Die Glückssucher

Eine neue Studie von Max-Planck-Wissenschaftlern zeigt: Selbständige sind zufriedener als Angestellte

20. September 2012

Seit Mitte der 1980er-Jahre nimmt die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten in Deutschland ab. Ein alarmierender Befund. Am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena untersuchen Forscher um Martin Binder, welche Rolle dabei Beschäftigungsformen und Gesundheitszustand spielen – und unter welchen Umständen das auch politisch relevant sein könnte.

Text: Ralf Grötker

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Zufriedener Glücksforscher: Martin Binder vom Max-Planck-Institut für Ökonomik untersucht, welchen Einfluss die Beschäftigungsform – arbeitslos, angestellt oder selbstständig – auf die Lebensfreude hat.

Geringe Lohnsteigerungen, wachsende Unsicherheit bezüglich der beruflichen Zukunft und schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Das sind einige der Ursachen für sinkende Arbeitszufriedenheit, wie sie das Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Essen vermeldet. Diese Entwicklung sorgt aber nicht nur bei Gewerkschaften für Diskussionen.

Das Thema Arbeitsqualität spielt auch in der Politik eine immer stärkere Rolle. So haben im Jahr 2002 Bund, Länder, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gemeinsam die Initiative Neue Qualität der Arbeit gegründet.

Gefördert wird die Initiative vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Das Ziel: mehr Arbeitsqualität. Deutschland soll als beruflicher Standort attraktiver werden. Ein anderes Beispiel: Seit 2007 koordiniert der Deutsche Gewerkschaftsbund den Index Gute Arbeit – eine jährliche Erhebung zur Arbeitszufriedenheit quer durch alle Branchen.

Auch Martin Binder, wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Evolutionsökonomik am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, befasst sich mit der Arbeitszufriedenheit. Ihn interessiert, inwiefern sich die Arbeit, aber auch Dinge wie Gesundheit, Produktinnovationen und freiwilliges Engagement auf die Lebenszufriedenheit auswirken. Denn laut Binder sind Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit, auch „Glücksforschung“ genannt, unmittelbar relevant für die Wirtschaftsforschung.

Bisher haben sich Ökonomen hauptsächlich am Einkommen orientiert, um gesellschaftlichen Fortschritt zu messen: Dazu dient das Bruttoinlandsprodukt – der am meisten verwendete Sozialindikator. Binder und auch andere Glücksforscher sind der Meinung, dass die Lebenszufriedenheit ebenso berücksichtigt werden sollte. Deshalb hat er die Faktoren der Lebenszufriedenheit untersucht.

In Binders aktueller Studie, die er zusammen mit seinem Kollegen Alex Coad von der Universität Sussex erstellt hat, geht es darum, wie sich berufliche Selbstständigkeit auf die Lebenszufriedenheit auswirkt. Bislang ist darüber wenig bekannt. Aus Umfragen weiß man zwar, dass beispielsweise Beschäftigte im Management ebenso wie hoch spezialisierte Fachkräfte im Durchschnitt mit ihrem Leben zufriedener sind als ungelernte Arbeiter oder Bauern. Verschiedene internationale Forschungen zum Thema Glück, die in der Internet-Datenbank World Database of Happiness aufgelistet sind, belegen diesen Zusammenhang. Die Ursache liegt jedoch im Dunkeln: Möglicherweise bringen die Ergebnisse nur Effekte zum Ausdruck, die durch unterschiedliche Einkommen bewirkt werden.

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Globales Glücksbarometer: Die zufriedensten Menschen leben in Costa Rica; auf einer Skala von 1 bis 10 vergaben die Bewohner des Inselstaats in der Karibik durchschnittlich eine 8,5. Deutschland liegt mit 7,25 im weltweiten Vergleich im Mittelfeld. Am schlechtesten bewerten die Bewohner afrikanischer Länder ihre Lebenszufriedenheit.

Die Daten der World Database of Happiness geben Aufschluss über das Glücks- oder Zufriedenheitsniveau im internationalen Vergleich; darüber, wie das Glücksempfinden mit den Jahren gestiegen oder gesunken ist, oder darüber, wie sich die berufliche Situation oder private Lebensentscheidungen wie etwa Heirat oder Elternschaft auf die Lebenszufriedenheit des Menschen auswirken.

