideologischen oder akademischen Traditionen gründet. Wir versuchen so einem neuen Blick auf Sprache, der auf so viele Daten wie möglich aufbaut.

Dabei sollte es uns eigentlich nicht überraschen, dass im sprachlichen Leben Darstellung genauso wichtig ist wie Beschreibung. Selbst unsere eigenen Forschungsergebnisse werden nicht nur mit abstrakten Worten mitgeteilt. Wir illustrieren sie mit Gesten, präsentieren sie auf Konferenzen und bilden sie ab mit Figuren und Diagrammen. Der Satz, ein Bild sage mehr als tausend Worte, scheint sich zu bewahrheiten. Aber was wir dabei möglicherweise übersehen haben, ist die Tatsache, dass unsere Wörter schon immer mit Bildern gewürzt waren.

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