Niedrige Geburtenraten steigen wieder

Weltweite Trendumkehr in entwickelten Ländern

8. Dezember 2009

Die Zeiten extrem niedriger Geburtenraten von unter 1,3 Kindern pro Frau sind vorbei. Wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock (MPIDR) belegen, kehrte sich der Trend extrem niedriger und weiter sinkender Geburtenraten um. Der Grund: Eltern schieben die Geburt ihrer Kinder weniger stark auf als früher, hauptsächlich motiviert durch die Wirtschaftsentwicklung. Die Max-Planck-Forscher gehen davon aus, dass die Zahlen der Kinder pro Frau weiter steigen werden. (Population and Development Review, Dezember 2009)

Geburtenraten im Aufwind: Von ehemals 16 europäischen Ländern liegt heute nur noch eins bei unter 1,3 Kindern pro Frau. Ostdeutschland lag 2008 um 0,63 Punkte über seinem Minimum, Italien 0,22 und Tschechien um 0,37 Kinder pro Frau.

Noch 2002 waren die Geburtenraten in 16 europäischen Ländern niedriger als 1,3 (s. Datenblatt), im Jahr 2008 unterschritt nur noch eins (Moldawien) diese Marke. Die Ziffern stiegen zum Teil beachtlich, etwa in Ostdeutschland: Seit dem Minimum im Jahr 1994 (0,77 Kindern pro Frau) bis 2008 um ganze 0,63 Punkte. Mit 1,4 Kindern pro Frau liegt das Level nun über dem Westdeutschlands (1,37). "Die Angst vor einer Bevölkerungsimplosion, die während der extrem niedrigen Geburtenraten der 90er-Jahre aufkam, ist unbegründet", sagt Joshua R. Goldstein, Direktor des MPIDR, der jetzt in der Fachzeitschrift »Population and Development Review« zusammen mit Tomáš Sobotka vom Wiener Institut für Demografie und Aiva Jasilioniene vom MPIDR die jüngste Entwicklung der Geburtenraten analysiert hat.

Zwar liegen die Ziffern immer noch unter 2,1 Kindern pro Frau, die nötig wären, um die Größe einer Bevölkerung aufrecht zu erhalten (ohne Wanderungseinflüsse). Aber: "Zum ersten Mal seit dem Baby-Boom in den 60er-Jahren nehmen die Geburtenraten gleichzeitig in den entwickelten Ländern rund um die Welt zu", sagt Demograf Goldstein.

Extrem niedrige Geburtenraten nur Übergangseffekt durch Aufschieben der Geburten

Für den Max-Planck-Direktor erweisen sich die extrem niedrigen Geburtenraten damit als Übergangseffekt: Hervorgerufen dadurch, dass immer mehr Eltern immer später Kinder bekamen. Die Mathematische Formel für die stets aktuell berechnete Geburtenrate (»Zusammengefasste Geburtenziffer«) lässt deren Wert umso niedriger ausfallen, je stärker die Eltern aufschieben. Nun, da die Tendenz zur immer späteren Geburt abflaut, erholen sich auch die Geburtenraten.

In diesem Sinn waren die extrem niedrigen Ziffern ein vor allem rechnerischer Effekt: Die Zahl der tatsächlich Neugeborenen war zwar in den 90er-Jahren ebenso stark reduziert wie die zusammengefasste Geburtenziffer. Doch im Lauf ihres Lebens bekommt jede Frauen mehr Kinder, als es die niedrigen Geburtenraten glauben ließen. "Vermutlich liegen die endgültigen Werte in fast allen Ländern mit ehemals extrem niedrigen Raten zwischen 1,5 und 1,8 Kindern pro Frau", sagt Joshua R. Goldstein. In der öffentlichen Debatte wurde dieser Zusammenhang oft übersehen und niedrige Raten auch für die Zukunft angenommen.

Jobsituation für Geburtenverhalten offenbar wichtiger als Familienpolitik

Die Demografen untersuchten auch, inwieweit wirtschaftliche und politische Gründe die Eltern dazu bringen, den aufgeschobenen Kinderwunsch nun doch umzusetzen. Ihre Daten aus der Zeit vor der momentanen Finanz- und Wirtschaftskrise zeigen: Die Jobsituation beeinflusst die Eltern am stärksten. In einigen Ländern wie Spanien oder Polen begannen die Geburtenraten genau dann wieder nach oben zu klettern, als dort die Arbeitslosenzahlen zurückgingen. Schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt bewirkten offenbar das Gegenteil: In acht von neun Ländern waren die Raten zuvor gefallen, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit gestiegen war. Doch wirtschaftliche Faktoren können das Geburtenverhalten nicht allein erklären: In Ungarn etwa stieg die Geburtenziffer, obwohl die Arbeitslosigkeit zunahm.

Ob auch Familienpolitik höhere Geburtenraten bewirkt, lässt sich mit den neuen Zahlen nicht eindeutig belegen. In einzelnen Ländern scheint es einen positiven Zusammenhang zu geben: Nachdem etwa Spanien 2007 einen Baby-Bonus von 2.500 Euro pro Neugeborenem eingeführt hatte, stieg die Zahl der Kinder pro Frau 2008 vergleichsweise stark (um 5%). Ähnliche, wenngleich schwache und wahrscheinlich vorübergehende Effekte aus Russland, Singapur und Australien bekannt sind.

In Tschechien hingegen führten neue, finanziell großzügigere Regeln wie höheres Elterngeld nicht zu bemerkenswerten Veränderungen: Die Geburtenraten stiegen bereits ab 2003, obwohl entscheidende politischen Maßnahmen erst 2005 beschlossen wurden und ab 2007 richtig griffen. Auch in anderen Ländern zeigte Familienpolitik kaum Wirkung. "Um klar sagen zu können, ob und wie politische Maßnahmen wirken, muss weiter erforscht werden, welchen Einfluss anderen Faktoren gleichzeitig haben, und wie sie zusammenhängen", sagt MPIDR-Direktor Joshua Goldstein.

Zur Redakteursansicht