Um herauszufinden, wie es um die Zufriedenheit der Menschen bestellt ist, begnügen sich die meisten Forscher, deren Arbeiten in der Datenbank versammelt sind, mit einer einfachen Frage: „Wie glücklich sind Sie mit Ihrem Leben, alles in allem betrachtet, auf einer Skala von 1 (unglücklich) bis 10 (sehr glücklich)?“ Dieser Ansatz ruft immer wieder große Skepsis hervor. Denn geht nicht jeder Mensch an eine solche Frage anders heran? Und welchen Zweck hätte es dann, die Antworten verschiedener Leute miteinander zu vergleichen?

Verhaltenspsychologen wie etwa Norbert Schwarz von der Universität Michigan haben herausgefunden, dass äußere Umstände die Frage nach dem Glück beeinflussen: Je nachdem, welche Themen im Interview vorher angesprochen wurden, geben die Versuchspersonen unterschiedliche Antworten. Positive Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit, die zur Sprache kommen, haben zur Folge, dass Menschen ihr Glück höher einschätzen – bei negativen niedriger. Menschen, die sich an länger vergangene negative Erlebnisse erinnern, schätzen ihr gegenwärtiges Glück höher ein als Menschen, die sich an ein länger zurückliegendes positives Erlebnis erinnern. Außerdem spielt es auch eine Rolle, wie der Forscher von einer Frage zur anderen überleitet. Fragt er: „Abgesehen von Ihrer Ehe – wie beurteilen Sie Ihr Leben ansonsten?“, erhält er völlig andere Antworten, als wenn er ohne diese Überleitung erst nach der Ehe und dann nach einer Gesamteinschätzung der Lebenszufriedenheit fragt.

Aus diesen Beobachtungen folgt aber auch: Dort, wo keine der beschriebenen Verzerrungen vorliegen, sind die Umfrageergebnisse valide. Zudem gleichen sich einige der Effekte wie beispielsweise der Einfluss momentaner Launen über eine größere Menge von Versuchspersonen hinweg aus. Ein weiteres Indiz dafür, dass die „Wie glücklich sind Sie?“-Umfrage belastbare Ergebnisse produziert, ist die Tatsache, dass Menschen auch die Zufriedenheit anderer einigermaßen verlässlich einschätzen können.

Stärkeres Engagement –ein negativer Faktor?

Martin Binder arbeitet nicht mit eigenen Umfragen, sondern nutzt die Resultate von in großem Stil angelegten Haushaltsbefragungen wie dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) oder der British Household Panel Survey (BHPS). Aus bisherigen Analysen der Daten war bereits bekannt, dass Selbstständige in der Tat eine höhere Arbeitszufriedenheit aufweisen als abhängig Beschäftigte – und dies, obwohl einige von ihnen schlechter verdienen und die meisten mehr arbeiten als ihre angestellten Kollegen. „Uns hat interessiert, ob sich das in eine höhere Lebenszufriedenheit übersetzt – oder ob das stärkere Engagement im Job zur Folge hat, dass andere Lebensbereiche wie Freizeit oder Familie auf eine Weise vernachlässigt werden, die in der persönlichen Glücksbilanz negativ zu Buche schlägt“, erklärt Binder.

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Den Fortschritt einer Gesellschaft haben Ökonomen bisher immer nur anhand des Einkommens bemessen. „Die Lebenszufriedenheit sollte aber auch berücksichtigt werden, da sie einen Einfluss auf die Wirtschaftsforschung hat“, sagt Martin Binder.

Mit den bisherigen Methoden ließ sich diese Frage nicht beantworten. Im Gegenteil: Sehr deutlich zeigen die vorhandenen Daten, dass sich Selbstständige und Angestellte auch in vielen anderen Eigenschaften wie etwa dem Familienstatus, Geschlecht und Alter unterscheiden – die alle für die Lebenszufriedenheit eine Rolle spielen. „Man kann zwar mithilfe sogenannter multivariater Regression ausschließen, dass der Zusammenhang zwischen Selbstständigkeit und Lebenszufriedenheit nicht durch die Selbstständigkeit, sondern eine dieser anderen Variablen zustande kommt, aber damit ist immer noch nicht die Frage der Kausalität beantwortet“, führt Binder aus. Es wird also bei der multivariaten Regression nicht deutlich, ob glückliche Menschen sich eher selbstständig machen oder ob die Selbstständigen glücklicher sind.

Selbst wenn man mit Panel-Daten arbeitet, bei denen über viele Jahre hinweg immer wieder dieselben Teilnehmer befragt werden, lässt sich mit dieser Methodik die Kausalität nicht einwandfrei bestimmen. „Es könnte ja immer noch sein, dass es etwas gibt, was die Selbstständigen systematisch anders machen als der Rest der Bevölkerung. Das kann man auch mit multivariater Regression nicht unbedingt herausrechnen.“

Am Jenaer Institut für Ökonomik arbeitet man deshalb mit einem anderen Verfahren: dem sogenannten Matching. Dabei wird, so weit wie möglich, die Methode eines klinischen Tests nachgeahmt: Die Befragten werden entweder in eine Gruppe eingeteilt, welche die „Behandlung“ (in diesem Falle: die Selbstständigkeit) bekommt, und in eine Kontrollgruppe, die die Behandlung nicht erhält. Da man Versuchspersonen in einem Experiment schlecht anweisen kann, sich selbstständig zu machen, behilft man sich mit einem Trick: Für alle diejenigen Teilnehmer der Befragungsstudie, die sich tatsächlich selbstständig gemacht haben, sucht man sich aus dem Datensatz „Zwillinge“, die ihnen in allen Eigenschaften bis auf die Selbstständigkeit möglichst stark gleichen. Dann schaut man sich im Zeitverlauf an, inwiefern der Zwilling sich anders entwickelt und in den Umfragen andere Antworten gibt als sein Bruder.

Nicht alle Selbstständigen sind automatisch glücklicher

Das Ergebnis, welches mithilfe des Matching-Verfahrens erzielt werden konnte, spricht für sich. Erstmals konnte empirisch gezeigt werden, dass Selbstständigkeit tatsächlich zu höherer Lebenszufriedenheit führt. Diese generelle Aussage konnte in verschiedener Hinsicht qualifiziert werden. Zum einen zeigen die Daten, dass es sich bei dem Zuwachs an Lebenszufriedenheit nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Zwei Jahre nach dem erfolgten Sprung in die Selbstständigkeit war die Zufriedenheit sogar noch größer. „Dieser Punkt war uns wichtig, weil wir aus anderen Bereichen gelernt haben, dass es so etwas wie hedonische Anpassung gibt: Man gewöhnt sich an neue Annehmlichkeiten – sodass der Zugewinn an Lebensqualität über die Zeit weniger wird oder sogar ganz verpufft.“ Das Gegenteil scheint der Fall bei der Selbstständigkeit.

Weiter zeigte sich, dass ein deutlicher Unterschied besteht zwischen Menschen, die sich aus einer unternehmerischen Perspektive selbstständig machen, und solchen, die in die Selbstständigkeit wechseln, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Nur die erste Gruppe erzielt deutliche Zugewinne an Lebenszufriedenheit. Ein letzter Punkt betrifft das, was in Bezug auf Einkommen und Vermögen unter dem Stichwort Ungleichheit diskutiert wird. Auch darüber geben die Ergebnisse des Matching-Verfahrens Auskunft. Obwohl tatsächlich eine kleine Gruppe hochzufriedener Selbstständiger ausgemacht werden konnte, ist, insgesamt betrachtet, die Zufriedenheit in der Gruppe der Selbstständigen mehr oder weniger gleich verteilt wie in der Gruppe der abhängig Beschäftigten.

Für sich genommen, mögen diese Resultate vielleicht nicht sonderlich erstaunen. Tatsächlich gibt es allerdings Situationen, in denen empirische Zufriedenheitsmessungen unmittelbare praktische Relevanz haben könnten. Finanziert durch die EU-Forschungsförderung werden zum Beispiel seit Kurzem groß angelegte Untersuchungen dazu durchgeführt, wie sich die Veränderungen in der Wirtschaft auf die Arbeitsqualität auswirken. Woran sich „Qualität“ bemisst, wird dabei allerdings, mangels besserer Alternativen, von den Wissenschaftlern schlichtweg gesetzt.

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„Zu sehen, wie sehr die Lebenszufriedenheit von kleinen, nicht von vornherein absehbaren Details abhängt, macht mich sehr demütig,was Politikempfehlungen angeht.“ Martin Binder in seinem Büro am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.

Mithilfe eines Verfahrens, wie Martin Binder es am Beispiel der Selbstständigkeit durchexerziert hat, ließe sich herausfinden, welchen Einfluss die unter dem Aspekt der Arbeitsqualität untersuchten Faktoren auf die Lebenszufriedenheit haben. „Auf der Grundlage solcher Daten könnten wir zumindest dafür argumentieren, dass manchen Faktoren vielleicht mehr Gewicht beigemessen werden sollte als anderen“, meint Binder.

In einer anderen Studie, die vom Aufbau ebenso gestaltet war wie die Selbstständigkeitsuntersuchung, ging Binder zusammen mit einem Kollegen der Frage nach, wie sich verschiedene Gesundheitsbeeinträchtigungen – etwa Ängste, Migräne, Allergien, Herzkrankheiten oder Krebs – auf die Lebenszufriedenheit auswirken. In dieser Studie wurde besonders deutlich, dass Menschen sich an verschiedene Krankheiten, aber auch an Linderung in ganz unterschiedlichem Maße gewöhnen – ohne dass dieser Effekt von den Menschen selbst besonders gut abgeschätzt werden kann.

Die Konsequenzen von Gesundheitsverbesserungen für die Lebenszufriedenheit, so die Untersuchungen, werden drastisch überbewertet. Bei schwerwiegenden körperlichen Beeinträchtigungen, wie sie beispielsweise mit einer Querschnittslähmung einhergehen, wird die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Biologie hingegen systematisch unterschätzt – und der Verlust an Lebensqualität überschätzt. Die Auswirkungen mentaler Beeinträchtigungen werden gegenüber jenen körperlicher Erkrankungen als niedriger beurteilt, haben aber im tatsächlich eingetretenen Krankheitsfall einen größeren negativen Effekt auf die Lebenszufriedenheit als körperliche Leiden.

„Zu sehen, wie sehr die Lebenszufriedenheit von kleinen, nicht von vornherein absehbaren Details abhängt, macht mich sehr demütig, was Politikempfehlungen angeht“, gesteht Binder ein. „Mir macht es hier eher Angst, wenn ich sehe, wie Politiker auf den Wagen der Glücksforschung aufspringen und erste vorläufige wissenschaftliche Erkenntnisse als Begründungen für ihre eigenen Ziele und Interessen verwenden. In der Lebenszufriedenheitsforschung wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt viele Dinge noch nicht gut genug, um auf der Basis wissenschaftlicher Untersuchungen Politikempfehlungen zu geben.“

Den gesellschaftlichen Nutzen der Lebenszufriedenheitsforschung sieht der Jenaer Ökonom momentan deswegen weniger in konkreten Politikempfehlungen als vielmehr darin, einen gesellschaftlichen Diskurs darüber zu initiieren, welche Ziele die Gesellschaft insgesamt verfolgen sollte. „Dass die Mehrung des materiellen Wohlstandes einen positiven Wert für unsere Gesellschaft darstellt, lässt sich in fast allen Parteiprogrammen finden“, meint Binder. „Dass dies aber der einzige Maßstab
für den Fortschritt einer Gesellschaft sein soll, lässt sich aus Sicht der Glücksforschung bezweifeln.“ Hier kann die Wissenschaft die Bürger darüber informieren, welche Lebensbereiche neben dem materiellen Wohlstand Einfluss auf ihr Wohlergehen haben und inwieweit dieser Einfluss dauerhaft ist oder nicht.

Systematische Schwächen genau lokalisiert

Konkrete Anwendungsmöglichkeiten für die Resultate der „Glücksforschung“ gibt es dennoch reichlich. So könnte man etwa in der Kosten-Nutzen-Analyse von teuren Spezialpräparaten den Zugewinn an Lebenszufriedenheit zum Kriterium dafür machen, ob in Zeiten knapper Mittel ein Medikament zum Einsatz kommen soll oder nicht. Müssen knappe Mittel auf zwei verschiedene Behandlungen verteilt werden, so könnte man systematisch die Behandlung priorisieren, die für diegegebenen Kosten mehr Leid vermeidet (oder Glück stiftet).

In der Gesundheitspolitik wird so etwas vom Ansatz schon länger diskutiert und auch seit Jahren in manchen Ländern eingesetzt. Dabei handelt es sich um das sogenannte QALY-Verfahren. QALY steht für „Quality-Adjusted Life Year“ und funktioniert etwa so: Einem Patienten, der unter einer bestimmten Krankheit leidet, wird in einer hypothetischen Situation ein Medikament angeboten, das seine Krankheit heilt. Allerdings birgt es auch das Risiko eines sofortigen Todes. Nimmt er das Medikament? In dem Experiment wird die Wahrscheinlichkeit zu sterben so lange variiert, bis der Patient nicht mehr genau sagen kann, ob er lieber das Risiko einer Behandlung in Kauf nehmen oder bis zu seinem natürlichen Tod mit der Krankheit leben will. Die Risikozahl gilt dann als Indikator dafür, wie hoch der Patient seine gegenwärtige Lebensqualität einschätzt.

Es hat sich allerdings gezeigt, dass Individuen nicht besonders gut darin sind, die Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität durch Krankheiten adäquat abzuschätzen. Mithilfe von Untersuchungen, wie Binder sie durchgeführt hat, lässt sich zeigen, wo genau beim QALY-Verfahren sich diese systematischen Schwächen bemerkbar machen. „Wenn eine Krankenkasse zum Beispiel ausrechnen müsste, wie hoch der messbare Verlust an Lebensqualität im Falle einer Querschnittslähmung ist, würde man mit unserer Methode vielleicht herausfinden, dass dieser Verlust viel niedriger ist als im Falle schwerer Angstattacken, obwohl Individuen das genau andersherum einschätzen“, erklärt der Glücksforscher. Orientiert man sich dann an der möglichst kosteneffizienten Linderung von Leid, müsste man eigentlich die Angstbehandlung vorziehen.

„So lässt sich etwas ethisch durchaus begründen. Aber das kann natürlich keine Entscheidung von Gesundheitsökonomen und anderen Experten mehr sein, sondern erfordert einen breiten Konsens in der Gesellschaft.“ Gefragt wäre in diesem Fall dann die Transparenz der Entscheidungskriterien – und möglicherweise auch Aufklärung darüber, wie sehr wir uns verschätzen, wenn wir die Auswirkung zukünftiger Krankheit oder Genesung auf die eigene Lebensqualität beurteilen.

Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit könnten auch ein wichtiges Korrektiv für Modelle rationaler Entscheidung sein. Nach solchen Theorien wählen Menschen bewusst-rational etwa den Konsum von Zigaretten so, dass er ihr Wohlergehen positiv beeinflusst. Dabei, so die Theorie, wird die Freude, die aus dem Rauchen resultiert, bewusst mit den gesundheitlichen Gefahren, die der Tabakkonsum birgt, verrechnet. Von daher liegt der Schluss nahe, dass Raucher den Nutzen, den sie durch die Zigarette erfahren, höher bewerten als die Gesundheitsrisiken.

Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit zeigen ein realistischeres Bild der Situation, nämlich dass Raucher, unter Konstanthaltung aller anderen Faktoren, mit ihrem Leben unzufriedener sind als Nichtraucher und damit offenbar der Zigarettenkonsum eben gerade keine rationale Entscheidung zur Maximierung des Wohlergehens darstellt. Ein Indiz dafür sind auch zahlreiche Studien, die zeigen, dass viele Raucher durchaus den Wunsch haben, aufzuhören, es aber nicht schaffen.

Noch weitere Anwendungen sind denkbar: „Auch die Beeinträchtigungen der Bürger etwa durch Flughafenlärm lassen sich mit Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit präziser messen – anstatt dafür, wie üblich, betroffene Individuen Geldwertentsprechungen angeben zu lassen“, sagt Binder. Selbst will sich der Ökonom, der im Herbst eine neue Position im Forschungsbereich Science & Technology Policy an der Universität Sussex in Brighton antritt, zukünftig vor allem mit den Auswirkungen von Unternehmertum und Innovationen auf die Lebenszufriedenheit befassen – und damit am gesamten Jenaer Max-Planck-Institut langjährig erforschte Themen nach Großbritannien bringen.

AUF DEN PUNKT GEBRACHT

  • Bei der Messung des gesellschaftlichen Fortschritts spielt neben dem Bruttoinlandsprodukt (also dem materiellen Wert) auch die Lebenszufriedenheit eine Rolle.
  • Äußere Umstände beeinflussen die eigene Einschätzung der Lebenszufriedenheit. Schaltet man jedoch bei der Befragung diese Einflussfaktoren bewusst aus, erhält man trotzdem aussagekräftige Ergebnisse.
  • Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Ökonomik hat die äußeren Umstände durch ein Matching-Verfahren berücksichtigt und erstmals empirisch gezeigt, dass Selbstständigkeit tatsächlich zu höherer Lebenszufriedenheit führt.

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